Madame Tussaud's: Kurz nach der Eröffnung zerstörte ein Berliner die Hitler-Puppe

Attentat auf eine Wachsfigur

Der Störer rief "Nie wieder Krieg", überwand die Absperrung und warf sich auf die 200 000 Euro teure Figur.

Schon gegen neun Uhr hatte sich am Sonnabend auf Berlins geschichtsträchtigem Prachtboulevard Unter den Linden vor der Hausnummer 74 eine Warteschlange gebildet. Ganz vorn, als Zweiter in der Reihe, stand ein 41 Jahre alter Mann aus dem Bezirk Kreuzberg, der es offenbar kaum erwarten konnte, die Berliner Dependance des Wachsfigurenkabinetts von Madame Tussaud's zu sehen. Er benahm sich unauffällig, und nichts deutete zu diesem Zeitpunkt auf einen Zwischenfall hin. Nachdem die Wartenden ihr Eintrittsgeld in Höhe von stolzen 18,50 Euro entrichtet hatten und pünktlich um zehn Uhr eingelassen wurden, lief der Kreuzberger eilig in jenen Ausstellungsbereich, in dem sich Adolf Hitlers Wachsfigur befand. Dann ging alles ganz schnell: Ehe die beiden dort platzierten Museumsmitarbeiter reagieren konnten, sprang der Mann über die Absperrung und den zum Diorama gehörenden Schreibtisch, hinter der die Hitler-Figur auf einem Sessel saß. Er rief laut "Nie wieder Krieg!", warf die Figur zu Boden und riss ihr, so gaben es Augenzeugen später zu Protokoll, den Kopf ab.

Als die beiden Sicherheits-männer ihn von der 200 000 Euro teuren Wachsfigur wegzuziehen versuchten, kam es zu einem Handgemenge, bei dem einer von ihnen am Bein verletzt wurde. Kurz darauf konnten sie den Mann überwältigen und den Polizisten übergeben, die nur wenige Minuten später mit drei Streifenwagen eingetroffen waren. Die Polizei nahm den Mann zunächst fest, setzte ihn aber am Nachmittag wieder auf freien Fuß.

Wie ein Polizeisprecher mitteilte, wird gegen ihn wegen Sachbeschädigung der Figur und Körperverletzung an dem Mitarbeiter ermittelt. Er rechne damit, "eine Menge Geld" für seine Tat zahlen zu müssen, mit diesen Worten zitierte "Spiegel TV" den Störer, bei dem es sich laut "Berliner Morgenpost" um einen früheren Polizeibeamten handeln soll. Wie das Blatt aus dem Umfeld des Mannes erfuhr, quittierte er den Polizeidienst, nachdem er auf einer Demonstration zum 1. Mai in Kreuzberg den Eindruck gewonnen habe, "auf die andere Seite" zu gehören.

Nach bisherigen Erkenntnissen handelt es sich um die Aktion eines Einzeltäters. Doch bereits nach der Pressevorbesichtigung der neuen Tussaud's-Niederlassung am Mittwoch letzter Woche war das Hitler-Diorama heftig kritisiert worden. Es sei geschmacklos und lasse die notwendige Sensibilität im Umgang mit der Geschichte vermissen, wenn Hitler hier nur wenige Hundert Meter vom historischen Ort entfernt in einer Nachbildung des Führerbunkers präsentiert werde, warfen Kritiker dem Wachsfigurenkabinett vor, das sich seinerseits auf eine im Vorfeld durchgeführte Umfrage berief. Dabei habe sich eine deutliche Mehrheit für die Zuschaustellung Hitlers ausgesprochen.

Andererseits zeigten die ersten Reaktionen am Wochenende auch Verständnis für die Aktion des Störenfrieds. "Rein menschlich gesprochen: Attentat geglückt", witzelte ein Polizeisprecher, und der Autor und Journalist Henryk M. Broder meinte: "Endlich hat ein Hitler-Attentat geklappt." Verständnis für die Aktion äußerte auch der Berliner SPD-Politiker Frank Zimmermann. "Es ist schon eher eine Kunst, Hitler den Kopf abzureißen, und weniger eine Kunst, Hitler überhaupt auszustellen", meinte der Abgeordnete.

Ob die Figur zurück in die Ausstellung kommt, ist gegenwärtig noch offen. Das hänge vom Ausmaß des Schadens ab, sagte Tussaud's-Sprecherin Natalie Ruoß.

Möglicherweise wird das Wachsfigurenkabinett noch eine weitere Figur aus der Schau entfernen müssen. Nach einer Meldung der "Bild"-Zeitung ist Helmut Kohl über die Aufstellung seines Abbilds verärgert. Er habe dazu nie sein Einverständnis gegeben, wird der Altkanzler in dem Blatt zitiert.