Bramfeld

Die letzten Mieter am Nüßlerkamp

40er-Jahre-Siedlung in Bramfeld soll Sozialwohnungen weichen. "Eines Tages sind sie einfach gekommen und haben alles platt gemacht".

Hamburg. Manchmal kommen ihm fast die Tränen. Christian Lehmann, 49, zeigt aus dem Fenster und hebt hilflos die Schultern. Draußen sieht es aus, als sei ein Tornado durch den Vorgarten gejagt. Die Baumstämme sind abgerissen, Äste liegen auf dem Boden verteilt. Nur der Stumpf eines steinernen Grills lässt erahnen, wie es hier vor wenigen Wochen noch aussah.

"Eines Tages sind sie einfach gekommen und haben alles platt gemacht", sagt Lehmann. Früher war es vor den Häusern grün, Kirschbäume blühten, die Bewohner saßen draußen oft zusammen. Es war, sagen sie heute, ein verwunschenes Fleckchen Erde, mit Musik, viel Kunst und immer offenen Türen. "Jetzt komme ich mir vor wie im Krieg", sagt Lehmann.

Christian Lehmann ist einer von zehn übrig gebliebenen Bewohnern der Häuser am Nüßlerkamp 11 bis 19. Um die 60 Wohnungen gibt es hier, alle etwa 33 Quadratmeter groß, Ende der 40er-Jahre erbaut, damals Luxus-, heute Singlewohnungen nach einfachstem Standard. "Steintipis" nennt Lehmann sie. Viele Bewohner zahlen weniger als 200 Euro Miete, alle verzichten sie dafür auf Zentralheizungen und haben sich ihre Duschbäder selbst eingebaut. Sie wohnen schon seit Jahrzehnten hier, viele Künstler, viele Hartz-IV-Empfänger. Eine grüne, genügsame Kolonie hatten sie sich geschaffen, mitten in Bramfeld.

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Mit dem Grün ist nun Schluss. Die Gärten sind zerstört, die Häuser liegen nackt und heruntergekommen am Straßenrand. Der Putz bröckelt, die Ecke eines Gebäudes ist rußgeschwärzt. Drei Brandanschläge gab es in den vergangenen Monaten. "Kein Wunder", sagt Lehmann, "inzwischen sieht es ja aus, als wohne hier keiner mehr."

Der Druck, mit dem hier Abrissarbeiten vorbereitet werden, ist neu. Das Drama um den "Schandfleck" Nüßlerkamp aber zieht sich schon seit Jahrzehnten durch die Bezirkspolitik. Weil der frühere Pächter in den 80er- und 90er-Jahren nur dann investierte, wenn ihm die Wohnraumpflege auf die Füße trat, verfielen die Gebäude. Als das Grundstück im Jahr 1999 an die Stadt zurückfiel, kamen die Häuser in die Verwaltung der Saga. Mit der Stattbau Hamburg erarbeiteten die Mieter ein Sanierungskonzept und wandten sich damit an die Bezirkspolitik, immer wieder sprachen sich auch Vertreter verschiedener Parteien für den Erhalt der Wohnungen aus. Doch im Jahr 2004 legte die Saga ein Gutachten vor, das besagte, dass eine Sanierung zu teuer käme. Die Stadt verfügte, dass frei werdende Wohnungen nicht mehr vermietet werden sollten. Stattdessen wurde geplant abzureißen und familiengerechte Wohnungen zu schaffen. Nur die nötigsten Mängel wurden behoben.

Seither sind viele Mieter weggezogen, doch Lehmann und ein paar Nachbarn blieben. Sie beharren auf ihren Mietverträgen und darauf, dass günstiger Wohnraum ohne Modernisierung erhalten werden soll. Sie beharrten aber auch lange darauf, dass wirklich alle Häuser bleiben müssen. Der Vorschlag der Bezirkspolitik, ein oder zwei Gebäude stehen zu lassen, in das die verbliebenen Mieter ziehen könnten, wurde von der Mietergemeinschaft abgewehrt. Lehmanns Nachbar Michael Abromeit bereut die Entscheidung heute manchmal. "Aber wir hatten schon zu viel Arbeit und Energie in unsere Wohnungen gesteckt", sagt er.

