"Belvedere" fesselt in der Winterhuder Komödie

Zwischen Krankheit und Kreativität

Hamburg. Schriftsteller stellen sich beim Schreiben ihre Figuren vor. Sie hören sie sogar sprechen. Ist das normal? Oder schon ein diskretes Symptom des Irrsinns?

Ana-Maria Bamberger führt in ihrem Psychospiel "Belvedere" den Zuschauer dramaturgisch raffiniert aufs Glatteis. Ihren Grenzfall zwischen Krankheit und Kreativität halten Regisseur Hartmut Uhlemann und Lutz Herkenrath als Autor Anton bei der Uraufführung im "Kontraste"-Programm der Winterhuder Komödie elegant und fesselnd in der Schwebe.

Liefert sich Anton mit der jungen, Fingernägel knabbernden Ärztin und seiner Ex-Geliebten Stefanie tatsächlich Rededuelle - oder sind die Treffen Fantasie? "Ich sehe, was ich sehen will", sagt Anton trotzig. Offenbar sitzt er in der psychiatrischen Klinik Belvedere, der Name "Schöne Aussicht" ist purer Hohn. Er löst Kreuzworträtsel und spuckt die verabreichten Pillen aus. Um wach zu bleiben und den Spieß umzudrehen: Das "Studienobjekt" für die Psychiaterin arbeitet seinerseits an einer Studie über die Ärztin. Das "Opfer" Anton frotzelt mit sardonischem Vergnügen "sein Versuchskaninchen": Dr. Taube mit der Piepsstimme (Antje Otterson). Er bekommt jäh Wutanfälle und erinnert sich nur widerwillig an die Sommerspaziergänge mit der undurchsichtig, doch herausfordernd lasziv auftretenden Stefanie (Marion Elskis). Lutz Herkenrath beherrscht die Szene souverän, nutzt die schöne Intimität des Raums für einen direkten Ton und subtile Komödiantik, gibt der Figur Unberechenbarkeit, ohne sie als Verrückten zu denunzieren.

Hartmut Uhlemann inszeniert das Stück schwerelos auf unsicherem Boden. Die Spielfläche hat Bühnenbildnerin Eva Humburg in Rechtecke aufgespalten, zwischen denen die beiden Frauen geisterhaft auf- und abtauchen. Die weißen Podien mit den Belägen - mal kalt glänzend, mal flauschig weich - könnte man auch als Papierbögen deuten, auf denen das Stück im Kopf Antons und zugleich in dem der Autorin Bamberger buchstäblich Gestalt annimmt. In ihrer (selbst)ironischen Parabel hinterfragt die Autorin, zugleich Ärztin und Psychologin, die Begriffe von "Normalität". Sie zeigt die Grenzgänge künstlerischer Kreativität auf, in denen die Vorstellungskraft und das "Verrückt-Sein" so irritierend wie amüsant verschwimmen.

Belvedere 31.3., 1., 8.-10., 15.-17.4., jeweils 19.30 Uhr, Kleiner Saal, Komödie Winterhuder Fährhaus, Karten unter T. 480 680 80.