Auch ein Heim ist ein Zuhause

Lesedauer: 4 Minuten

Anna King hat ihre schwer behinderte Tochter in ein Kinderheim gegeben: In das Haus Erlenbusch in Volksdorf

Manche Eltern kommen in den Erlenbusch, weil sie nicht mehr können. Weil sie versucht haben, ihr schwer behindertes Kind zu Hause zu betreuen, neben den Geschwistern, dem Job, dem Haushalt. „Der Vater eines Jungen hat uns sein Kind in die Arme gelegt. Er war total hilflos und überfordert. Jetzt haben die beiden ein ganz intensives Verhältnis“, sagt Susanne Okroy, Leiterin des Kinderheims für schwer Mehrfachbehinderte. Andere Kinder werden direkt nach der Geburt vom Jugendamt gebracht. „Da kümmern sich die Eltern dann gar nicht mehr um ihr Baby. Aber die Kinder haben ja auch hier ein schönes Zuhause“, sagt Okroy, die mit ihrem Team aus Erziehern, pädagogischen Helfern und Krankenschwestern insgesamt 41 Kinder und Jugendliche in der großzügigen Villa mit Anbau und parkähnlichem Grundstück betreut.

Ein schönes Heim – das empfand auch Anna King, als sie mit ihrer Tochter Lena vor rund zehn Jahren zum Erlenbusch kam. Sie und ihr Mann hatten sich schweren Herzens entschieden, Lena abzugeben. „Doch es war die Entscheidung, die uns alle gerettet hat: mich, meinen Mann und unsere Ehe, aber ganz besonders unsere beiden Kinder“, sagt die selbstbewusste Frau und drückt ihre inzwischen elfjährige Tochter fest an sich. Das Mädchen wurde ohne Corpus callosum geboren, der Verbindung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, und mit einem verkümmerten Kleinhirn. Lena lag ein Vierteljahr auf der Intensivstation, wurde über die Nasensonde ernährt, künstlich beatmet, erbrach ihr Essen. Sie wurde geröntgt, immer wieder operiert und untersucht. Anna streichelte und trug ihr verkabeltes Kind herum, zehn Stunden jeden Tag. Nach drei Monaten kam die Kleine nach Hause: mit 24-Stunden-Überwachungsmonitor, mit Sauerstoffflasche und einer Mutter, die einen Kursus zur Säuglings-Wiederbelebung gemacht hatte.

Genau 24 Stunden später erlitt Anna King einen Nervenzusammenbruch und kam in die psychiatrische Abteilung des UKE. Nach sechs Wochen Klinikaufenthalt wartete in ihrem Haus ein Kind auf sie, das kein Essen bei sich behielt. Dazu gab es ja noch Paula – das zwei Jahre alte Geschwister-Schattenkind. Heute sagt Anna King: „Wir steuerten auf eine Katastrophe zu. Nicht nur Lenchen war in Lebensgefahr, sondern auch Paula. Und möglicherweise auch wir Eltern.“ Seit sie im Erlenbusch lebte, blühte Lena auf. Ihre Nasensonde brauchte sie nach wenigen Wochen nicht mehr, sie schluckte selbstständig. Zunächst war es für die Mutter schwer anzuerkennen, dass es ihrer Tochter im Erlenbusch besser ging als Zuhause. Schließlich gibt man sein Kind nicht einfach so weg. „Aber inzwischen bin ich sehr dankbar, gelernt zu haben, dass ich nicht alles tragen kann und dass ich Hilfe brauche“, sagt die selbstständige Markenentwicklerin. „Ich freue mich, wenn es mir gelingt, meine Kinder zu zwei glücklichen Menschen zu erziehen. Lena hat heute zwei Familien und kann mehr, als Ärzte ihr je zugetraut hätten.“

Die 41 Kinder zwischen null und 19Jahren leben in fünf Wohngruppen mit festen Bezugspersonen. Die Zimmer zum Wohnen und Leben sind individuell auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten, sehr hell und freundlich. Alle schulpflichtigen Kinder besuchen Sonderschulen.

Jeden Freitagnachmittag holt Anna King ihre Tochter Lena aus der Bugenhagen-Schule ab und nimmt sie bis Montagmorgen zu sich in die Familie. Nach der Erstdiagnose („das Kind wird nie allein atmen oder gehen können“) grenzt es fast an ein Wunder, wenn man die fröhliche Lena heute erlebt. Sie kann laufen, sprechen, geht reiten und schwimmen und in Konzerte. Lena ist witzig und „das meistgeküsste Mädchen der Welt“, sagt Anna King.