Kino: Tom Fords "A Single Man"

"A Single Man": Malerisch verglimmende Zeit

Foto: AP

Das Debütwerk des Modemachers Tom Ford besticht durch perfekt komponierte Bilder. Und schöner geraucht wurde lange nicht mehr im Film.

Hamburg. Natürlich sieht das Ganze wunderbar aus. Vom Design im modernistischen Flachdachhaus über den lilafarbenen, smoggesättigten Abendhimmel bis hin zu den Rauchschwaden, die sich zeitlupenartig aus den perfekt geschwungenen Mündern kringeln - jedes einzelne Bild von "A Single Man" (nach dem gleichnamigen Roman von Christopher Isherwood) ist durchzogen von unbedingtem Stilwillen und einer auffälligen Detailverliebtheit.

Kein Wunder, denn Tom Ford mag ein Regie-Debütant sein, in der Modewelt hat der 48-jährige Texaner bereits eine erstaunliche Karriere hingelegt als einstiger Gucci- und Yves-Saint-Laurent-Chefdesigner. Dass wir schmale schwarze Anzüge zum locker aufgeknöpften blütenweißen Hemd als so zeitgemäß und irgendwie lässig-elegant empfinden, dazu hat Ford eine Menge beigetragen.

Schwarzen Anzug zum weißen Hemd trägt auch Fords Protagonist George Falconer, gespielt von Colin Firth, was ihn zum wohl bestangezogenen Literaturprofessor aller Zeiten und Colleges macht, zu einem glücklichen Menschen aber noch nicht. Mode als solche spielt darüber hinaus keine große Rolle im Film, sondern vielmehr das, was Mode im Betrachter auslösen soll: Sehnsucht, Begehren und den Wunsch nach einem bestimmten Leben, von dem man nur leise ahnt, wie es aussehen soll.

All das legt Ford in seine sorgfältig komponierten Tableaus, die sich zu einer malerischen 60er-Jahre-Kulisse reihen. Wir sehen sie mit dem Blick eines lebensüberdrüssigen Mannes, der den Tod seines Geliebten nicht verkraftet und sich im Abschiednehmen der Schönheit seiner Umwelt umso schmerzhafter bewusst wird.

An vieles muss man denken beim Anblick dieser Bilder: an waschbrettbauchfixierte Duschgel-Werbung und Schwarz-Weiß-Fotoästhetik, an die Kinopoesie der Regisseure Wong Kar-Wai und Michelangelo Antonioni und ein bisschen auch an Wim Wenders' "Paris, Texas", was ja auch so ein Film war, in dem man jedes Bild einfrieren und sich an die Wand hängen wollte.

In der wahrscheinlich schönsten Sequenz von "A Single Man", die allein schon das Eintrittsgeld lohnt, trinken und tanzen George und seine Schnapsdrossel-Freundin Charley (Julianne Moore, die Frau dieses Kinofrühlings) in ihrem durchgestylten Wohnzimmer, bis die kunstvolle Hocksteckfrisur der Frau schließlich völlig verrutscht ist, und beide nur noch erschöpft auf den goldfarbenen Teppich niedersinken und sich eine Zigarette anzünden können. Wie ein letztes Aufbäumen gegen die Sinnlosigkeit des Lebens wirkt dieser Tanz.

Man begreift in diesen Minuten einerseits die Einsamkeit der Figuren, die sich in äußere Perfektion flüchten, um wenigstens ein kleines Stück Kontrolle zurückzugewinnen. Und versteht andererseits, weshalb so viele Filmemacher fasziniert sind vom Lebensgefühl im Amerika der 60er-Jahre mitsamt den gut angezogenen, dauerrauchenden Bewohnern, wie man es etwa in der stilbildenden, kultisch verehrten Serie "Mad Men" beobachten kann. Kino zu machen, das heißt für Tom Ford auch, mit schönen Menschen schöne Dinge zu machen und dabei möglichst viel zu rauchen, weil damit die Zeit so malerisch verglimmt.

Von der ersten Szene an kreist dieser Film um den Tod. Es beginnt mit einer Männerleiche im Schnee und endet mit einer Männerleiche auf dem Fußboden. Selbst im Sterben gilt Georges größte Sorge dem Gedanken, er könne sein makellos sauberes Schlafzimmer beschmutzen. Auch an diesem Tag ist der Windsorknoten Pflicht, die Manschettenknöpfe haben im rechten Winkel zum Brieföffner und zur Pistole zu liegen - und die Tragik der Geschichte liegt auch im Paradoxon, dass ihm nach all dem Zelebrieren der Mut fehlt, sich zu töten.

Wie alles Leben aus diesem Mann gewichen ist, hat Ford auch dem Film die Farben entzogen. Die Bilder sind braun- und blaustichig, ganz selten wechseln sie in grelles Technicolor, meist immer dann, wenn sich Georges suizidale Stimmung ein wenig aufhellt. Etwa wenn der junge Student im rosafarbenen Kuschelpulli mit ihm flirtet, der nicht zufällig Kenny heißt, sondern auch tatsächlich aussieht wie eine fleischgewordene Ken-Puppe.

Manieriert sei all das und durchschaubar, haben viele Kritiker Ford vorgeworfen, seit sein Film 2009 beim Filmfestival in Venedig Premiere feierte. Dabei zeugt es vor allem von Fords (berufsbedingtem) Sinn für das Kompositorische und seinem Gespür dafür, wie Körper sich im Raum bewegen. "A Single Man" mag kein subtiles Werk sein, aber es ist eines, das die Bilderlust und das Sehabenteuer feiert. Das emotionale Zentrum hat Ford dabei leer gelassen und sich aufs Drumherum konzentriert. Aus dieser Gussform dringt er zum Herzen seiner Geschichten vor.