Wandsbek

Erhalt oder Abriss? Streit um Josephterrassen eskaliert

Wollen die Josephterrassen erhalten: Anwohner Sigrid Curth, Oliver Krohn, Simone Raith , Wolfgang Remmert, Rüdiger Tölg, Klaus Curth, Christel Sömksen

Wollen die Josephterrassen erhalten: Anwohner Sigrid Curth, Oliver Krohn, Simone Raith , Wolfgang Remmert, Rüdiger Tölg, Klaus Curth, Christel Sömksen

Foto: Michael Rauhe

Etwa 40 Demonstranten geißelten den „Sozialwohnungsklau“, den der Wandsbeker SPD-Stadtplanungsexperte Rainer Schünemann eingefädelt habe.

Wandsbek.  Mit sichtlicher Freude an der eigenen Trillerpfeife führte der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete und Chef der Wohnungsbaugenossenschaft Hamburg-Wandsbek e.G. (WHW), Ralf Niedmers, den Protestzug seiner Mieter und Unterstützer vor die Bezirksversammlung Wandsbek. Etwa 40 Demonstranten geißelten den „Sozialwohnungsklau“, den der Wandsbeker SPD-Stadtplanungsexperte Rainer Schünemann eingefädelt habe. Er und rot-grüne Koalition würden Wohnungsneubau blockieren, skandierten der gut gelaunte Niedmers und seine Protestler.

Die Gegendemo fiel praktisch ins Wasser. SPD und Wandsbeker Denkmalfans brachten kaum Anhänger auf die Beine. Niedmers ließ seinen Anwalt und Parteikollegen aus der Bürgerschaft, Jörg Hamann, nach Ende der Veranstaltung schriftlich darauf hinweisen. Zur eigentlichen Frage, ob es einen Kompromiss im Streit um den Abriss oder Erhalt der Terrassenhäuser an der Josephstraße geben kann und wie er aussehen könnte, ließ auch Hamann sich nicht ein.

Die WHW will an der Josephstraße 66 Wohnungen bauen und dafür nicht nur die bestehenden Vorderhäuser abreißen, sondern auch die historischen Terrassenhäuser, die quer zur Straße in zweiter Reihe stehen. Die Wandsbeker Geschichtswerkstatt, der Bürgerverein und die rot-grüne Koalition drängen auf den Erhalt der Häuser, die in Wandsbek einzigartig sind (wir berichteten).

WHW-Vertreter entschuldigt sich für seine Genossenschaft

Auch Stadtplaner werben für den Erhalt markanter und damit identitätsstiftender Gebäude gerade in Wandsbek, wo der Krieg nur wenig alte Substanz übrig ließ. Sie plädieren auch für eine eher kleinteilige Entwicklung von Quartieren, weil großflächige Neubauten schnell die Unverwechselbarkeit nehmen.

Ein Mieter und Vertreter der Genossenschaft entschuldigte sich nach der Demo vor der Bezirksversammlung für die persönlichen Angriffe auf den SPD-Stadtplaner Schünemann. „Ich bin bei der WHW zwar in der Minderheit, aber mir ist das peinlich.“ Seit der Vorbescheidsantrag der WHW vor drei Jahren abgelehnt wurde, schwelt der Streit, die Terrassen hinter den Vorderhäusern stehen leer, wurden von der WHW für den Abriss vorbereitet und verkommen.

Der Bezirk möchte eine Erhaltensverordnung erlassen, um die WHW zur Sanierung zu zwingen. Die Vorderhäuser sollen neu gebaut werden dürfen, die beiden Terrassen aber bleiben. Die Gesamtzahl der Wohnungen bliebe damit in etwa gleich. Der WHW ist das zu teuer. Es würde höhere Mieten erzwingen, argumentiert sie und mobilisiert damit ihre Mitglieder gegen die Sanierung. Jetzt ist Bewegung in den Streit gekommen, der mit allen juristischen Winkelzügen geführt wird. Denn die WHW hat ihre Eingabe an den Petitionsausschuss der Bürgerschaft zurückgezogen, mit der die Erhaltensverordnung gestoppt werden sollte.

Damit endet das Moratorium: Die WHW will jetzt ihren erneuerten Vorbescheidsantrag entschieden sehen und den Abriss genehmigt bekommen. Sie hat ein Recht auf einen wie auch immer gearteten Bescheid und kann ihn juristisch erzwingen. Rot-grün will zuvor schnell die Erhaltensverordnung beschließen, um damit den Abriss zu verhindern. Ein Rechtsstreit liegt in der Luft. Am Dienstag im Planungsausschuss geht es in die nächste Runde.

WHW hält Erhaltensverordnung für rechtlich nicht haltbar

Da die WHW diverse Ausnahmen vom geltenden Recht genehmigt bekommen will, kommt die Politik ins Spiel. Wer wie die WHW höher, breiter und außerhalb der vorgesehenen Baufenster bauen will, müsste dafür normalerweise etwas anbieten.

Doch die Argumente scheinen getauscht. SPD und Grüne haben in Gesprächen mit der WHW bisher nichts erreicht. Die CDU unterstützt ihren Parteifreund. In der Bezirksversammlung sprach der langjährige frühere Niedmers-Mitarbeiter Kai Falcke zum Thema, obwohl der stadtplanungspolitische Sprecher Philip Buse heißt. Die Chancen stehen gut für die WHW. Das Amt scheint den Abriss genehmigen zu wollen, und auch die Linke weist „ganz emotionslos“ auf die Stellungnahme des WHW-Gutachters Geerd Dahms hin, der „unverdächtig“ sei und eine Erhaltensverordnung an der Josephstraße für rechtlich nicht haltbar erklärt.

Die Terrassen seien „nicht prägend“ für die Straße, bescheinigt Dahms der WHW. Zwar hätte es vor dem Krieg dort viele gründerzeitliche Häuser gegeben, aber der Wiederaufbau habe den Charakter der Straße ganz „erheblich geändert“ und die beiden „streitgegenständlichen Gebäude“ in den Hintergrund rücken lassen. Im Übrigen sei eine Erhaltenssatzung „nicht als Ersatz für ausbleibenden Denkmalschutz gedacht“. Das Denkmalschutzamt hatte das allerdings anders gesehen und dem Bezirksamt die Erhaltensverordnung empfohlen.