Erstes Soloalbum

Boris Lauterbach, der tanzende König

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Heinrich Oehmsen

Auf seinem ersten Soloalbum erinnert sich Fettes-Brot-Mitglied "König" Boris Lauterbach an die Lieblingsplatten seiner Jugend.

Hamburg. Wie ein Sonnenkönig sieht er nicht gerade aus. Das mit einem schwarzen Blitz verzierte linke Auge erinnert an die Glamrocker von Kiss, auf dem Kopf trägt er einen Hut mit einer blauen Feder, an die Uniformjacke sind verschiedene Sticker genäht, am größten ein roter Stern auf weißem Grund. Auf eine Hip-Hop-Bühne könnte König Boris in so einem Outfit wohl kaum gehen, aber um Rap geht es auch nicht. "Der König tanzt" nennt Boris Lauterbach sein erstes Soloprojekt. Während Schiffmeister und Doktor Renz, seine beiden Kollegen bei Fettes Brot, die derzeitige Pause des Hip-Hop-Trios dazu nutzen, sich um ihre Familien und Kinder zu kümmern, konnte König Boris die Füße nicht stillhalten. Er ist ins Studio gegangen und hat ein Album veröffentlicht, das, von Fettes Brot aus gesehen, auf der anderen Seite des Pop-Universums erstrahlt.

"New Wave und Punk ist neben Hip-Hop der andere Teil meiner musikalischen Sozialisation. Ich habe als Teenager viel Dead Kennedys, Joy Division und vor allem The Cure gehört. Deren Album ,Three Imaginary Boys' zählt immer noch zu meinen Lieblingsplatten aus dieser Zeit", sagt König Boris. "Jetzt noch ein Album zu machen, das nach Fettes Brot klingt, macht keinen Sinn. Deshalb habe ich mich ein wenig zurück erinnert."

"Der König tanzt" besitzt entsprechenden Wiedererkennungswert durch Lauterbachs Bühnennamen bei Fettes Brot, er ist Titel des Albums und eines Songs und gleichzeitig auch Programm für den aktuellen Sound, denn König Boris lädt auf den zwölf neuen Songs zu einer ausgelassenen Party. Als Retro-Platte empfindet der 37 Jahre alte Rapper und Sänger sein Werk nicht, eher als eine Rückbesinnung, die mit den Möglichkeiten moderner Studiotechnik auf den neuesten Standard gebracht worden ist.

Die Referenzen sind dennoch deutlich. "Nur für 1 Tag" mit seinen nostalgischen Schulhoferinnerungen klingt wie eine Liebeserklärung an Tears For Fears. Ein knochentrockener Bass, wie er den Sound der Gang Of Four prägte, eröffnet "Der Stoff, aus dem die Träume sind" und dominiert "Katzengold", Synthesizer- und Keyboard-Gewummere gewinnen eindeutig die Oberhand über die Gitarre, dem wichtigsten Instrument im Rock der 60er- und 70er-Jahre. Aber dass man auch zu Synthi-Beats trefflich tanzen kann, haben in den 80er-Jahren schon Combos wie Depeche Mode, Duran Duran und Heaven 17 vorgemacht. Dass König Boris seine Texte mehr ruft, als dass er sie singt, tut dem Spaß jedoch keinen Abbruch. "Wer eine tolle Stimme hören will, muss zu Céline Dion gehen", sagt er und macht seinen Standpunkt selbstbewusst klar: "Mir wird in der deutschen Musiklandschaft zu viel gekuschelt. Dem wollte ich musikalisch und optisch etwas entgegensetzen", sagt Boris. "Wenn Leute sich in ihren Schlafanzügen auf die Bühne stellen und traurige Lieder singen und am besten alles so sein muss, wie zu Hause auf'm Sofa, finde ich das langweilig."

+++ König Boris mit neuer Single: "Alles dreht sich" +++

+++ Der nordische Groove ist derselbe geblieben +++

+++ Lena und Fettes Brot räumen in Bochum ab +++

Doch diese Künstlichkeit von Boris' neuem Outfit ist nicht jedermanns Sache. Der in Hamburg geborene Popkünstler erzählt, dass sich einige Fans während der zurzeit laufenden Tournee von seinem Königs-Look provoziert fühlen und ihn abfällig als "schwul" bezeichneten. Darin erkennt er einen neuen Hang zur intoleranten Spießigkeit.

Solche Reaktionen zeigten aber auch die Unkenntnis der Popgeschichte, denn schon in den 70er-Jahren haben Glam-Rocker in ähnlich überkandidelten Outfits die Bühnen der Welt betreten und wurden gefeiert. Boris selbst nennt David Bowie, Adam & The Ants, aber auch die Figuren aus Stanley Kubricks Film "Uhrwerk Orange" als Vorbilder für diesen Look, ein Gegenentwurf zu der von ihm als langweilig empfundenen Authentizität anderer Künstler. Die gerade in Hip-Hop-Kreisen übliche herablassende Verwendung des Begriffs "schwul" ist für Boris nichts Neues. Mit Fettes Brot haben die drei Rapper die Schmähung in dem Song "Schwule Mädchen" bereits vor vielen Jahren konterkariert.

In den Texten auf seinem Soloalbum übt Boris verhaltene Gesellschaftskritik, in der er jedoch mehr Fragen stellt als Antworten gibt. "Die Speicher sind voll, die Köpfe sind leer/Wo kriege ich nur mein Update her?" heißt es zum Beispiel in "Alles dreht sich", der vor einigen Wochen vorab ausgekoppelten ersten Single. Boris erklärt die Zeilen so: "Wir leben in einer Hochgeschwindigkeitsgegenwart, aber viele Leute reagieren darauf mit einem Rückzug ins Private, weil sie sich überfordert fühlen. Das geht mir manchmal auch so. Aber ich glaube, dass man am Ball bleiben und informiert sein muss, auch wenn man nicht sofort Position zu einer komplexen gesellschaftlichen Frage beziehen kann." Deutlich Konsumkritik äußert er in "Wunderbare Zeiten", einem kurzen, schnellen Song, der das Album beschließt: "Der Lebensinhalt vieler Leute scheint nur darin zu bestehen, alles haben zu wollen und dann möglichst wenig dafür zu bezahlen. Das macht sie hässlich", sagt er.

Auch zu der gerade laufenden Debatte zum Urheberrecht äußert sich der selbst ernannte Pop-König: "Künstler müssen natürlich bezahlt werden. Vielleicht muss bei Musik- und Kunstliebhabern noch eine bessere Gewissensbildung einsetzen. Aber Teenager, die illegal Musik aus dem Netz gezogen haben, mit Anwälten zu jagen und mit fünfstelligen Geldsummen zu bestrafen, ist nicht die richtige Antwort auf das Problem." König Boris glaubt an eine zukünftige Lösung der Bezahlung, zum Beispiel über eine Kultursteuer oder eine Flatrate. "Zurzeit befinden wir uns in einer Übergangsphase mit ungeordneten Wildwest-Manieren. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden, die Künstler und Konsumenten zufriedenstellt."

Nicht umsonst oder downloadbar ist auf jeden Fall das (ausverkaufte) Konzert von Der König tanzt am Sonntag im Uebel & Gefährlich. Das wird eine Premiere: König Boris mit New-Wave-Show, mit Hut und blauer Feder.

"Der König tanzt" ist bei Indigo erschienen. Das Konzert im Uebel & Gefährlich ist ausverkauft.