Die Stadtteilserie

Lemsahl-Mellingstedt: Ein stilles Doppeldorf mit viel Historie

Die Lemsahler Landstraße teilt Lemsahl in ein altes und ein neues Dorf. Lemsahl gilt als einer der demografisch jüngsten Stadtteile Hamburgs.

Das Herz von Lemsahl-Mellingstedt schlägt in einem rustikalen Rotklinkerhaus an der Lemsahler Dorfstraße 39, wo Karl-Heinz "Kalle" Pieper Gerüchten zufolge die besten Bratkartoffeln Hamburgs serviert. Sein Gasthaus Offen ist kein ordinäres Restaurant, es ist eine Institution. "Hier spielt das Leben", sagt der ehemalige Postbote, der das weit mehr als ein Jahrhundert alte Offen 1967 zusammen mit Ehefrau Asta übernommen hat. Seitdem ist die Wirtschaft im alten Dorfkern eine Mischung aus Stadtteilzentrum, Spielhölle für Skat-Anhänger und dörfliche Gourmetküche. Neben Kasselerkarbonaden und Sauerfleisch gibt es beispielsweise auch Kinderfasching und Versammlungen des Heimatbundes.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Altes und neues Dorf

"Bei uns trifft sich das alte mit dem neuen Lemsahl", sagt Pieper, der sich selbst an mehr als 300 Abenden im Jahr um das Wohl seiner Gäste kümmert. In seinen Pausen geht der 71-Jährige, der als gebürtiger Ohlstedter in Lemsahl längst nicht mehr als Zugezogener gilt, von Tisch zu Tisch, fragt, ob alles recht ist, und klönt über neue Entwicklungen im Dorf. "Die Verstädterung macht auch vor Lemsahl nicht halt", sagt Pieper, der jedes "st" hamburgisch ausspricht. Er redet darüber, wie die Lemsahler Landstraße das Dorf in ein altes und ein neues Lemsahl teilt. Das alte Lemsahl, das ist der Dorfkern rund um das Gasthaus Offen, wo im Frühling das traditionelle Osterfeuer gefeiert und im Winter von der freiwilligen Feuerwehr der Weihnachtsbaum aufgestellt wird. Unter einer Eiche erinnert ein Gedenkstein mit dem eingravierten Datum "24.3.1848" an die Schlacht bei Itzstedt, wo die Dänen entscheidend besiegt wurden. Gleich nebenan hat Kartoffelbauer Joachim Sprotte seinen Hof, dessen Pachtvertrag gerade erst bis 2014 verlängert wurde.


Familienidylle am Tannenhof

Das neue Lemsahl, das sind die Neubausiedlungen zwischen Fiersbarg und Tannenhof, wo bevorzugt Familien mit kleinen Kindern hinziehen. Vorgarten grenzt an Vorgarten, auf der Straße parkt der Familien-Van. In manchen Straßen sieht es fast so aus wie in der TV-Serie bei den "Desperate Housewives". Hier wird deutlich, dass Lemsahl als einer der demografisch jüngsten Stadtteile Hamburgs gilt, dessen Grundschule Lemsahl-Mellingstedt eine der größten der Stadt ist. Die jungen Leute interessierten sich zwar nur am Rande für die jahrhundertealte Geschichte des Dorfes, aber Hunger, so Pieper, hätten sie auch.

Wirklich laut geht es auf keiner der beiden Seiten der Landstraße zu. Eigentlich war Lemsahl-Mellingstedt schon immer ein eher stilles Doppeldorf am nördlichsten Rande des Geschehens von Hamburg - und wirklich beklagt hat sich darüber auch noch niemand. Nie hat sich hier ein Adliger niedergelassen, nie hat es hier einen echten Markt gegeben, und nie hat eine Fünf-Sterne-Sehenswürdigkeit die Großstädter in Scharen angelockt. In Lemsahl hat man sich mit der Außenseiterrolle stets gut arrangieren können. "Wir haben doch alles, was wir brauchen", sagt Pieper, der damit weniger das eher übersichtliche "kommerzielle Zentrum" rund um den Tannenhof meint als viel mehr die konkurrenzlos schöne Natur gleich vor der Haustür.

