Suchtberatung

Wenn das Wetten zum Lebensinhalt wird

Lukas Suchthilfezentrum Hamburg West: Constanze Hennings , Hubert Tepaß (l.) sind Therapeuten und Frank Craemer Einrichtungsleiter

Lukas Suchthilfezentrum Hamburg West: Constanze Hennings , Hubert Tepaß (l.) sind Therapeuten und Frank Craemer Einrichtungsleiter

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Seit 40 Jahren unterstütz das Lukas Suchthilfezentrum Hilfesuchende. Einen Schwerpunkt bildet die Behandlung von Glücksspiel- und Mediensüchtigen

Am Empfang neben dem offenen Warteraum fällt sofort ein Zettel ins Auge, auf dem steht: „Wenn Sie nicht mit Ihrem Namen aufgerufen werden möchten, sagen Sie uns Bescheid.“ Menschen, die ins Lukas Suchthilfezentrum nach Lurup kommen, legen offenbar großen Wert auf Anonymität und Diskretion. „Eigentlich sind wir für den Westen Hamburgs zuständig, aber wir haben auch etliche Klienten, die von der anderen Stadtseite kommen, um nicht erkannt zu werden“, sagt Einrichtungsleiter Frank Craemer. Viele dieser Männer und Frauen haben jahrelang ein Geheimnis bewahrt und die wenigsten kommen das erste Mal freiwillig zur Beratung, sondern weil ihnen ein Ultimatum gestellt wurde vom Arbeitgeber, vom Partner oder Angehörigen, sich endlich wegen ihrer Alkohol-, Medikamenten-, Cannabis-, Glücksspiel- oder Mediensucht behandeln zu lassen. „Für viele sind wir die letzte Chance, ihre Arbeit zu behalten oder vielleicht noch ihre Beziehung zu retten. Wir versuchen sie dann zu motivieren, sich helfen zu lassen, denn ohne Eigenmotivation funktioniert es nicht“, sagt der Sozialpädagoge, der fast von Beginn an in dem Zentrum arbeitet, das dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert.

Auch Tobias Schmidt (Name geändert) kam Mitte des Jahres auf Wunsch seines Chefs in die Luruper Hauptstraße. Zu oft hatte Schmidt ihn schon um einen Gehaltsvorschuss gebeten und zuletzt nicht nur bei seinem Arbeitgeber, sondern auch bei Kollegen und Freunden hohe Schulden gemacht. „Ich stehe mit ungefähr 25.000 Euro in der Kreide und war in den letzten Jahren schon immer am Zehnten eines Monats pleite“, sagt Schmidt. Und das, obwohl er im Gastronomiegewerbe immer gut verdient hat. Doch der 36-Jährige ist glücksspielsüchtig.

Einen Kick beim Glücksspiel gibt es lange nicht mehr

Seit 15 Jahren wettet er auf Sportergebnisse vor allem im Fußball, also auf Spielstände, Anzahl von Toren, sogar in welcher Minute eine Gelbe Karte gezogen wird. „Angefangen hat es natürlich mit dem Wunsch, Geld zu gewinnen, aber zu mir passt auch der Spruch eines Wettanbieters: ,Mach das Spiel zu deinem.‘ So ist es, ich schaue gern Fußball und der zusätzliche Kick, die Spannung, ob meine Wette gewinnt, fand ich toll“, sagt Schmidt. Um den Kick geht es allerdings schon lange nicht mehr, sondern um die Befriedigung der Sucht und die Hoffnung, mit einem Gewinn die drückenden Schulden wieder loszuwerden. Es ist ein einsames Leben. „Viele, die als Glücksspielsüchtige zu uns kommen, haben alles verloren, sind sozial isoliert und nicht selten suizidgefährdet“, sagt Schmidts Berater, der Suchttherapeut Hubert Tepaß, dessen Schwerpunkt die Behandlung von Glücksspielsucht und problematischer Medienkonsum ist.

Das von der Gesundheitsbehörde finanzierte Suchthilfezentrum ist für diese beiden Bereiche Hauptanlaufstelle im Hamburger Westen. Von den rund 1200 Hilfesuchenden pro Jahr, darunter auch Angehörige, wurden 2017 rund 150 mit Spielproblemen betreut, etwa 85 Prozent waren männlich. Seit es das Internet gibt und nahezu jeder ein Smartphone hat, steigt die Anzahl der Mediensüchtigen jedes Jahr. Während das Ziel von Glücksspielsüchtigen ist, nach einer Therapie komplett die Finger davon zu lassen, würde eine Medienabstinenz süchtige Internetkonsumenten nur noch mehr sozial isolieren.

