Porträt: Hinnerk Schönemann

Ein wehrhafter Nordfriese jagt die "Mörder auf Amrum"

Foto: Hermann Ebling / Hermann Ebling/ZDF

Schauspieler Hinnerk Schönemann hat am Thalia-Theater erste Spielerfahrungen gesammelt, doch in Film und Fernsehen machte er Karriere.

Hamburg. Sieht Polizeimeister Helge Vogt blutige Leichen, wird ihm übel. Nennt ein Profikiller aber seine Heimatinsel armselig und trist, kennt er kein Pardon. Hinnerk Schönemann spielt in "Mörder auf Amrum" (am Montag im ZDF um 20.15 Uhr) einen unerfahrenen Jungpolizisten, der genau weiß, wo er hingehört.

Gerade aus dem "Urlaub" im Großstadttrubel Berlins zurück, freut sich der stille Blonde, wieder die ruhige Kugel zu schieben. Doch bei einem schieflaufenden Zeugenschutz-Fall gerät er - nach dem Mord an seinem älteren Dienstkollegen allein mit der von Killern gejagten Zeugin - in eine wilde Hatz und den Kugelhagel von russischen Mafiosi. Im Kampf ums Überleben läuft der Hasenfuß in Uniform zaghaft, aber zunehmend entschlossen zur Hochform auf.

Schönemann überzeugt in Markus Imbodens Krimi als heimatverbundener Nordfriese. In sich gekehrt, zeichnet er den wortkargen, aber wachen Nordsee-Insulaner, gewinnt dessen Panik eine linkische Komik ab und zeigt verschmitzt: Stille Wasser sind tief.

Zweifellos haben Helge Vogt und Hinnerk Schönemann gemeinsame Charakterzüge. Auch der 35-jährige Schauspieler weiß genau, wo er hingehört: aufs Land - und nicht in die Stadt. Zum Film - und nicht auf die Bühne. Nach seiner Schauspielausbildung an der Universität der Künste in Berlin hat er am Thalia-Theater begonnen und war trotz des tollen Engagements kreuzunglücklich.

"Nach der allerersten Probe zu 'Frühlings Erwachen' bin ich zu Ulrich Khuon gelaufen und hab gesagt: Ich will hier wieder raus", erinnert er sich. Der Intendant bewahrte jedoch Ruhe, sprach ihm gut zu und aus einer Rolle wurden - vier. Darunter der romantische Pantomime Baptist in Andreas Kriegenburgs Inszenierung "Kinder des Olymp".

Der auffallend talentierte Anfänger fühlte sich jedoch in den dunklen Probenräumen "eingesperrt", im "System Theater" eingeengt. "Ich hatte nicht die Energie für die Bühne und immer das Gefühl, andere können das besser. Ich glaubte auch, dass ich nicht meine volle Leistung bringen kann." Vor der Kamera aber kann sich der Schauspieler mit der geerdeten Sensibilität und kraftvollen Natürlichkeit richtig entfalten. "Ich will meine Arbeit auch sehen können und wissen, dass etwas von ihr bleibt."

2003 sprang Schönemann vom Theater ab in die Arbeitslosigkeit. Die richtige Entscheidung, wie sich zeigte. Er hat seitdem in über 50 Filmen für Fernsehen und Kino mitgespielt und mehrere Darsteller-Preise ("Der Boxer und die Friseuse") erhalten. Er gibt im Störtebeker-Epos "Zwölf Meter ohne Kopf" den Piraten Keule. Für "Marie Brand" alias Mariele Millowitsch ist er Kommissar Simmel und im Zweiteiler "Hindenburg" der Kapitänsanwärter Alfred Sauter und Kumpel des Konstrukteurs Kröger.

Im Leben hat Schönemann eine neue Freundin - die Schauspielerin Anne Sarah Hartung - und auch seinen Platz gefunden: auf seinem Hof in einem Dorf bei Plau am See. Nach Jahren in Hamburg und Berlin hat es den gebürtigen Rostocker wieder zurück ins heimatliche Mecklenburg gezogen. "Ich bin ein Familienmensch und kein Partygänger", sagt er über sich. "Durch den Beruf habe ich mit vielen Leuten zu tun. Draußen in meinem Dorf kann ich allein sein und die Tür hinter mir zumachen." Und sich als Bauer auf Zeit fühlen, der bei Schneefall patent mit dem Trecker zur Stelle ist und für die Nachbarn die Dorfstraße frei räumt.

Glaubt man ihm alles sofort. Die Geschichte seiner in der DDR verfolgten Familie hat Spuren in ihm hinterlassen, emotionale Bindungen, seine Ernsthaftigkeit und Freiheitsliebe gefördert. Kurz vor dem Mauerfall, Anfang 1988, kam der 14-Jährige mit der ausgewiesenen Familie nach Hamburg. Er ging in Altona zur Schule und dann nach Berlin. Schauspieler wollte er eigentlich nie werden, sondern einen Zooladen eröffnen. "Ich habe schon als Kind Fische und Reptilien gezüchtet und Geld damit verdient." Vor eineinhalb Jahren hat er die letzten beiden Riesenschildkröten abgegeben. Der Tierhändler wandelte sich zum Tierfreund. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Selbst bei großzügigen Gehegen bekommen Tiere doch nicht, was die Natur ihnen geben würde."

Ein Mensch, dem an Freiheit und Natur so viel liegt wie Hinnerk Schönemann, der billigt sie auch anderen Geschöpfen zu. Es sind die beiden eigentlichen Energiequellen seiner intuitiven, ehrlichen und komödiantischen Charakterisierungskunst. Darum legt der Schauspieler jetzt eine Arbeitspause ein, um sich voll seinem "Bauernleben" widmen zu können. Und: Bis auf Weiteres möchte er keine Polizisten-Typen mehr verkörpern.