Serie: Volksentscheid zur Schulreform

Bildungsstudien: Hamburger Schulsystem ganz unten

Foto: Julian Rentzsch

Bestenfalls Durchschnitt, oft am Ende der Skala - viele Studien stellen dem Hamburger Schulsystem kein gutes Zeugnis aus. Ein Überblick.

Hamburg. Ob PISA, IGLU, KESS oder LAU. Wie fantasievoll die Namen der Schülerleistungstests auch klingen mögen - was Hamburg betrifft, eint die Bildungsstudien eine bedrückende Erkenntnis: Seit der ersten Hamburg-weiten Untersuchung von Schulleistungen Mitte der 90er-Jahre und den ersten länderübergreifenden Vergleichsstudien vom Jahr 2000 an bewegt sich der Stadtstaat im Vergleich zu den anderen Bundesländern meist im unteren Mittelfeld.

Im vergangenen Jahr rutschte er sogar ans hintere Ende der Skala. "Hamburg fällt auf Platz 13 zurück. Schwächen besonders in der Bekämpfung der Bildungsarmut, bei der MINT-Ausbildung und der Forschungsorientierung", lautete 2009 die alarmierende Botschaft im "Bildungsmonitor" - einem Leistungscheck der 16 Bundesländer, der seit 2004 im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln erstellt wird.

+++ Volksentscheid zur Schulreform: Der Hamburger Klassenkampf +++

2006 hatte der "Bildungsmonitor" Hamburg immerhin noch ein "Stagnieren auf durchschnittlichem Niveau" attestiert. Gleichzeitig hatte sich allerdings Bremen, das in Sachen Bildungsniveau bislang vergleichbar war, vom 15. Platz (2004) auf den sechsten emporgearbeitet. Demzufolge bedeutete die Mittelmäßigkeit für Hamburg eigentlich doch eine schlechte Note - Trostpflaster war lediglich, dass die Stadt auf den Feldern berufliche Bildung und Akademisierung nach deutlichen Steigerungen vorne (vierter und fünfter Platz) mitspielte.

Norbert Maritzen, 57, Direktor des Instituts für Bildungsmonitoring Hamburg, stimmt den Ergebnissen der Kölner Studie nur bedingt zu: "Der Bildungsmonitor analysiert auf der Grundlage von Daten anderer Studien und amtlicher Statistiken", sagt er. "Gründlicher und zuverlässiger messen die Vergleichsstudien."

Mit den PISA-Studien (PISA = Programme for International Student Assessment) misst die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) seit dem Jahr 2000 in mittlerweile rund 60 Staaten in dreijährigem Turnus die alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse und Fähigkeiten der 15-Jährigen. Nach dem PISA-Schock, den die Veröffentlichung der internationalen Ergebnisse in Deutschland Ende 2001 auslöste, beherrschte PISA ein Jahr später erneut die Schlagzeilen - als nämlich zum ersten Mal ein Vergleich zwischen den Bundesländern herausgegeben wurde.

In den Bundesländer-Vergleich PISA-E, der ebenfalls im Jahr 2000 startete, flossen Hamburger Ergebnisse wegen zu geringer Beteiligungsquoten nur zum Teil ein. Vielleicht in weiser Voraussicht, wenn man sich das Ergebnis von 2003 anschaut: In den Kompetenzbereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften belegten die Hamburger Schüler die Plätze 15, 13 und 14; Schlusslicht war jeweils Bremen, ganz oben war Bayern. Bei der nächsten PISA-E-Studie, im Jahr 2006, war das Resultat noch ernüchternder: In den drei Kernbereichen landete Hamburg jeweils auf dem 15. Platz; auf dem schlechtesten Rang wiederum Bremen, auf den Spitzenplätzen dieses Mal Sachsen.

In beiden nationalen Vergleichsstudien lagen die Hamburger Ergebnisse unter PISA-E-Mittelwert und OECD-Durchschnitt. Auffallend war, dass knapp ein Drittel der 15-jährigen Hamburger Schüler (28 Prozent) gerade mal so gut las wie Viertklässler; außerdem hatten 41 Prozent angegeben, wöchentlich weniger als zwei Stunden Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern zu haben. "Trotz dieses eher geringen Unterrichtsumfangs gelang es den Schülern aber, sich in diesem Bereich zu verbessern und 2006 fast den internationalen Durchschnitt zu erreichen", sagt Bildungsexperte Maritzen.

Nicht um die Kompetenzen von 15-Jährigen, sondern um die von Viertklässlern ging es 2001 bei der Studie IGLU (Internationale Grundschule-Lese-Untersuchung). IGLU ist sozusagen der PISA-Test für die Grundschulen. Mit dem Lesekompetenzmodell werden vier verschiedene Aspekte der Verstehensleistung erfasst, darunter Leseverständnis, Schlussfolgerungen ziehen und Interpretation. Die IGLU-Studie (bei der die deutschen Viertklässler im oberen Mittelfeld lagen) wurde zunächst unter der Teilnahme von sieben Bundesländern national erweitert. 2006 nahmen dann alle Bundesländer teil. Resultat: Thüringen war das einzige Land, in dem die Lesekompetenz der getesteten Jungen und Mädchen auf der Gesamtskala signifikant über dem deutschen Mittelwert lag. Signifikant darunter: Hamburg und Bremen, die allerdings trotzdem immer noch im Bereich der Mittelwerte der EU- und der OECD-Vergleichsgruppe lagen. So rangierte Hamburg mit 528 Punkten oberhalb des internationalen Durchschnitts aller 40 teilnehmenden Statten (506 Punkte); der EU-Durchschnitt lag bei 534, der OECD-Durchschnitt bei 537 Punkten.

