Gastkritik: Thomas Straubhaar über Jelinek

Ein Ökonom im kulturellen Selbstversuch

Der Chef des WeltWirtschaftsInstituts bleibt dabei: keine Subventionen, dafür Theatergutscheine.

Hamburg. "Die Kontrakte des Kaufmanns" von Elfriede Jelinek sind hektisch, atemlos, absatzlos geschrieben. Mehr Blog als Text. Weit über hundert Seiten (zumindest in der Taschenbuch-Originalausgabe. Bei der unter der Regie von Nicolas Stemann am Thalia jedes Mal von Neuem gespielten Uraufführung schwankt der Umfang und lag das letzte Mal bei 99 Seiten), lediglich unterbrochen durch ein paar wenige Überschriften und einige Regieanweisungen. Sonst nur seitenweise aufgereihte Sätze.

Es gibt "etliche Akte", von denen nicht einmal die Autorin weiß, "wo der eine beginnt und der nächste aufhört". Die Vorlage ist ein sprachliches Kunstwerk. Wunderbare Wortspiele und herrliche Sprachbilder von der ersten bis zur letzten Seite. Meistens endloses Geschwätz, manchmal mit überraschendem Witz, gelegentlich der häufigen Wiederholungen wegen ermüdend formuliert. Mehr als anstrengend zu lesen.

Eigentlich nicht zu lesen, geschweige denn als langer Monolog eines "Chors der Greise", "dreier Engel der Gerechtigkeit" und "mehrerer Engel der Ungerechtigkeit" auf einer Theaterbühne zu spielen. Es gibt keine handelnden Personen, nur lose aufeinanderfolgende Gedanken, mehr oder weniger durch etwas zusammengehalten, das man bestenfalls milde als roten Faden bezeichnen könnte. Kein Wunder, empfiehlt Jelinek doch: "Der Text kann an jeder beliebigen Stelle anfangen und aufhören. Es ist egal, wie man ihn realisiert, ich stelle mir vor, dass drei oder vier Männer ihn möglichst laut schreien."

Was als "Wirtschaftskomödie" angekündigt wird, ist eine schonungslose, bitterböse, blutige Abrechnung mit dem, was Jelinek für das Leben, Handeln und Tun von Geschäftsleuten hält. Eine Tragödie. Das Bühnenbild wirkt in seiner wuseligen, unruhigen Gesamtheit wie die Webseite einer elektronischen Homepage. Das Haus ist, im Aufriss von unten bis oben aufgeschnitten, für alle gleichzeitig einsehbar, für alle Hosts und Users offen. Der Theaterbesucher wird eingeladen, sich virtuell selber durch die einzelnen Teile zu klicken. Er kann seine Aufmerksamkeit dem älteren Paar der Geprellten auf dem Sofa schenken, kann der Band oder den jungen Leuten am Esstisch zuhören oder sich schlicht von Großleinwand, Flachbildschirmen und Monitoren, die kunterbunt über die Bühne verstreut sind, mit wirren Bildern berieseln lassen. Ein multimediales Spektakel, das im Laufe der Aufführung durch Videospots, Gesangseinlagen, Freihandzeichnungen, der Ergänzung der Bühne auf Parkett und Logen und dem Einbezug des Publikums ins Geschehen erweitert wird. Wunderbar.

Ein Schritt in Richtung interaktives Online-Theater mit offenem Ausgang, jeden Abend neu, jedes Mal um tagesaktuelle Ereignisse ergänzbar, die über Texte, Bilder, Filmeinspieler auf Leinwand und Monitor auf die Theaterbühne gebeamt werden.

Nach einem furiosen Start folgt nach etwa 60 Minuten des insgesamt auf drei bis vier Stunden angelegten Stücks ein Höhepunkt. Mehr als Rap, denn als Sprechtext oder Gesang tragen die großartigen Schauspieler die wuchtigen Sprachbilder von Jelinek vor. Klanglich und bildlich von den multimedialen Nebenhandlungen unterlegt, wird eine Intensität erzeugt, die vom Zuschauer Konzentration und Aufmerksamkeit fordern und ihn dafür durchaus belohnen. Die gefühlt ewige Wiederholung desselben Grundgedankens mit allen medialen Mitteln des Online-Zeitalters ist die eigentliche Botschaft der "Kontrakte des Kaufmanns". Sie entlarven vieles, womit mancher Finanzberater seine Produkte an Mann und Frau bringen will, als Marketingsprech, wie ein Mantra wiederholt, und dennoch ohne Inhalt und Sinn. Das pseudo-philosophische Gelaber ist nicht die Sprache Jelineks, sondern soll das ruchlose Gehabe einer hemmungslosen Finanzbranche demaskieren. Danach Spannungsabbruch, seichter Klamauk, Leere, vielleicht Erschöpfung - auch beim Publikum. Es wird langweilig. Der Spektakel wird zur Gewohnheit, wirkt abgedroschen, Déjà-vu. Pause: Fehlanzeige. Zum offenen Ablauf der Aufführung gehört eine freie, individuelle Gestaltung der Auszeiten.

Man verpasst ja auch nichts. Wer die Botschaft verstanden hat, kann sich noch besprechen, beschallen oder bespielen lassen oder nach Hause gehen.

Würde ich für die "Kontrakte des Kaufmanns" bezahlt haben, hätte mich nicht der Thalia-Intendant im Abendblatt so freundlich dazu eingeladen?

Nein, niemals. Hätte ich etwas verpasst? Ja, auf jeden Fall. Was lässt sich daraus folgern? Dass es gerade der Gutschein war, der mich ins Theater gebracht hat. Kostenlose Kulturgutscheine sind nicht das Ende des (Staats-)Theaters. Sie sind ein Anfang, um auch kulturfernere Besucher zu gewinnen. Wenn Jelinek avantgardistisch die multimedialen Möglichkeiten der Gegenwart nutzt und das Theater online bringt: Warum sollte dann die Finanzierung im Korsett vergangener Zeiten eingezwängt bleiben?