Sie schauen Pornos, Serien und spielen am PC

„Viele dieser Klienten konsumieren viele verschiedene Medien, von PC-Spielen über Pornos bis zu Serien, mit denen sie sich ganz von der Außenwelt abkapseln und vereinsamen. Durch die Therapie soll der Klient einen kontrollierten Gebrauch von Medien erlernen, den wir einüben“, erklärt der Diplom-Sozialarbeiter Tepaß. Also lernen, dass E-Mails schreiben, in Maßen chatten und das Jobportal checken okay sind, während Rollen- und PC-Spiele tabu sind. Die Mediensüchtigen mit Hilfe zu erreichen, sei jedoch schwierig, sagt Einrichtungsleiter Craemer, denn während Glücksspieler oft eher extrovertierte Persönlichkeiten sind, die sich selbst überschätzen, aber irgendwann durch ihre Schulden unter Druck geraten, sind exzessive Medienkonsumenten häufig beziehungsunfähig, schüchtern und vereinsamt. Ihre Sucht falle weniger auf, weil sie, anders als Alkohol- oder Drogensüchtige, auch nicht körperlich verfallen. „Hier geht es darum, ihnen zu helfen, ins reale Leben zurückzukehren, Beziehungen zu knüpfen und sich im Beruf zu etablieren“, sagt Hubert Tepaß.

Wer in das Lukas Suchthilfezentrum kommt, dessen Träger das Diakonische Werk Hamburg-West/Südholstein ist, erhält zunächst entweder über einen Termin oder in einer der offenen Sprechstunden ein Erstberatungsgespräch, bevor der Hilfesuchende dann einem der 20 fest angestellten Berater zugewiesen wird. In den Einzelgesprächen, an denen auch Angehörige teilnehmen können, geht es um Informationsvermittlung zur Sucht, Krisenbewältigung und oftmals um das Erstellen eines Sozialberichts für einen Antrag auf eine stationäre oder ambulante Behandlung. In diesem Stadium befindet sich gerade Tobias Schmidt, der mit Berater Hubert Tepaß seine Lebensgeschichte und die Ursachen und Folgen seiner Glücksspielsucht aufarbeitet. „Ich fühle mich hier sehr angenommen und es tut gut, über meine Probleme zu sprechen. Die verurteilen mich hier nicht, die kennen alles und ich empfinde einen Hoffnungsschimmer“, sagt Schmidt.

Bei der Suchtnachsorge werden die Teilnehmer stabilisiert

Gleichzeitig besucht er einmal pro Woche einen Kurs, in dem er mit anderen Süchtigen zusammenkommt, Filme über Abhängige sieht, Vorträge hört und ganz offen Fragen stellen kann, aber nicht muss. „Es tut mir gut zu sehen, dass es noch andere in ähnlicher Situation gibt“, sagt Schmidt, der derzeit krankgeschrieben ist und auf einen stationären Therapieplatz wartet.

Danach möchte er zur Suchtnachsorge wieder zu Lukas kommen und an einer der ambulanten Gruppentherapien teilnehmen, die dann aus Medien- und Glücksspielsüchtigen besteht und durch die die Teilnehmer stabilisiert werden sollen. „Dann fängt der harte Teil erst an, nämlich den Versuchungen im Alltag zu widerstehen“, sagt Therapeut Tepaß. Die Gruppe helfe dabei, motiviere den Einzelnen, durchzuhalten und Strategien gegen einen Rückfall zu entwickeln. Daneben gibt es Einzelgespräche mit einem der zehn Suchttherapeuten und wer möchte, Akupunktur zur Reduzierung vom Suchtdruck. Bezahlt werden die meisten Suchttherapien durch die Rentenversicherungsträger.

Ziel ist der Wiedereinstieg in den Job

Ziel ist eine Wiedereingliederung in den Beruf, doch nicht alle schaffen das. Für sie bietet Lukas mit dem Lucafé eine Tagesaufenthaltsmöglichkeit, in der sie auch Betreuung und Beratung erhalten können, wenn sie möchten. Etliche ehemalige Klienten arbeiten hier als Ehrenamtliche, bekommen so eine Tagesstruktur und eine Aufgabe.

Tobias Schmidt wird wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren können, er hat ein gutes Verhältnis zu seinen Chef. Und er hat auch ein Ziel vor Augen: „Ich möchte einfach nur ein normales Leben führen und endlich am Monatsende mal wieder ein Plus auf dem Konto haben.“

Weitere Infos zum Lukas Suchthilfezentrum Hamburg-West, Luruper Hauptstraße 138, Tel. 97 07 70, www.lukas-suchthilfezentrum.de