Schulausbildung in Rekordzeit

Ich bin 14 und hab schon Abi - jetzt geht es nach New York

Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas Laible / Andreas Laible

Am Johanneum hat "Turbo-Schülerin" Daniela Becker die Reifeprüfung bestanden, wahrscheinlich sogar als Jüngste in Deutschland.

Neben ihr sehen alle Mitschüler alt aus. Denn Daniela Becker hat gerade an der Gelehrtenschule des Johanneums das Abitur bestanden - als 14-Jährige. Damit ist das Mädchen aus Borgfelde laut Schulbehörde in diesem Jahr die jüngste Abiturientin Hamburgs, wahrscheinlich sogar Deutschlands.

Die Tochter einer IT-Beraterin und eines Mathematiklehrers weiß, dass sie etwas Besonderes ist, doch sie hält sich nicht dafür. Das Attribut "Wunderkind" lehnt sie ab - und umschreibt es wortgewandt so: "Es war nur sehr schnell unübersehbar, dass ich eine für mein Alter überdurchschnittlich hohe Auffassungsgabe hatte."

Schon als Fünfjährige wurde Daniela Becker eingeschult - und halbierte für sich die Grundschulzeit auf der Rudolf-Roß-Schule in der Neustadt auf zwei Jahre. Ein halbes Jahr besuchte die "Turbo-Schülerin" die erste Klasse, dann sprang sie in die zweite. Nach einem halben Jahr fühlte sich das Mädchen, das flüssiger las und besser rechnete als seine Mitschüler, wieder unterfordert - und wechselte in die dritte Klasse, sechs Monate später in die vierte. Vier Sprünge in vier Jahren. Alle sechs Monate neue Gesichter, die sich in Daniela Beckers Gedächtnis so schnell einprägten wie die dazugehörigen Namen.

Doch Freundschaften werden nicht in Rekordzeit geschlossen. "Dennoch war es mein ausdrücklicher Wunsch, die Klassen zu überspringen", sagt das Einzelkind. Von den Eltern sei sie nie gedrängt, sondern immer unterstützt worden. "Ich habe mich eben immer schon lieber mit Älteren umgeben."

Wenn die passionierte Geigenspielerin mit den langen rotblonden Haaren, der Brille mit dem dunklen Rand, die das Attribut "intellektuell" fast einfordert, und dem altrosafarbenen Kurzjäckchen auf älter als 14 Jahre geschätzt wird, ist das für Daniela Becker ein Kompliment. "Am Johanneum wussten viele Lehrer gar nicht, wie jung ich wirklich bin." Sie fiel nie in die Kategorie der jüngsten Schüler, sondern immer in die der besten. Eine Musterschülerin, als deren Zeugnis-Aussetzer das "befriedigend" in Sport galt. Am Sonnabend erhält sie ihr Reifezeugnis mit der Note 1,7.

"Wie selbstbewusst sich Daniela Becker der Herausforderung gestellt hat, sich in einem Klassenverband mit deutlich älteren Schülern zu behaupten, finde ich bewundernswert", sagt Schulleiter Dr. Uwe Reimer. Das Leistungsvermögen und das Zeitmanagement der 14-Jährigen seien beachtlich. "Schließlich hat sie neben der Abiturvorbereitung noch andere Aktivitäten verfolgt."

Wie das "Junior-Studium" an der Universität Hamburg, wo die Schülerin knapp 2,5 Jahre Jura studiert hat und beispielsweise in "Römischer Rechtsgeschichte" einen Schein erworben hat. "Mit 8 Punkten, das ist schon sehr gut", sagt sie überzeugt. Für das Abitur habe sie ohnehin nicht übermäßig viel pauken müssen. Das Fach Altgriechisch, in dem sie in der mündlichen Prüfung 14 Punkte erzielte, habe ihr immer schon gelegen. Und die Leistungskurse hat die 14-Jährige, die in der Theater-AG des Johanneums mitgespielt hat, nach ihren Lieblingsfächern gewählt: Mathematik und Deutsch. "Von den knapp 100 Schülern in meinem Jahrgang hatte ich als Einzige diese Kombination belegt", sagt sie, und ein bisschen Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. Nur wenige sind sowohl sprachbegabt wie auch mathematisch talentiert, meint sie damit, spricht es aber nicht aus.

Nach einem Abstecher an die private Brecht-Schule und das Gymnasium Eppendorf kam sie in der 7. Klasse ans Johanneum - da waren ihr ihre neuen Klassenkameraden in Latein bereits ein Jahr voraus. Ein Vorsprung, der binnen weniger Wochen geschrumpft war. "Die Grammatik war nicht so anspruchsvoll, die konnte ich mir leicht aneignen."

Von ihren Mitschülern habe sie sich als Überfliegerin nie Sprüche anhören müssen. Just in diesem Moment klingelt Daniela Beckers rosafarbenes Mobiltelefon. Warum sie beim Abi-Streich gefehlt habe, will eine Mitschülerin wissen. "Das, was an diesem Tag veranstaltet wird, begeistert mich wenig", sagt die junge Frau, die ab Oktober an der Universität Hamburg Informatik studieren will, wie selbstverständlich erklärend. Sie habe es nie lustig gefunden, wenn die jüngeren Jahrgänge im Innenhof von den Abiturienten spaßhaft eingesperrt wurden. "Daran beteilige ich mich lieber erst gar nicht."

Das trifft auch auf Abi-Partys zu, die Daniela Becker meidet. "Die Nacht zum Tag machen und irgendwo auf dem Kiez rumhängen, das brauche ich nicht." Alkohol trinken darf sie als 14-Jährige ohnehin nicht. Lieber treffe sie sich mit Freundinnen zum Abendessen oder zu einem gemeinsamen Kinoabend. "Ich bin ein sehr sozialer Mensch."

Von Unterricht hat Hamburgs jüngste Abiturientin noch nicht genug: Jetzt will sie zunächst eine Sprachschule in New York besuchen, anschließend in Nizza ihre Französisch-Kenntnisse perfektionieren. Ein bisschen bürokratisch sei es gewesen, als Minderjährige diese Auslandsaufenthalte zu organisieren. "Die Verantwortung will keine Organisation übernehmen." Also hat sich die 14-Jährige ihre Unterkünfte selbst organisiert. "Der Leiter des Studentenwohnheims an der Upper East Side hat mir nach unserem Telefonat gleich gesagt, dass ich auf ihn sehr selbstständig und zielstrebig wirke. Deshalb hat er mir eine Zusage erteilt."

Daniela Becker will auf jeden Fall einen Master-Studiengang absolvieren und promovieren. Nur auf die Frage nach ihrem Traumberuf hat sie noch keine konkrete Antwort parat. "Das kann erst beantwortet werden, wenn ich das Studium erfolgreich abgeschlossen habe." Den Abi-Ball, den sie als Mitglied des "Finanzierungs-Komitees" mitorganisiert hat, kann Daniela Becker am 4. Juli nicht im Schuppen 52 mit ihren Mitschülern feiern. Sie sitzt zu diesem Zeitpunkt schon im Flieger nach New York. "Es ist schon schade, aber eben leider nicht zu ändern."