Kinder mit Behinderung

Für belastete Familien: Die innere Widerstandskraft stärken

Selbsthilfe für Familien mit behinderten Kindern durch Resilienz-Training , Katrin Duttlinger , Eva Jürgensen und Barbara Feige (v.l.) haben mitgemacht Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Selbsthilfe für Familien mit behinderten Kindern durch Resilienz-Training , Katrin Duttlinger , Eva Jürgensen und Barbara Feige (v.l.) haben mitgemacht Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Mit speziellen Kursen hilft Nestwärme e. V. Eltern mit kranken und behinderten Kindern, schwierige Situationen besser zu meistern

Der Alltag mit einem körperlich oder geistig eingeschränkten Kind kann Familien an den Rand ihrer Kräfte bringen. „In manchen Situationen verhält sich meine Tochter sehr emotional und impulsgesteuert, dagegen komme ich mit rationalen Argumenten nicht an, und manchmal verstehe ich gar nicht, was der Auslöser für ihre Reaktion ist“, sagt Barbara Feige (56), deren Tochter eine geistige Behinderung hat. Diese Konflikte rauben der alleinerziehenden Mutter immer wieder viel Energie. „Die Kommunikation ist sehr schwierig mit ihr, da wir uns kaum auf der intellektuellen Ebene austauschen können“, sagt Barbara Feige.

Eva Jürgensen, Mutter einer erwachsenen Tochter mit Downsyndrom, stimmt ihr zu. „Unsere Kinder möchten sich gerne wie Erwachsene verhalten, schaffen es aber nicht immer. Sie brauchen unsere Unterstützung, und das ist sehr anstrengend“, sagt Eva Jürgensen. Um mit den Herausforderungen künftig besser umgehen zu können, haben die beiden Frauen an einem Kurs zur Stärkung der Resilienz in Hamburg teilgenommen.

Es gibt einen großen Bedarf bei Familien

Angeboten wird der Kurs von Nestwärme e. V. Der Verein aus Trier unterstützt bundesweit Familien mit chronisch kranken oder behinderten Kindern mit verschiedenen Projekten. „Wir wollen den Familien die Solidarität einer Gemeinschaft geben, ihnen aber auch eine Hilfe zur Selbsthilfe anbieten“, sagt Petra Moske von Nestwärme, die das Familienhilfsnetzwerk 1999 gemeinsam mit Elisabeth Schuh gegründet hat.

Deshalb hat der Verein seit 2004 Kurse zum Training der Resilienz im Programm. „Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, mit kritischen Lebensereignissen erfolgreich umzugehen. Wir haben bei diesen emotional sehr belasteten Familien einen enormen Bedarf dafür gesehen“, sagt Petra Moske. Entwickelt wurde das Kurskonzept in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Institut für angewandte Pädagogik (IFAP) in Graz.

Es gibt Menschen, die allen Widerständen trotzen

In den Kursen können die Eltern lernen, ihre persönlichen Ressourcen zu erkennen und zu stärken, sagt Heike Löwensen, die als eine von zwei Trainerinnen die Resilienzkurse in Hamburg leitet. In dem viertägigen Einführungskurs „Resilienz Practitioner“ erfahren die Eltern zunächst Theoretisches aus der Resilienz-Forschung.

„Zu den Untersuchungen, die wir vorstellen, gehört etwa die bekannte Studie der Entwicklungspsychologin Emmy Elisabeth Werner, die als Pionierin der Resilienzforschung gilt. Sie begleitete in einer Langzeitstudie rund 700 hawaiianische Kinder, die zum Teil in schwierigen, von Gewalt, Armut und Krankheit geprägten Verhältnissen aufwuchsen. Dabei stellte sie fest, dass sich ein Drittel trotz der schweren Startbedingungen gesund und leistungsfähig entwickelten“, sagt Löwensen.

