"Tod eines Handlungsreisenden"

St.-Pauli-Theater: Willy Loman, das sind wir alle

Wilfried Minks inszeniert das Wirtschaftskrisendrama "Tod eines Handlungsreisenden" mit grandiosen Hauptdarstellern am St.-Pauli-Theater.

Hamburg. Willy Loman ist ein lächerlicher Mensch. Und gleichzeitig ein tragischer Mensch. Darin liegt seine Größe. Loman reist seit 34 Jahren als Vertreter übers Land, nun ist er Mitte 60, ausgebrannt, erschöpft, einsam. Er fühlt die Leere seines Lebens. Doch er träumt immer noch vom Erfolg, ist voller Hoffnung, dass etwas Fantastisches passieren wird. Wenn nicht mit ihm, dann zumindest mit seinem Sohn Biff, dessen Hang zum Klauen er negiert und dessen Misserfolge er sich schönredet. Willy ist ein Mann, der in der Zukunft lebt. Oder in der Vergangenheit. Die Gegenwart, das sind Schulden, fällige Versicherungs- und Ratenzahlungen und eine Ehefrau, die so stark und gutgläubig ist, die so sehr alles Hässliche von ihm fernzuhalten sucht, dass Loman gar nicht anders kann, als ausfallend oder überschwänglich zu reagieren. Loman ist ein Wirklichkeitsverdränger, der sich, ähnlich wie Tschechows Onkel Wanja, verbittert in die Arbeit stürzt, um zu vergessen.

Wie lebt man weiter, wenn die Träume geplatzt sind? Für Willy Loman heißt die Antwort Sterben. Am Ende, als Loman entlassen ist und seine Söhne ihn verlassen, steht "Der Tod eines Handlungsreisenden". Loman bringt sich um, damit seine verarmte Familie die Versicherungsprämie kassieren kann. Arthur Millers Stück, das unser System kritisiert, weil es Erfolg, Reichtum und Karriere vergöttert, machte den Autor unsterblich. In nur acht Wochen schrieb Miller diesen Klassiker, der nicht nur den tragischen Fall und die Lebenslügen eines Mannes beschreibt, sondern auch Kritik an einer Gesellschaft übt, die den Wert eines Menschen nach seinem Status bemisst.

+++ Klaußner spielt Willy Loman +++

Das Stück, 1949 geschrieben, ist damit zeitlos und wird immer wieder aufgeführt. Nicht nur, weil es grandiosen Stoff für einen Schauspieler liefert, der alles zwischen Wahn und Wirklichkeit, Überleben und Sturz spielen kann. Sondern auch, weil die Widersprüche dieses Loman sowohl Mitleid wie Verachtung bei den Zuschauern hervorrufen. Lomans Leben ist mittelmäßig und gleichzeitig tragisch. Loman, das sind wir alle. Gerade hat die "New York Times" eine Online-Diskussion gestartet, an der Wirtschaftsexperten, Vertreter und Künstler teilnehmen, die erklären, wie sehr uns das Stück heute noch anspricht. Am 15. März wird Philip Seymour Hoffman als Willy Loman am Broadway Premiere haben. Der Vorverkauf übertrifft alle Erwartungen.

In Hamburg zeigte nun Regisseur Wilfried Minks am St.-Pauli-Theater mit den grandiosen Hauptdarstellern Burkhart Klaußner und Margarita Broich, wie falsche Ideale das Leben zwischen Eltern und Kindern, Mann und Frau, Chef und Angestelltem vergiften und zerstören. Klaußners Loman ist der Traum eines Vertreters. Er glaubt daran, dass Erfolg und Misserfolg davon abhängen, wie sehr er andere beeindruckt. Nicht nur mit der zu verkaufenden Ware, sondern mit seiner gesamten Persönlichkeit. Die Übertreibung wird ihm zur zweiten Natur. Er glaubt, was er lügt. Er begeistert sich an seinen Ideen, guckt mit Dackelaugen, wischt Lästiges beiseite. Was scheren ihn Widersprüche? Eben noch tobt er vor seiner Frau Linda: "Biff ist ein stinkender, fauler Sack." Zwei Minuten später säuselt er, "also, faul ist er nicht". Vor anderen Menschen bleibt er höflich. Seiner Frau fährt er über den Mund. Lieblingssohn Biff wird mit Forderungen überzogen, Sohn Happy wird kaum beachtet. Klaußner führt uns den fremdbestimmten, ausgequetschten, eifrigen Selbstbetrüger vor, der stur an seinem Lebensbild des "alle lieben mich" festhält, bis auch der Letzte, nämlich er selbst, kapiert hat, dass da niemand ist. Nur seine Frau, die er vernachlässigt.

+++ Burghart Klaußner, der Allerwelts-Gesichts-Prominente +++

Margarita Broich setzt mit ihrer Linda kein armes Hascherl daneben. Sie spielt eine selbstbewusste Frau, die wie eine Löwin dafür kämpft, dass Lomans Leben schön bleibt. Er liebt sie wohl, zeigt es ihr aber nur selten. Da, wo er sich wichtig nimmt und aufspielt, beweist sie große Souveränität. Nie zweifelt sie, Gründe gäbe es genug. Mit so einer Frau dürfte die Welt oder das Familienleben eigentlich nicht untergehen. Sie liebt ihre Söhne, aber wenn es darauf ankommt, nimmt sie Partei für Loman. Bitter, dass sie aus Sparsamkeit ihre Strümpfe stopft, während Loman einer Hure teure Strümpfe schenkt.

Minks hat eine sparsam möblierte Bühne gebaut, die von einer riesigen Dollarnote begrenzt wird. Alles bleibt im 40er-Jahre-Ambiente (Kostüme: Nini von Selzam), ohne Hinweise aufs Heute, es wird texttreu inszeniert. Die Rückblenden und Traumszenen integrieren sich geschmeidig. Tragisch, dass Loman ausgerechnet ständig an seinen Bruder Ben denken muss, der im Urwald ein Vermögen gemacht hat, während er und seine Söhne im Großstadtdschungel kläglich scheitern.

Biff ist bei Christian Sengewald ein Aufschneider wie sein Vater und ein noch viel größerer Verlierer. Eigentlich wirkt er für die Rolle zu jung, nicht männlich genug. Nichts bekommt er auf die Reihe. Sein Bruder Happy kennt nur Feiern und Frauen. David Allers spielt einen recht modernen jungen Mann, der für nichts steht außer dafür, dass er keine Verantwortung übernehmen will. Der Rest des elfköpfigen Ensembles spielte klug und überzeugend. Einzig auf den Gag, dass Anja Boche einen Marilyn-Monroe-Verschnitt (mit MM war Arthur Miller mal verheiratet) darstellen soll, hätte man gerne verzichtet.