Kirche

Erfahrungen kann man neu deuten

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Pastor Reinhard Dircks erklärt, wie Menschen zu mehr Zufriedenheit im Leben finden können und ob der Glaube dabei hilft

Pastor Reinhard Dircks ist Leiter des Beratungs- und Seelsorgezentrums der Hauptkirche St. Petri. Pro Jahr haben die Mitarbeiter dort bis zu 6000 Kontakte mit Ratsuchenden. Die offene Beratung ist vertraulich und kostenfrei. Zusätzlich gibt es psychologische Fachberater.

Hamburger Abendblatt: Was erleben Sie im Seelsorgezentrum häufig: Warum sind Menschen unglücklich mit ihrem Leben?

Reinhard Dircks: Die meisten, die zu uns kommen, sind einsam und isoliert, andere haben Depressionen oder leiden unter einer Psychose. Es kommen viele Paare in großer Not, weil sie einander nicht mehr verstehen. Der dritte Bereich sind allgemeine Probleme im Beruf oder im privaten Bereich. Obwohl es natürlich auch äußere Umstände gibt, haben die meisten, die zu uns kommen, das Gefühl, sie hätten etwas falsch gemacht.

Wie helfen Ihre Berater diesen Menschen?

Erst einmal hören sie den Menschen zu, damit diese eine positive Resonanz bekommen. Um zufriedener zu werden, brauche ich eine Erfahrung von Achtung und Respekt. Vorhaltungen und Ratschläge sind in dieser Situation nicht angebracht, weil sie zu konfrontativ sind. Wichtig ist, dass die Berater die Ratsuchenden auch in ihrer Gebrochenheit akzeptieren und sie annehmen. Und ihnen gleichzeitig Lebenskraft zutrauen und ihnen das auch sagen. Die Ratsuchenden müssen diese positive Haltung spüren.

Warum gibt es Menschen, die alles negativ sehen, egal wie gut es ihnen äußerlich geht?

Meine Vermutung ist, dass manche Menschen das Negative brauchen, um sich zu spüren. Das Jammern hat etwas Schweres an sich, das kann man wie eine schützende Decke um sich legen. Glück ist dagegen etwas Leichtes, das davonfliegen kann.

Was braucht man, um zufrieden zu sein?

Da gibt es verschiedene Bereiche. Stärkend sind gute Beziehungen zur Familie, dem Partner und den Freunden. Wichtig ist der Beruf und meine Wirksamkeit überhaupt. Kann ich gestalten bei dem, was ich tue? Die Religion ist auch sehr wichtig. Glaube ich an eine Kraft, die über meine Fähigkeit hinausgeht und die mich hält? Stärkend sind auch eine finanzielle Sicherheit und ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper. Wer seinen Körper hasst, dem fällt es schwer, zufrieden zu sein.

Kann der Glaube an Gott dabei helfen, das eigene Leben so zu akzeptieren, wie es ist? Sind Gläubige also glücklicher?

Das wäre schön, wenn man sagen könnte, du musst nur genug glauben, dann geht es dir gut. Das ist mir zu banal. Im Glauben gibt es die Chance, dass ich sowohl für mein Glück als auch für meine Not eine andere Resonanz habe. Man steht nicht alleine da. Viele Menschen, die eine Gottesbeziehung haben, spüren dadurch, egal wie es ihnen geht, eine enorme Kraft.

Aber es heißt doch in der Bibel: Gott liebt dich, nimmt dich so an, wie du bist. Das ist doch schon viel wert.

Da haben Sie sehr recht, aber es geht ja nicht nur darum, was Gott mir gibt, sondern ob ich seine Liebe auch annehmen und spüren kann. Dafür muss man ein offenes Herz haben oder eine gewisse Sehnsucht. Das Problem, weswegen viele Christen zu uns kommen, ist jedoch, dass sie beten und glauben möchten, aber nichts in sich spüren.

Glauben Sie an den Spruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“?

Nein, das ist eine Überforderung. Denn es gehört zu viel zum Leben dazu, als dass man es selbst gestalten könnte. Ich lebe ja nicht nur für mich alleine und schmiede da mein Glück, sondern ich lebe in einem sozialen Kontext, dazu gehört die politische und gesellschaftliche Situation, mein Leben mit anderen und mit meiner Lebensgeschichte. Im christlichen Menschenbild gibt es zwei Seiten, die einen Menschen ausmachen: Das eine ist die Gebrochenheit, das heißt, wir erleben immer wieder das Scheitern oder Ohnmacht und Verluste. Der Kontakt zu Gott, zum Leben oder zu uns selbst ist oft gebrochen. Das andere ist die Ebenbildlichkeit Gottes. Das bedeutet die Würde des Menschen und seine Fähigkeit, das Leben zu gestalten. Wo ich selbst verantwortlich bin, werde ich zuversichtlich, traue mir etwas zu im Leben. Man muss mit beiden Seiten des Ichs leben und sie akzeptieren: also die vielen guten Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Möglichkeiten.

Manche Menschen geben ihren Eltern Schuld an allem. Wie kann man sie motivieren, Verantwortung für das Leben zu übernehmen?

Es geht nicht um Verantwortung, sondern wie ich meine Geschichte erlebt habe und ob ich darin auch noch etwas anderes entdecken kann, um heute gut zu leben. Da kann eine Therapie helfen, die eigene Lebensgeschichte neu zu verstehen, zu entdecken, was man trotz oder durch die familiäre Geschichte entwickelt hat. Ich könnte Ihnen meine Lebensgeschichte als äußerst schmerzreich beschreiben, und ich könnte sie erzählen wie eine Geschichte, die mich innerlich reich gemacht hat. Oft gibt es beides nebeneinander. Wenn jemand nie durch die Eltern anerkannt wurde, würde ich diese Erfahrung ernst nehmen wollen. Zugleich würde ich mich fragen, wie das eigene Wertgefühl trotzdem gewachsen ist, welche Stärken haben sich herausgebildet, welche Sensibilität ist gewachsen. Wir nennen das „Reframing“. Ich kann Geschehnisse unterschiedlich deuten.

Wie wichtig ist für das Lebensglück, mit der Vergangenheit abschließen zu können?

Vergebung und Versöhnung sind die wichtigsten Komponenten des Lebens. Wie soll ich meinen Frieden finden ohne mich mit meiner Geschichte zu versöhnen? Wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, hilft mir die Anerkennung der Kränkung und des Leids. Also die Wahrheit.