Inklusion

Jamie, das zeichnende Kickertalent

Jamie spielt Amputiertenfußball

Jamie spielt Amputiertenfußball

Foto: UEFA

Über den Hamburger Verein AmpuKids entdeckte der 14-Jährige Amputiertenfußball. Zudem gestaltet er den Ball für den UEFA-Superpokal mit

Wenn der Uefa-Superpokal zwischen dem Champions-League-Sieger und dem Europa-League-Sieger stattfindet, wird Jamie Knowles nur Augen für den Ball haben. Jamie hat diesen Ball mitgestaltet. Der 14-Jährige ist eins von 18 Kindern aus verschiedenen Uefa-Ländern, die mit ihren Zeichnungen auf dem Ball verewigt sind. Für Jamie ist das eine besondere Ehre, er zeichnet nämlich nicht nur gerne, sondern spielt auch Fußball. Allerdings ein bisschen anders als die Profis im Uefa-Superpokal-Finale – denn Jamie fehlt ein Bein.

Im Amputiertenfußball spielen alle Feldspieler auf Krücken, ihnen fehlt ein Bein, Torhüter hingegen kann nur werden, wem ein Arm fehlt. Jamie spielt auf dem Feld. Er wurde mit fibularer Hemimelie geboren, sein linkes Bein war durch die seltene Erkrankung unterentwickelt und wurde, als er ein Jahr alt war, amputiert. Das hielt ihn aber nicht davon ab, eine große Leidenschaft für Fußball zu entwickeln. Seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Fußball, lange mit seiner Prothese, mittlerweile auf Krücken – und das sehr erfolgreich. Obwohl er erst 14 ist, lädt ihn die Jugendnationalmannschaft um Kapitän Christian Heintz, einen Pionier des Amputiertensports in Deutschland, ein. Bei Freundschaftsspielen steht er auch mal auf dem Platz, an Pflichtspielen darf er aber erst teilnehmen, wenn er 16 Jahre alt ist.

Es gibt nur drei große Vereine, die den Sport anbieten

Das bedeutet leider auch, dass er nicht an der nächsten Fußballeuropameisterschaft der Amputierten teilnehmen kann. Jamie bleibt aber optimistisch: „2024 werde ich dann hoffentlich mitmachen.“ Das wäre auch noch deshalb etwas Besonderes, weil sich der DFB darum bemüht, die Europameisterschaft in Deutschland auszurichten. Die deutsche Mannschaft ist allerdings kein Favorit. Bei den letzten Europameisterschaften waren die Spieler und der Verband mit dem achten Platz sehr zufrieden. Länder wie der amtierende Europameister Türkei oder England stehen deutlich besser da, in der Türkei gibt es sogar einen Profibetrieb.

In Deutschland gibt es hingegen nur drei größere Vereine, die Amputiertenfußball betreiben: „Anpfiff ins Leben“ aus Hoffenheim, der von Unternehmer Dietmar Hopp gefördert zum Vorreiter im Sport wurde, die Sportfreunde Braunschweig, und Jamies Verein, Fortuna Düsseldorf. Heintz, der bei Hoffenheim spielt, hofft aber, dass sich mit Förderung des DFB in den nächsten Jahren mehr Vereine gründen. Im Gespräch ist auch eine Mannschaft in Hamburg. Auch ein Ligabetrieb soll mittelfristig aufgebaut werden.

Förderung, nicht nur im Fußball, sondern in allen Lebensbereichen, bietet der Verein AmpuKids. Seit 2006 arbeitet die Hamburger Einrichtung daran, Kindern mit Amputationen ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Abendblatt-Initiative „Kinder helfen Kindern“ unterstützt den Verein seit Jahren. „Jeder Moment, in dem ein Kind wieder im Leben ankommt, ist etwas Großartiges“, erklärt Andrea Vogt-Bolm, Leiterin von Ampu-Kids.