Promi-Glanz am Treudelberg

Die rund 6500 Lemsahler müssen sich vor ihrem Sonntagsspaziergang entscheiden, ob sie entlang des Alsterwanderweges laufen wollen, um den Kupferteich herum oder durch das Wittmoor, das letzte Hochmoor im Norden Hamburgs an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Das Wittmoor wurde längst zum Naturschutzgebiet erklärt. Dort erinnert auch ein Gedenkstein an die Opfer des Konzentrationslagers Wittmoors, des ersten Hamburger Konzentrationslagers. Besonders Schulklassen und interessierte Sonntagsausflügler besuchen die Stätte regelmäßig.

Wer dann doch mal ausbrechen will aus dem dörflichen Lemsahl, kann im Golf Club Treudelberg samt Hotel einen Hauch der Großstadt spüren. Wo früher der HSV regelmäßig zu Gast war und auch Robbie Williams und die Red Hot Chili Peppers schon abstiegen, ist das Tor zur Welt plötzlich nicht mehr so weit weg. Auf der Hotel-Homepage im Internet wird natürlich nicht mit Bratkartoffeln oder Kinderfasching geworben, sondern mit "Day-Spa" und nur 15 Shuttleminuten bis zum Flughafen Fuhlsbüttel.

Zwischen Hotel und Alsterlauf wird schnell klar, dass auch in Lemsahl, dessen Urkarte auf das Jahr 1869 datiert ist, die Zeit nicht stehen geblieben ist. Der Traktor von Bauer Sprotte, mit dem traditionell die Erstklässler am ersten Schultag in die Grundschule gefahren werden, wirkt in dieser Gegend eher exotisch.

Wer hier lebt, zeigt gern, was er hat

Vor den Einfamilienhäusern und Villen stehen Geländewagen, SUVs und andere Gefährte. Wer Geld hat, zeigt es nicht ungern. Auch Lemsahls bekanntester Maler Arthur Illies, der Caspar David Friedrich des Alstertals, hat sich an der Wende zum 20. Jahrhundert hier in der feinen Huuskoppel sehr wohlgefühlt. Neid kommt bei den Nachbarn am Kuhredder, am Ödenweg und am Treudelberg, die laut Statistik überwiegend deutsch, gut verdienend und im Gegensatz zu Lemsahl am Tannenhof jenseits der 65 sind, aber nicht auf.

Pieper lernte auch diese Seite Lemsahls kennen, lange bevor es die ersten Pläne für das Golfhotel oder die neue Wohnsiedlung zwischen Ödenweg und Pfefferkrug gab. Zwischen 1957 und Anfang der 90er-Jahre zog er quer durch den Stadtteil den Paketwagen, ehe er ab mittags im Gasthaus Offen Bier ausschenkte und Bratkartoffeln in der Pfanne auf einem Spiritusbrenner servierte. Dass sämtliche Familienmitglieder in seine Fußstapfen getreten sind - im Gasthaus, nicht bei der Post -, hält er für selbstverständlich. Sohn Clas Henning wohnt nebenan, Tochter Elsbeth ebenso. Beide sind im Restaurant fest eingespannt, genauso wie bei Bedarf die vier Enkelkinder.

Es ist wenig überraschend, dass Pieper in keinem der 104 Hamburger Stadtteile lieber wohnen würde als in seinem Lemsahl-Mellingstedt. Dass Stadtteilschreiber Hannes Flesner 1980 ausgerechnet den gebürtigen Ohlstedter auf den Titel seines Lemsahl-Buches "Schenk ein, Karl-Heinz, mach Striche" hievte, tat sein Übriges.

+++ Der Stadtteil-Pate: Kai Schiller +++

Nun aber genug geredet, "schließlich muss einer hier ja auch noch arbeiten". Pieper steht auf, schnappt sich ein Tablett und geht zurück in die Gaststube, in der an diesem Tag 60 Gäste einen 75. Geburtstag feiern. Dass Pieper und seine Frau eigentlich gerade Urlaub haben - zehn Urlaubstage im Jahr wollen sich die beiden Workaholics, die dieses Wort vermutlich nie benutzen würden, dann doch gönnen -, ist nebensächlich. Wenn Arbeit anliegt, das war schon immer so, "dann mok wi dat".

In der nächsten Folge am 16.5.: Francop