Seelsorge

In Not? Schnelle Hilfe mitten in der City

Das Seelsorgezentrum St.Petri wird 50.: Psychologe Matthias Schmidt (l.) mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern Annett und Georg Mensch / Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Das Seelsorgezentrum St.Petri wird 50.: Psychologe Matthias Schmidt (l.) mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern Annett und Georg Mensch / Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Im Beratungs- und Seelsorgezentrum St. Petri können Menschen in einer Krise spontan Gespräche führen – und das seit 50 Jahren

Ziellos war sie mit dem Bus in der Innenstadt umhergefahren, innerlich aufgewühlt und tief verzweifelt. Als der Bus vor der Hauptkirche St. Petri hielt, ging Sandra (Name geändert) hinein. „Das war einfach eine Eingebung, ich wusste nichts mit mir anzufangen. Dort sah ich dann ein Schild mit dem Hinweis auf das Beratungs- und Seelsorgezentrum. Da bin ich dann spontan hingegangen“, sagt die 42-Jährige. Als Blockbau, eher unauffällig und schlicht, steht das Beratungszentrum (BSZ) im Schatten der Backsteinkirche, umringt von Geschäften und Cafés. Der Eingangsbereich ist mit einfachen Holzstühlen gestaltet. Aber wer hierherkommt, sucht keine Gemütlichkeit, es geht oft um Existenzielles, einen Moment der Not, in dem man dringend jemanden braucht, der für einen da ist.

„Ich wurde gleich von einer älteren Dame in Empfang genommen und in einen der Beratungsräume geführt. Ich fing an, von meiner Trennung, meinen Ängsten und der inneren Zerrissenheit zu erzählen“, erinnert sich Sandra. „Die Frau gab mir keine Ratschläge, verfiel in keinen Aktionismus, sondern hörte mir nur zu und spiegelte mir meine Gefühle, gab ihnen einen Namen und plötzlich wurde die Bedrohung, die ich empfunden hatte, kleiner. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass es einen Weg aus meiner Situation gibt.“

Nach dem Gespräch sah sie zum ersten Mal Licht im Dunklen

Nur 35 Minuten hatte das Gespräch zwischen der Beraterin und San­dra gedauert, doch als sie aus dem Gebäude trat, „erschien es mir, als ob die Sonne zwischen all den grauen Wolken am Himmel hervorkommt“. Seither sind rund 15 Jahre vergangen, Sandra hat sich gefangen, eine Therapie gemacht, ist gefestigt im Leben. Doch für sie ist diese halbe Stunde noch immer so präsent, „weil ich an einem Scheideweg stand und danach die richtige Richtung einschlagen konnte“.

Inzwischen ist Sandra selbst Beraterin am BSZ. Sie ist es nun, die zugewandt zuhört, Emotionen spiegelt und Menschen in Not hilft. Insgesamt gibt es 150 Ehrenamtliche wie Sandra, die sich mindestens alle zwei Wochen vier Stunden Zeit für Gespräche nehmen, die an jedem Tag der Woche für die Besucher kostenfrei, anonym und unverbindlich sind – und das seit 50 Jahren.

Das Seelsorgezentrum feiert Jubiliäum

Diese und nächste Woche feiert das BSZ sein großes Jubiläum. „Das Prinzip dieser Laienberatung von Ehrenamtlichen ist etwas Besonderes in Deutschland. Die Gespräche sind Begegnungen auf Augenhöhe, ohne den Fokus auf eine Lösung des Problems zu legen, sondern es geht nur um Hinwendung, ein urchristliches Prinzip“, sagt Michael Schmidt, einer von drei Hauptamtlichen beim Beratungszentrum.

Der Diplom-Psychologe leitet die Ausbildung der Ehrenamtlichen und koordiniert die offene Beratung. „Aber ansonsten organisieren sich die Freiwilligen komplett selber, auch das ist ungewöhnlich“, sagt Schmidt. Aber genau diese Selbstständigkeit macht den Reiz aus für viele der Berater, die eine umfangreiche einjährige Ausbildung erhalten und regelmäßig an Supervisionsrunden teilnehmen, um das Gehörte verarbeiten und reflektieren zu können.

Es gibt ein Bewerber-Wochenende und ein Jahr Ausbildung

Es gibt ein richtiges Auswahlverfahren. Potenzielle Ehrenamtliche machen zuerst ein Kurs „Hilfreich miteinander sprechen“ mit, werden dann zu einem Bewerber-Wochenende eingeladen, erarbeiten in einer Selbsterfahrungsphase ihre Biografie und erlernen durch Gruppen und Hospitationen in der offenen Beratung die „Personenzentrierte Gesprächsführung“. Danach verpflichten sie sich, für mindestens zwei Jahre als Berater alle zwei Wochen zu arbeiten.