Jürgen Warncke, Fachsprecher Stadtteilentwicklung der SPD-Fraktion Wandsbek, befasst sich schon lange mit den Häusern am Nüßlerkamp. Jahrelang habe die Bezirkspolitik um eine Lösung des Konflikts gerungen, sagt er, aber alle Ansätze seien im Sand verlaufen. "Und irgendwann konnte die Politik dann nicht mehr anders, als den Bebauungsplan zu beschließen."

Seit 2010 ist das Grundstück nun Eigentum des nordrhein-westfälischen Wohnungsunternehmens Sahle Wohnen. Seither, sagen die Mieter, sei alles schlimmer geworden. Türen und Zargen seien aus den leer stehenden Wohnungen gerissen worden. Und nun die Gärten, die Brandanschläge. Mieterin Sabine Schulze ist die Nächste, die ihre Wohnung verlassen wird. "Mehr als 20 Jahre lang war das mein Paradies. Aber was soll ich machen, wenn die Wohnung zur Bedrohung wird?"

Bis zum Sommer, heißt es von Sahle Wohnen, wolle man auf dem Grundstück mit dem Neubau beginnen, bis dahin sollen alle Mieter ausgezogen sein. Kündigungen haben sie schon erhalten, das gerichtliche Schlichtungsverfahren läuft. Mit fünf Mietern sei noch keine Einigung gefunden.

Eine Sanierung komme wegen der schlechten Bausubstanz nicht mehr infrage, sagt Sahle-Sprecherin Sybille Jeschonek. "Und selbst wenn wir sanieren würden, würden die Preise steigen. Natürlich bekommen die Mieter für das Geld, das sie momentan zahlen, heutzutage in Hamburg keine Wohnungen mehr. Aber die Häuser entsprechen keiner modernen Bauvorschrift."

+++ Mietenspiegel +++

Zumal auf der Fläche keine Luxus-, sondern geförderte Wohnungen entstehen sollen: 43 Wohnungen plant das Unternehmen, mit einer Kaltmiete von 5,50 Euro pro Quadratmeter. Deshalb sei die Situation auch nicht mit denen zu vergleichen, in denen Mieter zugunsten von Besserverdienern verdrängt würden, sagt Jeschonek. "Wir vermieten an der untersten Preisgrenze und haben jedem Bewohner angeboten, nach einer Übergangszeit wieder einzuziehen. Aber die, die noch übrig sind, sind zu keinem Kompromiss bereit." Die Mieter sehen das anders, ihnen seien Wohnungen angeboten worden weit weg in Neugraben-Fischbek.

Noch hofft das Bauunternehmen, eine Zwangsräumung zu vermeiden. Doch während die letzten Mieter an ihren Verträgen festhalten, hat man vor ihren Türen schon mit den Abrissvorbereitungen begonnen. "Da wir bald bauen wollen, mussten wir die Bäume wegen des Vogelschutzes schon im Februar fällen", sagt Sybille Jeschonek. Jedes Gebäude soll, sobald leer, schnell abgerissen werden.

Genau das ist es, was Christian Lehmann die Tränen in die Augen treibt. "Das ist Vertreibung", sagt er. Nie würden sie über Vorgänge informiert, "Niemand zeigt sich für uns verantwortlich." Zwar steht die Mietergemeinschaft in engem Kontakt zu Mieter helfen Mietern und zum Recht-auf-Stadt-Netzwerk. Viel Hoffnung habe dort aber keiner, sagt Lehmann. "Weil wir hier so weit vom Schuss sind. Das interessiert in der Stadt doch niemanden."