Reeperbahn-Theater

Ein Abend mit schwarzem Humor im Imperial-Theater

Foto: Imperial-Theater

Ein Wiener Liederabend auf der Reeperbahn mit Marko Formanek in Top-Form. Sein Humor: todtraurig, weinselig und zynisch.

Hamburg. Stockfinster wird's auf der Bühne. Klavierspieler Stephan Sieveking entzündet eine dicke Kerze auf dem Piano. Die Grablichtstimmung erhellt Marko Formanek nur schwach mit dem makabren Witz von Wolfgang Ambros' Geburtstagslied zum 100. des Wiener Zentralfriedhofs. Es gibt auch seinem "wienerlichen Liederabend" den Titel: "Es lebe der Zentralfriedhof". Formaneks pumperlg'sundes laszives Besingen von Leichen, Nekrophilen und Zyankali steht dem Imperial-Theater gut. Schließlich wird auf der Krimi-Bühne an der Reeperbahn allabendlich professionell gemordet.

"Die Wiener haben so viel Ausdrücke fürs Sterben wie die Eskimos für Schnee", sagt Formanek süffisant lächelnd. "Er hot den Ab'gang g'macht", gibt er leutselig ein Beispiel. Noch ein anderes: "Er hot se in' Holzpyjama g'schmissen" (Er hat sich in den Sarg gelegt). Wo, wenn nicht in der morbiden Habsburgerresidenz an der schönen blauen Donau hätte ein Kaiser den Sparsarg erfinden können: Joseph II., ein imperialer Rationalist, führte den aufklappbaren Boden zu zigmaliger Verwertung der Holzkiste ein.

Nach der Anekdote vom "Herzstich", den man im gemütlichen Wien noch heute für 300 Euro beim Arzt bestellen kann, um nicht scheintot begraben zu werden, bekennt Formanek in einer beckenwippenden Peter-Krauss-Parodie mit geilem Glitzern in den blauen Augen: "Tote Lippen muss ich küssen". Um darauf grabsteinerweichend - mit Rainhard Fendrichs "Zweierbeziehung" - seinen zu Schrott gefahrenen Luxusschlitten zu beweinen: "Gestern hat mi's Glück verlassen, du liegst am Autofriedhof draußen ... Und übrigbliebn is nur a Havarie." Makaber ist auch Gerhard Bronners Ballade über "Die alte Engelmacherin vom Diamantengrund". Sie verwandelte Ungeborene in Engerln, um nach ihrem Tod dann von ihnen im Himmel derschlogn zu werden.

Der schwarze "Weaner Hamur" ist schon eine sehr spezielle Sache. Die Lieder von Georg Kreisler ("Gemma Taub'n vergiften im Park") und Bronner zeugen davon. Den im Norden nicht so bekannten giftigen Wiener Chansonnier aus der Schule von Nestroy stellt Formanek mit einigen Titeln vor: "Zyankali", "Bitte erschieß deinen Gatten" und komödiantisch ausgekostet die zungenbrecherische Zugabe: "Die Schönheitskonkurrenz".

Auch für Ralph Benatzkys Loblied auf "A Mehlspeis'" erhält Formanek begeisterten Beifall. Vielleicht deshalb, weil wohl jeder an der Waterkant auch Kaiserschmarrn und Zwetschgenknödel zu schätzen weiß. Er bringt mit nicht immer gemütlichem "G'müat" österreichisches Lebensgefühl über die Rampe, schwankt zwischen todtraurig, weinselig und zynisch. Schelmisch unter der Schiebermütze blinzelnd und mit schwerem Zungenschlag stimmt der Herzenswiener zum Finale die Säuferhymmne "I bin a stiller Zecher" an. Und entlässt die eingewienerten Zuschauer in die heiße Sommernacht mit großem Durst auf einen kühlen, spritzigen Heurigen.