Literatur

Wie die Zukunft aussehen könnte: Isebekkanal, 2050

Foto: Juergen Joost

Beim Schreibseminar "Fantastischer Sommer" verfassen Jugendliche unglaubliche Geschichten und Drehbücher.

Isebekkanal. Das eine sind die ästhetischen Urteile, ja: Verurteilungen. Stephenie Meyer, Joanne Rowling, Cornelia Funke, tyrannische Herrscherinnen über die Bestsellerlisten, gelten nicht als anspruchsvoll und sind es auch nicht. Das andere ist die Anziehungskraft, die die Harry Potters, Tintenherzen und Vampire auf junge Leser ausüben. Für die waren die mit dem Übersinnlichen in fruchtbarer Verbindung stehenden Romanhelden ursprünglich ohnehin gedacht - Fans haben sie auch bei Erwachsenen.

Fantasy-Bücher sind so spannend und aufregend wie Schulferien

Im Hinblick auf die Literaturvermittlung , auf den lesenden Nachwuchs (und die Bilanzen der Verlage) sind die Fantasy-Bücher ein Gottesgeschenk. Fantasy ist der Tendenz nach immer das, was Grass und Walser nicht sind. Also schnell, spannend, aufregend. So wie (mit Ausnahme des "schnell") Schulferien sein sollen. Die Hamburger Literaturagentin Annette Pauw weiß, wie schwer es ist, gerade die Kinder in Familien aus den sogenannten "bildungsfernen Schichten" zu erreichen. Mit Fantasy-Büchern kann man das schaffen, sagt Pauw, "und noch besser ist es, wenn Jugendliche selbst schreiben". Klingt einigermaßen utopisch: dass Kinder und Jugendliche, die aus Familien kommen, in denen nicht gelesen wird, selbst zum Stift greifen.

Aber Pauw hat das im vergangenen Jahr geschafft mit einem Literatur-Workshop in Wilhelmsburg, einem Fantasy-Schreibseminar, in dem Jugendliche unter professioneller Anleitung Geschichten und Drehbücher entwickelten. Nun gibt es eine Neuauflage des Programms, in Wilhelmsburg, wo das Schreibseminar auf einer Schute stattfindet (die Veranstaltung ist bereits ausgebucht), und in Eimsbüttel, wo sich die Nachwuchsschreiber vom 26.7. bis zum 3.8. auf einer Schute im Isebekkanal oder in der Theaterschule Zeppelin treffen.

"Schreiben hilft der Seele", sagt die erfahrene Literaturvermittlerin Pauw ein wenig esoterisch. Weniger recht hat sie damit nicht, Pauw glaubt fest daran, den Teilnehmern jede Menge Selbstvertrauen einzubimsen, wenn sie ihre Gedanken, Fantasien, Sorgen, Ängste und Hoffnungen verbalisieren. Und die Beschäftigung mit Literatur - Stichworte: Auffassungsgabe, Reflexionsvermögen, Sprachgefühl, Kontemplation - hat bis auf die Überanstrengung der Augen nur schöne Begleitumstände.

Der Isebekkanal ist eine Quelle der Inspiration für den Nachwuchs

Es ist auch in dieser Zeitung zuletzt kein gutes Haar am Deutsch-Unterricht gelassen worden, der Schriftsteller und Poetik-Dozent Hanns-Josef Ortheil schlug in einem Interview vor, "den jungen Leuten die Schulbildung im Fach Deutsch zu ersparen. Denn was gegenwärtig dabei herauskommt, ist den Namen nicht wert." Pauw will es, gemeinsam mit ihren Mitstreitern, besser machen. Die ersten Schreibübungen, Stoffentwicklungen und Kreativprozesse werden von versierten Autoren wie Dirk C. Fleck und Nina George begleitet. Gearbeitet wird, zum Beispiel, mit stimulierenden Inspirationsquellen wie Bildern - im Falle des Kurses am Isebekkanal sind sie direkt vor Ort.

Dort lautet die Aufgabenstellung: Am Ende soll jeder der zwölf Teilnehmer eine fertige Geschichte vorlegen. Dem Sieger winkt der einzig wahre Preis für einen Drehbuchautor: Das Werk soll verfilmt werden, über den Sieger entscheidet eine Jury.

Die Science-Fiction hat schon immer die Gemüter der Menschen bewegt. Wie es in 40 Jahren in Eimsbüttel aussieht? Pauw rechnet fest mit guten Plots - und enthusiastischen Teilnehmern, die bei der Abschlussveranstaltung stolz aus ihren Produkten lesen. "Wir sind froh, Unterstützer in Hamburg gefunden zu haben", erklärt Pauw, "und setzen auf kleine Arbeitsgruppen." Was ein konzentriertes Arbeiten ermöglicht, aber: "Natürlich wäre es am besten, wenn wir auf diese Weise noch mehr junge Menschen erreichen könnten." Weil, so die unbedingt zustimmungspflichtige Meinung des Buchstabenmenschen Pauw, die Hans-Ulrich Treichel zitiert: "Wer ernsthaft schreibt, tut dies nicht zuletzt, um das eigene Leben in Balance zu bringen."

Fantastischer Sommer. Das Fantasy-Schreibseminar für Jugendliche (12 bis 21 Jahre), 26.7. bis 3.8., 11-16 Uhr. Ort: Isebekkanal. Die Teilnahme ist kostenlos, Anm. unter T. 34 96 26 75.