Ziel ist, eine Situation zu akzeptieren

Neben der Theorie werden die Teilnehmer angeregt, einen neuen Blick auf ihre eigenen schwierigen Situationen oder Krisen zu werfen. „Wir kreisen oft mit immer gleichen Gedanken um ein Problem, fragen etwa, warum uns bestimmte Dinge passiert sind. Doch statt so viel Energie in die Ursachenforschung zu stecken, sollte das Ziel sein, eine Situation zu akzeptieren, wie sie ist, und sich auf den Umgang damit zu konzentrieren“, sagt Heike Löwensen.

Die Forschung benennt dazu verschiedene Resilienzfaktoren, über die der Einzelne bereits verfügt oder die er sich aneignen kann, um mit Konflikten fertigzuwerden. „Dazu gehört etwa die Lösungsorientierung, also dass wir uns trainieren können, in Lösungen zu denken. Oder der Faktor Netzwerk, also die Erfahrung, dass wir nicht allein sind und uns Hilfe holen können“, sagt Trainerin Löwensen. Wer an seiner Resilienz arbeitet, muss sehr ehrlich mit sich sein. Es ist ein Entwicklungsprozess, in dem man allmählich neue Einstellungen und Haltungen gewinnt. „Diese müssen regelmäßig eingeübt werden, und das funktioniert besonders gut in der Gruppe“, sagt Löwensen.

In der Gruppe Probleme gemeinsam lösen

Eva Jürgensen und Barbara Feige probieren das zurzeit aus. Sie haben den Kurs „Resilienz Practitioner“ absolviert und treffen sich nun einmal im Monat mit vier weiteren Frauen aus dem Kurs in einer sogenannten Peer Group, um ihre Erkenntnisse nachhaltig zu verankern.

„Wir sprechen über sehr persönliche Probleme und aus der Gruppe kommen immer wieder neue Ideen, die dazu beitragen, dass man eine kritische Situation auch einmal von einer anderen Seite wahrnehmen kann“, sagt Barbara Feige. So habe sie neue Impulse aus der Gruppe bekommen, die ihr helfen, ihre Tochter besser zu verstehen und einen Konflikt anders zu handhaben als bisher.

„Jeder noch so kleine Schritt in eine positive Richtung gibt mehr Energie“, erklärt Trainerin Löwensen. Man müsse allerdings schauen, was realistisch sei und was zur eigenen Situation passe. Zu handeln und nicht in einer Opferrolle zu verharren stärke auch das Bewusstsein über die eigene Selbstwirksamkeit.

Es gibt Rollenspiele und ein Tagebuch, das jeder führt

Zum Training gehören Rollenspiele, Assoziations- und Entspannungsübungen, die in einem Handbuch beschrieben sind. Zudem führen die Teilnehmer ein Tagebuch. Das Aufschreiben hilft, vorhandene Stärken zu erkennen oder, wo es nötig ist, auszubauen.

Nach der Peer Group, die sich sechs Monate lang regelmäßig trifft, können die Teilnehmerinnen das zweite Kursangebot von Nestwärme nutzen und ein zweitägiges Training zum Resilienzbegleiter absolvieren. Auch in diesem Kurs geht es darum, Kompetenzen für die persönlichen Resilienz zu üben und darüber hinaus als ehrenamtliche Helfer Familien mit kranken Kindern zu unterstützen. „So können neue Perspektiven entwickelt und Ressourcen erkannt werden“, sagt Trainerin Löwensen.

Die nächsten Resilienz-Kurse in Hamburg

Der nächste Kurs in Hamburg geht vom 27.–30.5. Bereits am 25.2. gibt es dazu einen Resilienz-Einführungs-Workshop. Eltern von behinderten oder schwer kranken Kindern, die an dem Practitioner-Kurs teilnehmen wollen, können sich um eine Förderung bei Nestwärme bewerben. Die Stiftung BNP Paribas übernimmt dann 1000 Euro von 1250 Euro, die der Kurs kostet. Die Teilnehmer zahlen einen Eigenanteil von 250 Euro. z