AmpuKids berät werdende Eltern

Zunächst beschränkte sich die Organisation auf Hamburg und Umgebung, inzwischen agiert sie bundesweit. Vogt-Bolm und ihr Team beraten werdende Eltern, bei deren Kind eine Fehlbildung diagnostiziert wurde, begleiten Reha-Prozesse und bieten psycho-soziale Betreuung an. Gleichzeitig bereiten sie Kampagnen vor und sammeln Spenden, auf die der Verein angewiesen ist.

Jedes Jahr organisiert der Verein zudem eine mehrtägige Freizeit in Büchen, deren Höhepunkt ein Sportfest ist. Über dieses Turnier ist Jamie mit dem Amputiertenfußball in Berührung gekommen, dort begann seine Leidenschaft für das Hobby. Ein großer sportlicher Erfolg wird bei dem Fest aber nicht erwartet, wie Vogt-Bolm sagt: „Leute denken dann immer an die Paralympics, aber es geht nur darum, dass die Kinder sich ausprobieren und sehen ‚Ich kann das‘.“

Der Verein hat den Kontakt zum DFB hergestellt

Außerdem lernen sich die Kinder spielerisch kennen, teilen ihre Erfahrungen und werden im besten Fall Freunde. Für Jamie hat das funktioniert: „Bei dem Sportfest habe ich neue Freunde gefunden, die jetzt so ein bisschen zu meiner Familie gehören. AmpuKids ist für mich seit fast sechs Jahren ein fester Bestandteil meines Lebens. Dort sind alle gleich und die Behinderungen stehen nicht im Vordergrund. Es ist normal, dass Prothesen an- und ausgezogen werden, Rollstühle getauscht werden und sich gegenseitig geholfen und unterstützt wird. Deshalb freue ich mich jedes Mal, dabei zu sein.“ Außerdem hat der Verein den Kontakt zum DFB hergestellt. Ohne AmpuKids würde Jamie vermutlich nicht in der Jugendnationalmannschaft spielen.

Das Feld, auf dem Amputiertenfußball gespielt wird, ist kleiner als beim normalen Fußball – nur 51 mal 30 Meter stehen zur Verfügung. Es spielen nicht elf gegen elf, sondern sieben gegen sieben. Dadurch, dass die Bewegung so anders ist, verändert sich die komplette Natur des Spiels. Sich mal eben durch die Abwehrreihen zu dribbeln ist fast unmöglich. Jamie sagt, es komme viel mehr auf das Passspiel und Flanken an. Man muss den Sport kreativer denken, vielleicht hilft Jamie dabei auch sein anderes Hobby: das Zeichnen und Malen.

Aus 200 Einsendungen wurde sein Ball ausgewählt

Die Kombination dieser beiden Leidenschaften hat ihm seinen Platz auf dem Superpokal-Ball gebracht. Aus 200 Einsendungen aus ganz Europa wurden die Gewinner vom Uefa-Präsidenten Aleksander Čeferin ausgewählt. Wann der Ball präsentiert werden wird, steht noch nicht fest. Jamie hofft aber, dass er dabei sein kann. Das wäre die Erfüllung eines Traums. Sein größter Traum ist aber ein anderer. „Ich will, dass Amputiertenfußball künftig bei den Paralympischen Spielen dabei ist.“ Das wird noch etwas dauern, wie Christian Heintz erklärt. Vor 2028 wird es wohl nicht dazu kommen, weil die internationalen Strukturen noch besser werden müssen. Doch dann könnte der Traum vieler Amputiertenfußballer wahr werden. Eine größere Bühne gibt es nicht und wenn er weiter so spielt wie bisher, wird Jamie sie betreten dürfen. Vorher freut er sich jedoch auf den Superpokal, wo dann mit „seinem“ Ball gespielt wird.

Weitere Infos zu AmpuKids e. V. bei Andrea Vogt-Bolm, Tel. 040/645 81 13 63, E-Mail: info@ampu-vita.de, www.ampu-kids.de