Betreuung

„Der Heimplatz ist wie ein Sechser im Lotto für uns“

Natascha Schön (l.) und Anna-Caroline Liebrecht (r. ) werden in das Wohnhaus Klosterwisch einziehen. Ihre Eltern und Erlenbuch-Leiterin Susanne Okroy (M.) freuen sich

Natascha Schön (l.) und Anna-Caroline Liebrecht (r. ) werden in das Wohnhaus Klosterwisch einziehen. Ihre Eltern und Erlenbuch-Leiterin Susanne Okroy (M.) freuen sich

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Die Erlenbusch-Leitung kämpfte dafür, eine Erwachsenen-Einrichtung für Schwerstbehinderte zu bauen. Nun wurde das Wohnhaus Klosterwisch eröffnet

Rund fünf Jahre lang suchten Sabine und Roland Schön intensiv nach einer Einrichtung für ihre schwer geistig und körperlich behinderte erwachsene Tochter Natascha. Der IT-Experte kündigte sogar seinen Job, um „all die Besichtigungstermine wahrzunehmen, damit Natascha wieder ein schönes Zuhause bekommt“, sagt der 54-Jährige aus Bönningstedt. Bis nach Kiel zum St. Antoniushaus ist das Ehepaar gefahren, es hat sich Alten- und Pflegeheime in der Region für seine junge Tochter angeschaut, aber keines war für Natascha geeignet. Die 26-Jährige hat Epilepsie, fast täglich bekommt sie Anfälle, sie spricht nicht, kann nicht alleine essen, muss nachts umgelagert werden und sitzt tagsüber in einem speziell angefertigten Rollstuhl. Anfangs haben die Schöns sie zu Hause betreut, bis es nicht mehr ging – nervlich, emotional und körperlich. Seit sie sieben Jahre alt ist, lebt Natascha im Erlenbusch in Volksdorf, der einzigen Einrichtung in Hamburg, die derart schwerbehinderte Kinder und Jugendliche dauerhaft aufnimmt – und das ab dem Säuglingsalter.

Doch eigentlich sollen die Bewohner nach dem Schulabschluss als junge Erwachsene ausziehen, um Platz zu machen für neue Kinder. „Aber es gibt keine Folgeheime in der Metropolregion Hamburg. Deswegen haben wir seit 2008 für eine stationäre Einrichtung für unsere erwachsenen Bewohner gekämpft. Wir können sie ja nicht einfach rausschmeißen, nur weil sie 18 sind“, sagt Susanne Okroy, Leiterin des Erlenbuschs. Die Folge: Das Haus ist seit Jahren mit 47 Plätzen weit überbelegt.

Die Bewohner brauchen eine 24-Stunden-Betreuung

Doch die Sozialbehörde hätte lange Jahre darauf beharrt, dass alle erwachsenen Menschen mit Behinderungen in eigenen Wohnungen ambulant versorgt werden sollten, und deswegen eine Kostenzusage für die Pflege verweigert – bis sich der damalige Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) von der Notwendigkeit einer stationären Einrichtung vor Ort im Erlenbusch überzeugte. „Es gut, wenn Menschen mit Behinderung möglichst selbstständig leben, doch unsere Bewohner sind dafür nicht fit genug, sie brauchen eine intensive Assistenz mit 24-Stunden-Betreuung“, sagt Okroy. 2017 kam endlich die Genehmigung von der Bau- und Sozialbehörde für den 900 Quadratmeter großen zweistöckigen Neubau, den Sozialsenatorin Melanie Leonhard am Freitag auf dem Erlenbusch-Gelände einweihte. Ab 1. Dezember werden 16 Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren im Wohnhaus Klosterwisch einziehen – 14 direkt aus dem Kinderhaus und zwei ehemalige Bewohner vom Erlenbusch kommen hinzu.

„Uns ist ein so großer Stein vom Herzen gefallen, als wir vor zwei Jahren erfuhren, dass Natascha hier bleiben kann. Es ist schrecklich, wenn niemand einen Platz für dein Kind hat“, sagt Sabine Schön und kämpft mit den Tränen. Die Sorge um ihre ältere Tochter steht ihr ins Gesicht geschrieben, es war sehr schwer für sie damals, ihr Kind in eine Einrichtung zu geben. Auch wenn sie weiß, dass Natascha dort von Fachkräften gut umsorgt wird. „Es war die richtige Entscheidung. Ich mag die liebevolle Atmosphäre und Kontinuität sowie Professionalität in der Pflege, das macht es für mich leichter, das Los zu ertragen“, sagt die 53-Jährige.

