Welthospizwoche

Gemeinsam die verbleibende Zeit erleben

Kirsten Mauss bezeichnet die letzten Wochen mit ihrer Mutter Jutta Grähn im Hospiz als „heilige Zeit“

Kirsten Mauss bezeichnet die letzten Wochen mit ihrer Mutter Jutta Grähn im Hospiz als „heilige Zeit“

Foto: Kirsten Mauss

Hamburger Häuser unterstützen Angehörige dabei, Sterbende am Lebensende zu begleiten. Es ist möglich, mit in der Einrichtung zu wohnen.

Als ihre 92-jährige Mutter im Frühjahr 2017 aufgrund einer unheilbaren, weit fortgeschrittenen Krebserkrankung vom Krankenhaus in das Hamburger Hospiz in Altona umzog, stand für Kirsten Mauss fest: Ich bleibe dort an ihrer Seite. „Meine Mutter war ein freiheitsliebender Mensch und hatte keine Angst vor dem Tod. Aber in den letzten Wochen mochte sie nicht mehr allein sein“, erzählt die heute 73-Jährige, die ihre Mutter Jutta Grähn zuvor ein Dreivierteljahr mithilfe eines ambulanten Pflegedienstes in ihrer Wohnung unterstützt hat. „Deshalb war ich froh, als mir die Mitarbeiter ein Gästebett in ihrem Zimmer einrichteten, sodass wir rund um die Uhr zusammen sein konnten.“

Die sieben Wochen von Ostersonnabend bis zum Tod Jutta Grähns am Pfingstmontag bezeichnet Kirsten Mauss heute als eine „heilige Zeit“. „Ich blicke mit inniger Dankbarkeit auf diese Wochen. Einerseits danke ich den Mitarbeitern, dass sie uns noch eine so lebenswerte Zeit beschert haben. Andererseits bin ich meiner Mutter dankbar, dass sie so viel Nähe zulassen konnte“, sagt sie. „Wir beide hatten keine Konflikte mehr aufzuarbeiten. Wir konnten über alles sprechen, was uns bewegte, konnten miteinander lachen und auch weinen und genauso gut zusammen schweigen. Angesichts des nahendes Todes bin ich ganz bewusst in diesen tiefen Frieden, der zwischen uns präsent war, eingetaucht.“

Manche Hospize bieten ein kostenfreies Zustellbett an

Die Mitarbeiter in den stationären Hospizen, die Menschen am Lebensende palliativ versorgen und ihnen ein behütetes Zuhause geben, beziehen die Angehörigen und Freunde ihrer Gäste bewusst in die Begleitung ein. „Für fast alle ist es schwer, ihren liebsten Menschen mit dem Umzug in ein Hospiz buchstäblich aus der Hand zu geben“, sagt Psychologin Kirsten Hansen, die seit 17 Jahren im Hamburger Hospiz arbeitet. „Der Kopf weiß, dass es nicht anders geht, aber das Herz sagt: Noch nicht. Für uns Mitarbeiter der psychosozialen Betreuung ist es eine der Hauptaufgaben, mit dem Gast und seinen Angehörigen immer aufs Neue die feine Balance zwischen Nähe und Distanz, die beide Seiten gerade brauchen, auszutarieren.“

Mit verschiedenen Angeboten machen es die acht stationären Hamburger Hospize und das Kinder-Hospiz Sternenbrücke möglich, gemeinsam die letzte Zeit zu erleben: Angehörige und Freunde können täglich vor Ort sein, zum Selbstkostenpreis oder gegen eine Spende an allen Mahlzeiten teilnehmen und jederzeit kostenfrei mit einem Zustellbett im Zimmer des Gastes übernachten. Die meisten Häuser bieten auch separate Besucherzimmer für den Fall an, dass Begleitende mehr Abstand oder Ruhe zum Durchschlafen brauchen und doch vor Ort sein möchten. Einige Hospize kooperieren auch mit nahe gelegenen Hotels, die für Angehörige von außerhalb besondere Konditionen anbieten.