Von dieser professionellen Ausbildung waren die ersten acht Beraterinnen weit entfernt, die am 22. Februar 1970 den Gemeindesaal von St. Petri für Ratsuchende öffneten. „In dem eher dunklen Raum waren Paravents aufgestellt, hinter denen die Gespräche geführt wurden“, erinnert sich Schmidt, der als Psychologiestudent in den 80ern dort ein Praktikum gemacht hat. Seit zehn Jahren gibt es nun das mehrstöckige Haus mit etlichen Beratungsräumen, auch für selbstständige Fachberater, die von den Ehrenamtlichen vermittelt werden, wenn die Besucher eine Therapie machen möchten. Viele nutzen dieses Angebot auf Honorarbasis als Überbrückung für eine von der Krankenkasse finanzierte Therapie.

Rund 6000 Kontakte hat das Beratungszentrum im Jahr

„Früher waren es fast nur Hausfrauen und Senioren, die sich als Ehrenamtliche engagierten, das sind immer noch die meisten, aber inzwischen gibt es zudem viele jüngere Berufstätige, die nach ihrer Arbeit abends bei uns beraten“, sagt Schmidt. Auch sind inzwischen die Hälfte der rund 6000 Kontakte pro Jahr Männer, rund 50 Prozent der Besucher kommen häufiger als einmal, manche sogar täglich. „Wir geben ihrem Alltag eine Struktur“, sagt Annett, die alle zwei Wochen abends eine Schicht im BSZ übernimmt.

Die Krankenkassen-Angestellte ist seit einem Jahr dabei. Ihr gefällt an der Arbeit, dass der „Unterschied zwischen Ratsuchenden und Beratern nicht sehr groß ist, vieles kann ich nachvollziehen“, sagt die 46-Jährige. Einsamkeit ist ein großes Thema, aber genauso kommen Paare in der Krise, Angestellte, die nach einem Streit mit ihrem Chef in der Mittagspause ihren Frust rauslassen, Trauernde, Depressive, Mobbingopfer und verzweifelte Mütter.

Manchmal kommen auch Berater an ihre Grenzen

„Es gibt auch immer wieder Menschen, die in einer akuten Psychose stecken und einen nur zutexten. Da komme ich schon mal an meine Grenze“, sagt Annett. Zum Glück gibt es dann die Team-Kollegen, mit denen sie sich austauschen kann – und sie hat gelernt, auch mit solchen Situationen klarzukommen.

Georg (69), ein pensionierter Lehrer, findet es spannend, für ein paar Stunden in eine andere Welt einzutauchen. „Man begibt sich in die Wirklichkeit eines anderen Menschen, der einem so viel Vertrauen entgegenbringt.“ Manchmal würde er schon gern wissen, ob das Gespräch dem Besucher geholfen hat, sagt Georg.

Auch Sandras Beraterin hat nie erfahren, wie tiefgreifend die halbe Stunde für die damals Verzweifelte war. „Ich hätte ihr gern meine Dankbarkeit entgegengebracht“, sagt die Kauffrau. Aber es sei wunderbar, nun an dem Ort arbeiten zu dürfen, „an dem mir in höchster Not geholfen wurde“.

Angebot und Jubiläum

Beratungs- und Seelsorgezentrum, Bei der Petrikirche 3, www.bsz-hamburg.de

Offene Beratung ist täglich, anonym und kostenfrei: Mo–Sa

11 bis 18 Uhr; Di u. Mi bis 21 Uhr,

an Sonn- und Feiertagen 11.30 bis 15 Uhr, Tel. 32 50 38 70

Fachberatung mit Therapeuten, auf Honorarbasis, Erstgespräch innerhalb von 14 Tagen

Klub Q: offenes Gruppenangebot, jeden Montag, 19–21 Uhr im Gemeindesaal, ohne Anmeldung

Seminar: Hilfe für Helfer – Ein Kurs für pflegende Angehörige, 6.3./20.3./3.4., Tel. 32 50 38 75

Jubiläum vom 22.–28.2.

Die Veranstaltungen finden in der Haupt­kirche St. Petri statt:

22.2.,19 Uhr: Große Jubiläumsfeier mit Vortrag und Grußworte von Bischöfin Kirsten Fehrs und Staatsrätin Petra Lotzkat, anschließend Empfang

23.2., 10 Uhr: Festgottesdienst mit Hauptpastor Dr. Jens-Martin Kruse, Matthias Schmidt und BSZ-Mitarbeitern

25.2., 19.30 Uhr: Musik und Texte mit Victoria von Trauttmannsdorff und Edmund Telgenkämper (Lesungen), Claus Bantzer (Flügel), Eintritt: 10 Euro

26.2., 20 Uhr 50 Jahre BSZ – Vortrag und Gespräch zu „Seelsorge heute“ mit Prof. Friedemann Schulz von Thun, Eintritt: 15 Euro 28.2., 20 Uhr Benefizkonzert mit Elbtonal Percussion und Lesungen, Eintritt: 20 Euro