Ähnlich geht es Anette Liebrecht (56), deren Tochter Anna-Caroline seit zehn Jahren im Erlenbusch lebt. Die 20-Jährige hatte schon als Säugling Gehirnblutungen, ihre Arme sind spastisch gelähmt und verbogen. Sie kann nicht sprechen, nicht alleine essen und sitzen, reagiert aber auf Ansprache und kann Gefühle ausdrücken.

Viele Kinder musste die Leitung wegen Platzproblemen ablehnen

Zehn Jahre hat Anette Liebrecht Anna-Caroline neben der zwei Jahre älteren Tochter zu Hause rund um die Uhr versorgt, bis sie selbst krank wurde. „Ich lag mit mehreren Bandscheibenvorfällen im Krankenhaus. Wir haben verzweifelt nach einer Einrichtung für Anna-Caroline gesucht, wir hatten Glück im Unglück. Weil ein Kind im Erlenbusch gestorben war, bekamen wir damals den Platz“, erzählt die engagierte Mutter. Viele schwerbehinderte Kinder musste Susanne Okroy jedoch ablehnen, weil das Haus voll war. „Jetzt haben wir wieder ein paar Plätze frei für Notfälle, die uns überforderte Eltern, das Jugendamt, das UKE oder der Wilhelmstift schicken“, sagt die Sozialmanagerin, die das Kinderhaus seit 2012 leitet.

Jeder hat nun ein Einzelzimmer, das Bad wird geteilt

Im Wohnhaus Klosterwisch wird jeder Bewohner ein Einzelzimmer haben, ein großzügiges Badezimmer teilen sie sich jeweils zu zweit. In den beiden offenen Küchen wird gekocht – gemeinsam mit den Betreuern. „Wir werden keine Erzieher mehr sein, sondern sind nun Assistenten für Erwachsene. Wir müssen herausfinden, was sie für ihr Leben wollen, ihre Gestik, Mimik und Körpersprache noch mehr interpretieren, das finde ich spannend und herausfordernd“, sagt Hausleiterin Doris Trengel, die bisher im Kinderhaus gearbeitet hat. Fünf bis sechs Betreuer werden die Bewohner morgens für die Tagesstätten fertig machen. Nachmittags gibt es Physiotherapien, Spaziergänge, Einkäufe. Eine Nachtwache steht ab 22 Uhr bereit.

„Es gibt neue Bezugspersonen, das wird ungewohnt für Anna-Caroline. Sie war bisher zu zweit im Zimmer und mag auch gern Action um sie herum“, sagt Anette Liebrecht, die zwar den Platz im neuen Wohnhaus als „Sechser im Lotto“ bezeichnet, aber auch etwas Bammel vor den Neuerungen für ihre Tochter hat. „Sie mag Veränderungen nicht gern.“

Gemeinsam mit dem Ehepaar Schön spricht sie über die Farben und Einrichtung, die das Zimmer der Töchter gemütlicher gestalten. „Ich glaube, dass die Umstellung für die Töchter vielleicht gar nicht so schwierig wird. Die Eltern müssen eben auch lernen, etwas mehr loszulassen. Das ist bei allen so, wenn die Kinder erwachsen werden“, sagt Susanne Okroy lächelnd.

Geschichte des Erlenbuschs

Der Erlenbusch in Volksdorf ist eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Mehrfachbehinderungen. Sie wurde 1935 von der Heilpädagogin Hilde Wulff
gegründet, die an Polio erkrankt und stark körperbehindert war. Seit 1964 gehört die Einrichtung zur Martha Stiftung. Es gibt zwei weitere Wohngruppen, in denen erwachsene Behinderte mit geringerem Betreuungsbedarf leben. Das zum Teil mit Spenden finanzierte neue Wohnhaus Klosterwisch ergänzt nun das Angebot für schwerst eingeschränkte ehemalige Bewohner des Kinderhauses.
Infos: www.martha-stiftung.de