Literaturpreise

Wenn aus der Pflege der Literatur ein Pflegefall wird

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Armgard Seegers

In Klagenfurt startet der wichtige Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Aber nicht jede Autorenförderung ist wirklich sinnvoll.

Hamburg. Morgen beginnt in Klagenfurt der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, der wichtigste deutschsprachige Literaturwettbewerb des Jahres. Wer von den 14 Autoren, die die sieben Juroren eingeladen haben, aus dem dreitägigen Lesemarathon als Sieger hervorgeht, der bekommt nicht nur ein Preisgeld von 25 000 Euro, sondern gilt auch als literarisch etabliert. Literaturförderung dieser Art ist sinnvoll und notwendig. Das trifft aber nicht auf alles zu, was hierzulande an Autorenförderung stattfindet.

Manchmal hat man den Eindruck, als gäbe es in unserem Land mehr Literaturpreise als Schriftsteller. Mehr als 1000 Preise, Aufenthalts- und Arbeitsstipendien werden jährlich vergeben. Das macht rein rechnerisch drei Preisreden und drei Dankesreden im Namen der Literatur. Täglich. Gibt es Öderes? Und wozu dienen eigentlich all diese Preise, nach deren Berechtigung kaum jemand fragt?

Unumstritten sind Auszeichnungen wie der "Deutsche Buchpreis", der im Oktober, vor Beginn der Frankfurter Buchmesse, den besten Roman deutscher Sprache herausheben soll. Seit seiner ersten Vergabe im Jahr 2005 hat der mit 25 000 Euro dotierte und vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestiftete Preis jeweils für enorme Auflagen- und Verkaufssteigerungen der prämierten Werke und für den Ruhm der Autoren gesorgt.

Jedenfalls ist er unter den zahllosen Literaturpreisen beinahe der einzige, der ein wirkungsvolles Instrument zur Verkaufsförderung ist und von ausländischen Verlagen, wenn es um Lizenzvergaben geht, beachtet wird. Der "Preis der Leipziger Buchmesse" ist ebenfalls bedeutend, bleibt aber fast ohne vergleichbare verkaufstechnische Wirkung.

Echte Anerkennung ist natürlich auch mit Auszeichnungen wie dem Büchner-, Kleist-, Heine-, Breitbach- oder Goethepreis verbunden.

Für Literaturförderung werden in Deutschland mehr als 55 Millionen Euro jährlich ausgegeben. Hinzu kommen unzählige Wettbewerbe, bei denen insgesamt rund fünf Millionen Euro vergeben werden. Allein der Deutsche Literaturfonds fördert jährlich mit mehr als einer Million Euro literarische Werke. Jedes Bundesland vergibt Arbeits- und Jahresstipendien. Manch ein Ort auch noch Aufenthaltsstipendien an Stadtschreiber. Ein bekannter Autor, dem dieses Amt kürzlich angetragen wurde, jammerte nur: "Ich lass mich in dem Kaff bestimmt nicht oft sehen." Zahllose Regionen, Städte und Ortschaften verleihen Literaturpreise, zumeist zwischen 2000 und 10 000 Euro dotiert. Festivals und Messen, private Stifter und Stiftungen vergeben literarische Auszeichnungen.

Darunter sind dann auch solche - und hier seien nur einige genannt - wie der Augspurg-Heymann-Preis für couragierte Lesben oder der Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für "aufrechte Literatur". Oder der AMF-Preis. Er ist mit einer Urkunde und einer Flasche "ehrlichen" Landweins dotiert. Ist das noch ernst gemeint oder schon ein Witz, eine Satire, wie von Loriot erfunden? Oder der Heinrich-Schmidt-Barrien-Preis für Personen, die sich um die niederdeutsche Sprache verdient gemacht haben. Als Auszeichnung bekommt der Gewinner einen Wanderpokal in Form einer Büste des namensgebenden Schriftstellers überreicht. Wer einigermaßen normal empfindet, stellt sie in den Abstellraum - neben unerwünschte Weihnachtsgeschenke wie handgestrickte Puppen oder Zinnteller.

Braucht man Literaturpreise, die, wie der mit 3000 Euro dotierte Gesswein-Preis, nur an Autorinnen und Autoren geht, deren Texte in autorisierter deutscher Fassung vorliegen und die in Österreich geboren wurden oder in Österreich ihren Wohnsitz resp. Lebensmittelpunkt haben?

Es gibt eigentlich für alle und jeden einen passenden Literaturpreis, man muss ihn nur finden. Auszeichnungen, die so ausdifferenziert sind, dass - überspitzt formuliert - ein schwäbisch schreibender Bartträger, der Lyrik über Korbblütler formuliert, gezielt gefördert werden kann.

Nun mag es schön sein, dass der Literaturproduktion in unserem Land so viel Anerkennung gezollt wird, dass jeder, der ein Buch schreiben will, eine passende Förderung bekommen kann (insbesondere heutzutage, da sogar Menschen eine staatliche Prämie bekommen, die sich ein neues Auto kaufen wollen).

Andererseits sieht so viel Subventionsförderung schwer nach Krankengeld aus. Geld, das man einer maroden Branche, einer kränkelnden Spezies zukommen lässt, weil sie es offenbar alleine nicht schafft, Qualität von Quantität zu unterscheiden. Aus der Literaturpflege wird der Literaturpflegefall. So verfuhr der Staat früher mit der Kohle-Subvention, als jeder Arbeiter im Bergbau mit mehr Geld gefördert wurde, als er hätte verdienen können.

Günter Berg, Leiter des Verlages Hoffmann und Campe, fasst die verflixte Abhängigkeit der Autoren von ökonomischen Gegebenheiten zugespitzt so zusammen: "Amateure bekommen Preise, Profis verdienen Geld", und "Am Ende schmückt das Preisgeld den Auslober oft mehr, als es dem Autor auf seinem langen und unsicheren Weg zum wirklichen Erfolg nützt." Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, ergänzt: "Natürlich gibt es zu viele Preise, und manche davon fördern nur Preis-Prosa. Andererseits helfen viele Preise vielen Autoren, dass sie nicht vollkommen unter das Existenzminimum rutschen."

Natürlich ist es angesichts der geringen Verdienstmöglichkeiten von Schriftstellern notwendig - denn nur sehr, sehr wenige können vom Schreiben leben -, Autoren mit Preisgeldern zu fördern. Aber man unterstützt damit auch einen urwaldartigen, literarischen Wildwuchs, man subventioniert Menschen, denen man nicht ernsthaft die Berufsbezeichnung Schriftsteller ausstellen dürfte. Hobbyschreiber also. Und es gibt viele, sehr viele Menschen, die versuchen, irgendwann im Leben ein Buch zu schreiben. Man braucht dazu keine teuren Produktionsmittel, wie sie etwa Musiker, Filmemacher, Maler oder Bildhauer benötigen. Für Theaterleute, Opernsänger und Balletttänzer müssen gar (zumeist) staatlich subventionierte Häuser vorhanden sein.

Und Autoren? Die schreiben einfach drauflos. Bei gut 10 000 belletristischen Titeln, die jedes Jahr in Deutschland erscheinen, ist rein rechnerisch für jeden zehnten Autor ein Literaturpreis drin. Hoffen wir, dass es kein Zinnteller, keine Büste und kein "unehrlicher" Landwein ist.