Kleine Fluchten: "Ual Öömrang Wiartshüs" in Norddorf

Nordseeinsel Amrum, wie es sein soll

Das kleine Wirtshaus an der Ostküste sieht älter aus, als es ist. Gäste schätzen die Gemütlichkeit und eine gute Küche.

Endlich bin ich wieder auf meiner Lieblingsnordseeinsel Amrum, die ich seit meiner frühen Kindheit kenne. Auch das "Ual Öömrang Wiartshüs", auf Hochdeutsch das "alte Amrumer Wirtshaus", ist mir seit Langem bestens bekannt. Hier war das Essen schon immer etwas teurer, aber auch besser als anderswo auf der Insel.

Das ehemalige Bauernhaus wurde in den 1950er-Jahren zum Wirtshaus umgebaut. In den 70ern übernahm es Hans Decker nach seiner Ausbildung zum Koch von seinem Vater und erweiterte es zum Hotel. 1986 brannte es aufgrund unsachgemäßer Handwerkerarbeiten ab. Leider wurde auch der Großteil des Mobiliars vernichtet. Nur wenige Antiquitäten konnten gerettet werden, wie etwa das Telefon aus den 50er-Jahren, das auch heute noch funktioniert.

Mit zwölf Zimmern und zwei Suiten wurde das Haus wieder im alten Stil erbaut. Die Liste der Prominenten, die seitdem eingekehrt sind, ist lang, "wobei wir immer alle Gäste gleich behandeln und keiner Privilegien bekommt", betont Inhaberin Ute Decker. An der Ausstattung hat sich über die Jahre nichts geändert, das wohlige Ambiente stimmt noch immer. Nur leider ist Utes Mann im letzten Jahr verstorben, sie betreibt das Hotel jetzt allein. Man merkt, wie sehr sie mit dem Haus verbunden ist, um fast alle Belange kümmert sie sich persönlich, allabendlich steht sie am Zapfhahn, hält gern das eine oder andere Schwätzchen mit den Gästen.

Die Holsteinerin ist 1961 nach Amrum gekommen und war hier im Schullandheim tätig. Später arbeitete sie in Husum, bis sie 1965 ihren Hans kennenlernte und ihm nach Amrum folgte. Im nächsten Jahr will Ute nach 45 Jahren Dienst aus dem aktiven Betrieb ausscheiden. Zum Glück steht Sohn Christoph bereit, die Leitung zu übernehmen.

Das hübsche reetgedeckte Backsteinhaus am Ostrand von Norddorf ist umgeben von einem schönen Garten mit üppig wuchernden Blumen und Pflanzen, die Utes ganzer Stolz sind. "Oft lassen sich Hochzeitspaare inmitten der Blütenpracht fotografieren", erzählt sie.

Innen ist die Einrichtung klassisch friesisch: Delfter Kacheln, viele wertvolle Schiffsmodelle, zum Teil in Glaskästen geschützt, niedrige Decken mit Holzbalken, auf denen friesische Sprüche stehen, Petroleumlampen über den Tischen und besonders viele Tassen, die Ute leidenschaftlich sammelt. Die Bilder sind größtenteils von ihrem verstorbenen Mann gemalt, der ein begeisterter Hobbymaler war.

Für das leibliche Wohl sorgt der Insulaner Klaus-Peter Ottens. "Als eines der ältesten Wirtshäuser sind wir der Tradition verpflichtet", sagt er. Dem heutigen Geschmack folgend wird auch eine leichte Küche mit frischen Kräutern geboten. Darüber hinaus gibt es hier die einzige Diätküche auf der Insel, wofür Klaus-Peter eine zusätzliche Kochausbildung gemacht hat.

Wir entscheiden uns bei den Vorspeisen für Matjestatar und Kartoffelpuffer mit leckeren Krabben. Das ausgezeichnete Lammkarree kommt aus der Region, und die Seezungenröllchen mit Lachs in einer pikanten Soße schmecken vorzüglich. Der aus Leipzig stammende Kellner Heiko Otto sorgt mit sächsischem Humor für gute Stimmung unter den Gästen.

Christoph Decker plant einige Veränderungen. Die kleinen Zimmer, die im Landhausstil der 80er etwas antiquiert wirken, sollen neu ausgestattet werden. Mehr Komfort kann sicherlich nicht schaden, weshalb auf der gegenüberliegenden Straßenseite auch ein Neubau geplant ist. Dort soll alles "etwas größer werden, damit auch Langzeiturlauber adäquate Räumlichkeiten vorfinden", wie er hervorhebt.

Das Buch zur Serie "Kleine Fluchten" wird bald erscheinen. Informationen und Vorbestellungen unter: www.abendblatt.de/shop oder per Telefon: 040/34 72 65 66.