Premiere von Lessings "Nathan der Weise"

Höhnische Satire über das Scheitern jeder Utopie

| Lesedauer: 3 Minuten
Klaus Witzeling

Nicolas Stemanns beeindruckende Inszenierung konfrontiert den Klassiker mit einem Text von Elfriede Jelinek: Geld, Gier und Religion sind die Themen.

Hamburg. Ein schwarz glänzender Estrich. Harter Asphalt oder verbrannte Erde? Nicolas Stemann lässt seine Inszenierung von "Nathan der Weise" im Thalia-Theater auf demselben "glatten Parkett" wie Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" spielen. Auf dem rutschigen Boden der Tatsachen konfrontiert er Lessings dramatisches Gedicht mit geldgierigen Kriegstreibern im Namen ihres Gottes: eine höhnische Satire auf das Scheitern der Utopie von der Menschlichkeit. Das Ende: betretener Schlussbeifall des beeindruckten Publikums.

Es geht um Geld, Geschäftemachen und Zinsen. Nur dass Lessing versucht, aus Nathan einen durch das Unglück geläuterten Händler der humanen Weisheiten zu machen. Der Jude hat durch Christen Frau und Söhne verloren, zieht trotz seines Hasses auf sie ein Christenkind als Tochter auf. Sultan Saladins Frage, welche Religion er für die wahre halte, beantwortet Nathan mit der "Ring-Parabel" und erklärt, dass Christen, Juden und Muslime gleichwertig seien - wie die identischen Ringe, die der Vater seinen Söhnen vererbt hatte. Lessing unterstreicht seinen Appell für Toleranz durch den Trick von der Verwandtschaft aller Menschen mit der Verbrüderung der drei Religionen.

Doch an ein optimistisches "Nathan"-Märchen aus dem Morgenland glauben weder der Regisseur noch Elfriede Jelinek in ihrer Antwort auf Lessings Verbrüderungsutopie mit dem Stück "Abraumhalde". Stemann lässt Jelineks und Lessings Text, stark gekürzt, in gut zwei pausenlosen Stunden in der Collage aus Stimmenkonzert, Performance, Kaspertheater und Live-Video aufeinanderknallen.

Das Theater dient ihm als Mittel zu zeigen, wie die Dinge laufen, und nicht, wie sein sollten. Schon deshalb ist Stemann das Illusionstheater in Kostüm und Maske ein Gräuel. Es taugt ihm bestenfalls als ironisches Zitat. Er nimmt sich zunächst Lessings Stück als "Lesestoff" wie für ein Hörspiel vor. Ein Lautsprecher senkt sich in Katrin Nottrodts zeichenhaften Bühnenraum. Altarkerzen auf der einen, die Menora, der siebenarmige Leuchter, auf der anderen Seite und Waffen am Portal markieren die Fronten im Krieg um das Gold - den eigentlichen Gott. Die ersten Szenen lesen die Schauspieler hinter einem Vorhang an Studiomikrofonen. Dann rücken sie mit ihren Lesepulten vor, probieren zum Sprechen des Textes Figuren-Haltungen aus, stellen ihn infrage, wechseln auch Rollen. Patrycia Ziolkowska spricht die fanatische Christin und Nathan-Dienerin Daja wie auch die emanzipierte Muslimin Sittah und Schwester von Sultan Saladin (Felix Knopp).

Maja Schöne und Philip Hochmair nützen die Liebesgeschichte von Nathantochter Recha und Tempelherrn für Situationskomik.

Die Spieler und Stemann klittern nicht die Kluft zwischen Lessings Wunschthematik und unserer Wirklichkeit, sie verschärfen noch die Widersprüche des Textes. In Sebastian Rudolphs Vortrag der "Ring-Parabel" brechen dann doch der "Theater-Nathan" (Christoph Bantzer), Daja (Katharina Matz) und Birte Schnöinks Recha ein. Der gegnerische "Jelinek-Chor" begräbt sie jedoch unter sich mit unbeschriebenem, sich blutrot färbenden Papier von einer gigantischen Thorarolle.

Der "alte Nathan" ist tot, der Krieg der Religionen tobt weiter.

Nathan der Weise 7./ 29.10., 20 Uhr, Thalia-Theater, Karten: T. 32 81 44 44