Chinesischer Schriftsteller

Liao Yiwu: Der Autor, den die Staatsmacht fürchtet

Ausreiseverbot: Einer der prominentesten Dissidenten Chinas darf nicht nach Köln kommen. Dieser weiß nicht, "ob ich weinen oder lachen soll".

Hamburg. Liao Yiwu beschreibt, was er in seinem Heimatland China hört und sieht. Auch Dinge, die die Behörden dort lieber ignorieren. Deswegen drangsalieren sie den unbequemen Autor.

Nur wer in einer Diktatur gelebt hat, kennt dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins. Unendlich einsam steht man einer Macht gegenüber, die zwar durchschaubar, aber unberechenbar ist. Jederzeit können die Staatsorgane missliebigen Bürgern die Luft zum Atmen nehmen, können ihre Freiheit einschränken, sie bestrafen, ohne irgendetwas begründen oder gar rechtfertigen zu müssen.

Montagvormittag, Flughafen der chinesischen Metropole Chengdu. Ein unauffälliger Mann mittleren Alters, kahles, Haupt, Brille, sensibles Gesicht, steht in der Schlange vor dem Check-in-Schalter der Sichuan Airlines, an dem ein Flug nach Peking abgefertigt wird. Er reicht seinen Pass, bekommt seine Bordkarte ausgehändigt, passiert wenig später das Gate und betritt die Maschine.

Geht diesmal doch alles gut? Wird er später auch in Peking unbehelligt den Anschlussflug nach Frankfurt antreten können? Er greift zum Handy und schickt einer Freundin eine SMS: "Ich bin an Bord." Er ist schon angeschnallt, als er eine Stewardess sieht, die vor ihm stehen bleibt und ihn bittet, sein Handgepäck zu nehmen und die Maschine wieder zu verlassen.

Ahnen die anderen Passagiere, was hier gerade geschieht? Wahrscheinlich werde sie kaum wissen, dass es sich bei dem unauffälligen 51-Jährigen, der die Maschine nun eilig wieder verlässt, um den Schriftsteller Liao Yiwu handelt, einen der prominentesten Dissidenten Chinas, der eigentlich auf dem Weg nach Deutschland ist, wo er auf der lit.Cologne sein neues Buch vorstellen will. Im Flughafengebäude wird er schon von Beamten erwartet, die ihn auf eine Polizeiwache bringen.

Auf der Fahrt durch die Zehn-Millionen-Metropole überfällt ihn wieder dieses Gefühl des Ausgeliefertseins. Werden sie ihn verhaften, für Jahre einsperren oder einfach verschwinden lassen? Er weiß es nicht, kann es nicht einmal ahnen. Gegen 12.30 Uhr haben sie das Gebäude erreicht, wo er später einem Polizeioffizier gegenübersitzt, der ihm höflich erklärt, dass die Ausreise nach Deutschland untersagt sei, dass er Chengdu nicht verlassen wird. 15.30 Uhr darf er nach Hause, nein: muss er nach Hause gehen. Falls er vorhabe, das Haus zu verlassen, solle er die Behörden zuvor informieren, teilt man ihm noch mit. Im Klartext heißt das: Hausarrest.

Liao Yiwu sitzt in seinem Arbeitszimmer und versucht Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Telefonisch erreicht er die Deutsche Presse-Agentur (DPA), der er den Vorgang schildert. Haben sich die deutschen Behörden für seine Ausreise eingesetzt, will der DPA-Kollege wissen.

"Die Botschaft und das Kanzleramt haben Anstrengungen unternommen und mir gesagt, ich solle mich so lange bedeckt halten. Aber das Ergebnis ist sehr bedauerlich. Nach so vielen Versuchen bin ich erschöpft. Deutschland ist ein Traum für mich. In den Vorbereitungen habe ich mit so vielen Deutschen zu tun gehabt und eine Ahnung von Deutschland bekommen. Wie konnte es so enden? Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll", sagt der Schriftsteller.

Liao Yiwu ist müde, die vergangenen zwei Jahrzehnte sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 hat er das Gedicht "Massaker" geschrieben, in dem es heißt: "Die Chinesen haben ihr Zuhause verloren! Jeder weiß, sie sind heimatlos geworden!" In der deutschen Übertragung hat das Gedicht acht Zeilen. Liao Yiwu kam dafür vier Jahre ins Gefängnis.

Nach seiner Entlassung hat er sich auf eine Reise durch den Alltag der chinesischen Unterschicht begeben, hat mit Toilettenputzern, Mönchen, politischen Häftlingen, Wanderarbeitern, Straßenmusikern und Prostituierten gesprochen und deren Lebenswirklichkeit in dem Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" geschildert. In China verboten, erschien es in Deutschland im S. Fischer Verlag. Sein Buch "Das Zeugnis" über seine Gefängnis-Erfahrungen, wird demnächst in Deutschland erscheinen - und wohl erneut den Zorn der chinesischen Behörden erregen.

Eigentlich hätte er schon zur Frankfurter Buchmesse im Oktober kommen sollen, als China das offizielle Gastland war; schon damals hinderten ihn die Behörden an der Ausreise. Diesmal, so hatte er gehofft, würde es anders sein.

Erst im Februar hatte er sich in einem offenen Brief mit der Bitte um Unterstützung an die Bundeskanzlerin gewandt. "Sie sind deutsche Kanzlerin und wissen aus eigener Erfahrung, was Diktatur bedeutet", schrieb er an Angela Merkel.

Anders als Liao Yiwu war die Kanzlerin keine Dissidentin, aber das Gefühl des Ausgeliefertseins in einer Diktatur dürfte auch ihr vertraut sein.

Die Bemühungen der Bundesregierung haben Liao Yiwu nicht helfen können, die Diktatur spielt ihre Macht aus, auch wenn sie sich damit vor aller Welt bloßstellt.