Angehörige können drei Monate frei nehmen

Rund ein Drittel der Angehörigen oder Freunde übernachtet zwischen einer Nacht und manchmal sogar mehreren Monaten mit im Hospiz. Meist ziehen sie anfangs für ein paar Tage mit ein, um dem Schwerkranken den Übergang zu erleichtern. Oder sie bleiben vor Ort, wenn sich der Gesundheitszustand des Hospizgastes verschlechtert. Im Kinder-Hospiz Sternenbrücke ist es die Regel, dass die Gäste in Begleitung vor Ort sind.

Wenn für ein Kind bis zum 18. Lebensjahr die Notwendigkeit von Palliativversorgung nachgewiesen werden kann, hat ein Elternteil Anspruch auf Krankengeld. Im Falle eines unheilbar erkrankten Erwachsenen können sich berufstätige Angehörige nach dem „Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz“ bis zu zehn Tage von der Arbeit freistellen lassen und dafür bei der Pflegekasse das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld in Höhe von 90 Prozent ihres Nettoeinkommens beantragen. Für eine längere Begleitung in der letzten Lebensphase haben nahe Angehörige, die in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten arbeiten, Anspruch auf eine maximal dreimonatige Freistellung, für die sie ein zinsloses Darlehen beantragen können.

Das Hospiz eröffnet neue Freiräume für Paare

Meist sind es die Partner, die für eine gewisse Zeit mit ins Hospiz einziehen. „Gerade wenn Paare nach einem Krankenhausaufenthalt länger voneinander getrennt waren, können sie bei uns noch einmal die Zweisamkeit genießen. Sie wünschen sich oftmals, dass wir zwei Betten nebeneinander auf gleicher Höhe zusammenstellen und nachts möglichst keine pflegerischen Maßnahmen durchführen“, sagt Mareike Fuchs, Leiterin des Hamburg Leuchtfeuer Hospizes. Sie hat oft erlebt, dass die Abgabe der Pflege in professionelle Hände und die psychosoziale Unterstützung im Hospiz noch einmal Freiräume eröffnen kann. „Betroffene Paare haben sich manchmal über lange Zeit nur in festgelegten Rollen als Erkrankter und Kümmerer erlebt, und viele Angehörige sind durch die Pflege erschöpft. Es tut ihnen gut, wenn sie bei uns Ballast abwerfen können.“

Auch komplette Familien nutzen die Möglichkeiten, die ein Hospiz bietet. Da wird beispielsweise auf Wunsch ein Matratzenlager für Kinder im Zimmer der schwer kranken Mutter gebaut, um sich nah zu sein. Oder der Partner verweilt mit im Zimmer und die Kinder können ins Besucherzimmer ausweichen, wenn sie einen Raum zum Spielen brauchen. „Ich höre von Angehörigen immer wieder den Satz: ,Wir haben uns in dieser letzten Phase gegenseitig noch etwas geben können und alles Wichtige ausgesprochen.‘ Mit diesem Gefühl kommt man erfahrungsgemäß besser durch Abschied und Trauer“, sagt Marcus Jahn, Geschäftsführer vom Hospiz am Israelitischen Krankenhaus.

Veranstaltungen zur Hospizwoche

Am 13.10. findet um 10.30 Uhr im Hamburger Hospiz, Helenenstraße 12, die Vernissage der Kunstausstellung „Ewig dieser Augenblick“ statt, die von 50 Künstlern unterstützt wird.

Rund 80 Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet bieten während der folgenden Hamburger Hospizwoche vom 13. bis 20. Oktober Raum für Begegnung vor Ort. Interessierte können sich über die stationären Hospize und weitere Angebote der palliativen Versorgung in der Stadt informieren. Alle Veranstaltungen unter www.welthospiztag-hamburg.de