Eine der ersten Bildungsstudien, die einen kompletten Schülerjahrgang im Längsschnitt verfolgte, war die 1995 von der Hamburger Schulbehörde in Auftrag gegebene LAU-Studie (Lernausgangslagen-Untersuchung), mit der die Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung erfasst werden sollten. Getestet wurden alle Schüler, die sich 1996 in der fünften Klasse (LAU 5), 1998 in der siebten (LAU 7), 2000 in der neunten (LAU 9), 2002 in der elften (LAU 11) und 2005 in der 13. Klasse (Lau 13) befanden. Parallel zu LAU 11 untersuchte die ULME-Studie Leistung, Motivation und Einstellung von Auszubildenden am Anfang ihrer Lehre.

Das wichtigste Ergebnis lieferte LAU 7: Schüler gleicher Lernausgangslage machten an den verschiedenen Schulformen unterschiedlich starke Lernfortschritte. Was der Vergleich zwischen Gymnasien, Haupt-, Real- und Gesamtschulen zeigte: Sogar die Schüler, die mit relativ niedrigem Lernstand in die Beobachtungsstufe des Gymnasium eingetreten waren, erreichten bis zum Ende der sechsten Klasse höhere Lernstände als die in anderen Schulformen. Beim Leistungstest der Elftklässler lagen die Gymnasiasten deutlich vor Gesamtschülern (Abstand: zwei Lernjahre) und Fachgymnasiasten (knapp drei Lehrjahre).

Eine Sonderauswertung von LAU 13 zeigte, dass 38 Prozent der Hamburger Oberstufenschüler 2005 die zwischen den Bundesländern vereinbarten Regelerwartungen der mathematischen Grundbildung verfehlt hatten (zum Vergleich: In Baden-Württemberg waren es mit 17 Prozent nur knapp halb so viele). Noch schlechter fiel das Ergebnis für Hamburgs Gesamtschüler aus: Dort verfehlten mehr als die Hälfte, 57 Prozent, die Regelerwartungen - diese Werte wurden nur noch getoppt von den Abiturienten an Aufbaugymnasien (64 Prozent) und Wirtschaftsgymnasien (60 Prozent).

Für die bundesweit erste flächendeckende Untersuchung zum Leistungsstand der Viertklässler, KESS 4 (Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern in Jahrgangsstufe 4), wurden 2003 an Hamburgs Grundschulen rund 14 000 Schüler geprüft. Getestet wurden Lesen, Rechtschreibung, Texte verfassen, Mathematik, naturwissenschaftliches Grundverständnis und Englisch-Hörverständnis. Resultat: Im Vergleich zur ersten LAU-Studie 1996 waren die Hamburger Viertklässler von 2003 denen von 1996 vom Leistungsstand her im Lesen ein halbes Jahr, in Mathematik sogar ein ganzes Jahr voraus - auch in Orthografie hatten sie sich verbessert.

Mit ihrer Leistung lagen die Hamburger Schüler damit auf dem Niveau des Bundesdurchschnitts. Die damalige Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) sah als Grund für die Leistungsverbesserung der Viertklässler die Einführung der verlässlichen Halbtags-Grundschule im Jahr 1998 und die damit verbundenen erweiterten Lernzeiten an. Überraschend deutlich zeigte die KESS-4-Studie auch, dass Migrantenkinder weit hinter ihren Klassenkameraden ohne Migrationshintergrund zurücklagen.

Bei der Untersuchung KESS 7 im Jahr 2006 blieben die Schüler weit hinter den Erwartungen zurück - dabei waren die Lernfortschritte an Haupt-, Real- und Gesamtschulen noch etwas größer als an Gymnasien. 2009 bestätigte KESS 8 ein durch KESS 4 erstmals aufgezeigtes Problem des Hamburger Bildungssystems: Migranten, Hauptschüler und Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen im Vergleich erheblich niedrigere Lernstände.

Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Jungen von den Mädchen abgehängt werden: In der Lesekompetenz entspricht der Rückstand der Jungen einem knappen Lernjahr; in den Naturwissenschaften, den traditionellen Jungenfächern, gelingt es den Mädchen, den Leistungsrückstand vom Ende der Grundschulzeit nahezu auszugleichen. Zudem deckte KESS 8 auf, dass Grundschullehrer mit ihrer Empfehlung für eine weiterführende Schule oft danebenliegen. Sie vergeben danach zu zögerlich Gymnasialempfehlungen; und von den Schülern, die ohne Empfehlung ein Gymnasium besuchen, sind am Ende von Klasse 8 immerhin noch 66 Prozent dabei.

Ein Grund für das schlechte Abschneiden Hamburgs bei den Bildungstests ist laut Bildungsforscher Norbert Maritzen der hohe Anteil von Schülern mit Benachteiligungen, insbesondere sozialer Art. Herkunftsmerkmale sozialer oder migrationsspezifischer Art würden den Kompetenzerwerb ungünstig beeinflussen. "Grundsätzlich kann man einen Stadtstaat wie Hamburg eigentlich nicht mit einem Flächenstaat wie Bayern oder Sachsen vergleichen", sagt Maritzen.

Teilstudien hätten ergeben, dass Hamburg ohne Migrantenschüler im Bundesländervergleich auf einen der vorderen Plätze rutschen würde. Vergliche man dagegen die Leistungen der Schüler mit Migrationshintergrund, schnitten die aus Hamburg am schlechtesten ab.

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