Hilfe: Der Verein Nestwärme betreut 150 Hamburger Familien

Bärbel Boysen - die "Zeit-Schenkerin"

Die Rentnerin ist eine von insgesamt 200 Hamburgern, die ehrenamtlich Familien mit einem behinderten Kind betreuen. 5000 Stunden Zeit wurden schon "geschenkt".

Kinder kosten Zeit. Vier Kinder umso mehr. Wenn dann noch eines das Downsyndrom hat, ganz besonders. Ute Kellermann (39) und Peter Adam (40) haben vier Kinder, der Kleinste ist eineinhalb, die Älteste acht Jahre alt, ihr Sohn Simon (6) lebt mit der Behinderung. Was das Ehepaar nicht hat, ist Zeit. Um sich gleichzeitig um alle Kinder zu kümmern. Um auch einmal etwas mit nur einem Kind zu unternehmen. Und schon gar nicht für sich. Doch seit einem halben Jahr haben sie Bärbel Boysen. Und die schenkt der Familie ihre Zeit.

"Ich habe doch so viele Stunden", sagt die 60 Jahre alte Rentnerin aus Rahlstedt. "Davon kann ich ruhig ein paar abgeben, um andere zu unterstützen." Bärbel Boysen ist eine von rund 200 Hamburger "Zeit-Schenkern" der Familien- und Kinderorganisation Nestwärme e. V. Ein Verein, der in ganz Deutschland Ehrenamtliche an Familien mit schwer kranken oder behinderten Kindern vermittelt, um diese in ihrem Alltag zu entlasten. Seit einem Jahr gibt es das Projekt jetzt auch in der Hansestadt, mit großem Erfolg: 150 Familien wurden bereits 5000 Stunden geschenkt.

Die Familie des kleinen Simon nutzt diese Stunden für Unternehmungen, die sonst nicht möglich wären. Schwimmen gehen, zum Beispiel. Seitdem Bärbel Boysen jeden Dienstag in die Familie kommt, kann Simon einen Kursus besuchen. Jede Woche zu trainieren ist für ihn wichtig, weil er langsamer lernt und ansonsten alles wieder vergessen würde. Da allerdings immer ein Elternteil dabei sein muss, war das für die Großfamilie vorher kaum zu schaffen. Jetzt können die Eltern mit ihrem Sohn ins Schwimmbad gehen, während die Zeit-Schenkerin auf die Geschwister aufpasst.

"Es ist so schön, sich einmal nur auf ein Kind konzentrieren zu können", sagt Peter Adam, der als Verwaltungsangestellter arbeitet. "Simon genießt das - und auch für uns ist das eine große Entspannung." Zu Hause genießen seine Geschwister unterdessen die ungeteilte Aufmerksamkeit von Bärbel Boysen.

Für die Eltern, aber auch für die gesunden Geschwister ist das Leben mit einem behinderten oder schwer kranken Kind oftmals eine Extrembelastung. "Unsere Ehrenamtlichen sind für die Eltern deshalb eine enorme Unterstützung", sagt Heinz-Gerhard Wilkens, Leiter der Nestwärme-Geschäftsstelle in Hamburg. In der Hansestadt gibt es 8000 Familien, in denen ein behindertes oder chronisch krankes Kind lebt, das spezielle Pflege und ständige Zuwendung braucht. Wilkens: "Unsere Zeit-Schenker geben den Familien ein Stück Normalität zurück."

Das Gefühl, der Familie ihre Freizeit zu opfern, hat Bärbel Boysen nicht. "Für mich ist es so schön, mit den Kindern zusammen zu sein", sagt die ehemalige Speditionskauffrau. "Wenn ich damit auch noch die Eltern unterstützen kann, umso besser." Für die Familie war es hingegen zu Beginn merkwürdig, die geschenkte Zeit einfach so anzunehmen. Mittlerweile verbindet sie jedoch eine Freundschaft, Bärbel Boysen kommt auch mal auf einen Kaffee vorbei, geht mit der Familie auf den Spielplatz und war bei Simons Einschulung dabei. "Die Familie gibt mir so viel zurück", sagt Boysen. "Ich fühle mich ganz sicher nicht wie eine Mutter Teresa. "

Dennoch ist Zeit zu schenken keine leichte Aufgabe. Der Familie gegenüber haben die Ehrenamtlichen eine große Verantwortung, denn wer einmal begonnen hat, sollte sich auf eine längere Zeit einstellen. "Die Kinder bauen schnell eine Beziehung auf", sagt Geschäftsstellenleiter Wilkens. "Ist die Person dann weg, sorgt das für Enttäuschung."

Damit die Ehrenamtlichen wissen, was auf sie zukommt, werden sie auf einem Wochenendseminar von einem Psychologen vorbereitet, auch auf medizinische Notfälle. Doch auch, wer sich den Umgang mit einem behinderten oder schwer kranken Kind nicht zutraut, kann eine Familie unterstützen. Zum Beispiel mit den Geschwisterkindern spielen, im Haushalt helfen oder Einkäufe erledigen. Aber auch die Steuererklärung für die Familie zu übernehmen, so wie eine Hamburger Rechtsanwältin, heißt, Zeit zu schenken.


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Wer sich für das Projekt "Zeit-Schenker" interessiert, kann sich beim Verein Nestwärme melden: Arndtstraße 16, Tel. 41 49 89 85. Unter www.nestwaerme.de gibt es weitere Infos im Internet.