Wandsbek

Rettung für den jüdischen Friedhof in Tonndorf

Nazis hatten auf Tonndorfer Grabfeld ein Kartoffellager bauen lassen. Jetzt will die Gemeinde das Areal wieder nutzen. Bürgerverein: „Es wird höchste Zeit, dass der Friedhof wieder als solcher erkennbar ist.“

Hamburg. Im neuen Mitteilungsblatt des Bürgervereins Wandsbek von 1848 meldeten sich jüngst kritische Leser zu Wort. Ein „Schandfleck“ sei die alte Kartoffelhalle an der Jenfelder Straße, heißt es in einem Leserbrief. „Sollte man nicht der jüdischen Gemeinde dieses Grundstück zurückgeben?“, fragte ein Wandsbeker Bürger.

Konkret geht es um den alten jüdischen Friedhof an der Jenfelder Straße. Während auf einem Teil des Geländes rund 40 Gräber erhalten geblieben sind, werden unter der stillgelegten Kartoffelhalle weitere jüdische Grabstätten vermutet. Die jüdische Gemeinde hat allerdings auf die Gestaltung keinen Einfluss, weil sich die ehemalige Kartoffelhalle in Privatbesitz befindet.

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky sagte jetzt dem Abendblatt: „Eine würdevollere Lösung würde darin liegen, die ursprüngliche Zweckbestimmung wiederherzustellen und das Grundstück als jüdischen Friedhof beizubehalten und auch in Zukunft wieder als solchen zu nutzen.“ Der Umstand, dass die jüdische Gemeinde nicht mehr Eigentümerin des Grundstücks ist, entbinde nicht von moralischer Verpflichtung, sagt Roy Naor, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Einem jüdischen Friedhof sei Respekt zu zollen, fügte Naor hinzu. Anders als im Christentum sind jüdische Gräber für die Ewigkeit bestimmt. Ein jüdischer Friedhof gilt deshalb als „Haus der Ewigkeit“ und seine Gräber als unantastbar. So war es auch ursprünglich auf dem Friedhof an der Jenfelder Straße geplant, als er 1887 seiner Bestimmung übergeben wurde. Das Areal sollte Platz für 1000 Gräber bieten. Dann kamen die Nazis, verfügten den Zwangsverkauf des Grundstücks an die Hansestadt, schändeten die Totenruhe und ließen auf dem Friedhof eine Kartoffelhalle bauen. Bahnanschluss inklusive. Die Erinnerung an die Toten sollte, so wollten es die Nazis, aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt werden. Auf dem Reservefeld wurde die Lagerhalle errichtet und weite Teile des Friedhofs verwüstet.

Nach Kriegsende dauerte das Rückgabeverfahren überraschend lange. Lediglich der unbebaute Teil des Friedhofs wurde 1959 an die jüdische Gemeinde zurückgegeben. Bis heute sind 44 Grabsteine in hebräischer und deutscher Sprache erhalten. Unter der Halle vermuten Experten jüdische Gräber.

Während die jüdische Gemeinde bei einigen Gräbern Exhumierungen nachweisen konnte, bleibt das Schicksal von insgesamt elf Gräbern ungeklärt. Roy Naor vermutet: „Es muss davon ausgegangen werden, dass sich an diesem Ort nach wie vor jüdische Grabstätten befinden.“ Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Hamburg könne zudem nicht nachvollziehen, aus welchen Gründen das Grundstück nach dem Zweiten Weltkrieg übertragen wurde.

Dass der öffentliche Umgang mit jüdischen Grabstätten religiöse und politische Brisanz entfalten kann, hatte Anfang der 1990er-Jahre der Konflikt um den ehemaligen Jüdischen Friedhof Ottensen gezeigt. Ausgerechnet auf jüdischen Gräbern sollte ein Kaufhaus entstehen. Orthodoxe Juden forderten vehement die Rückgabe des Grundstücks und erwirkten mit ihren Protesten gegen die Störung der Totenruhe einen Baustopp. Ein als Gutachter eingeschalteter Oberrabbiner aus Jerusalem entschied schließlich, dass das Erdreich, in dem noch Grabstätten vermutet wurden, unangetastet bleiben müsse. Es wurde stattdessen mit einer Betonplatte bedeckt. Wo heute das Mercado steht, erinnert im Untergeschoss des Einkaufszentrums eine Gedenktafel mit den Namen der Bestatteten an den ehemaligen jüdischen Friedhof.

Nun kommt auch in Wandsbek eine Diskussion über die angemessene Würdigung der Totenruhe in Gang. Zwar handelt es sich bei dem Jenfelder Friedhof um ein eingetragenes Kulturdenkmal. „Aber aus Sicht der Denkmalpflege wäre natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn das Gelände wieder seiner ursprünglichen Nutzung als Friedhof zugeführt würde“, sagte Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde. Da es sich aber um ein Privatgelände handelt, habe das Denkmalschutzamt keinen direkten Einfluss.

„Es wird höchste Zeit, dass der Friedhof wieder als solcher erkennbar ist“, betont die Vorsitzende des Bürgervereins Wandsbek, Ingrid Voss. „Ich unterstütze den Vorschlag des Landesrabbiners, das Grundstück auch in Zukunft wieder als jüdischen Friedhof zu nutzen.“ Unterdessen schlägt Wandsbeks FDP-Chef Thomas-Sönke Kluth einen runden Tisch vor, um mit allen Beteiligten eine „gute Lösung“ zu finden. „Wenn ich bei der Vermittlung einen Beitrag leisten kann, so will ich das gerne tun“, sagte der FDP-Bürgerschaftsabgeordnete. Zur Geschichte des jüdischen Friedhofs an der Jenfelder Straße gehörten Schändung, Zwangsverkauf und die Störung der Totenruhe. Und vielleicht eines Tages auch ein Neuanfang, hofft Ingrid Voss vom Bürgerverein Wandsbek.