Hamburg

Warum Obdachlose immer wieder Opfer von Gewalt werden

Obdachlose schlafen an der Reeperbahn.

Obdachlose schlafen an der Reeperbahn.

Foto: dpa Picture-Alliance / Maja Hitij / picture alliance / dpa

Beim Hafengeburtstag wurde ein Obdachloser attackiert. Kein Einzelfall: Statistisch gesehen kommt es jede Woche zu Angriffen.

Hamburg. Er wollte nur etwas Ruhe finden und auf einer Parkbank an den Landungsbrücken schlafen, als der 52-Jährige zum Opfer wurde. Ein unbekannter Mann setzte während des Hafengeburtstages die Haare des Obdachlosen in Brand. Eine Frau griff sofort ein, schlug die Flammen mit den Händen aus und verhinderte Schlimmeres. Der Übergriff beschäftigt jedoch weiter die Polizei – und führt auch in der Politik zu einer Diskussion darüber, wie Obdachlose gegen Übergriffe dieser Art geschützt werden können.

Laut einem Polizeisprecher gibt es mehrere Ermittlungsansätze in dem Fall. Zeugen sagten den Ermittlern, dass der Täter in einer Gruppe von Betrunkenen unterwegs war, die Englisch gesprochen hätten. „Diese Spur wird mit Hochdruck verfolgt“, so der Polizeisprecher. „Die Ermittler werten auch Bild- und Videomaterial aus.“ Der 52-Jährige konnte das Krankenhaus wieder verlassen.

Rene G. wurde von Unbekannten totgeschlagen

Vor der Attacke am Wochenende hatte der Fall des verstorbenen Obdachlosen Rene G. für Entsetzen gesorgt. Der 35-Jährige war im August 2018 offenbar bei einem Angriff so schwer verletzt worden, dass er auf St. Pauli zusammenbrach und kurze Zeit später starb. Dabei bemühte sich Rene G. laut seiner Schwester, wieder ein geregeltes Leben zu führen. „Er war euphorisch, wollte eine Familie gründen und hat mit dem Trinken aufgehört“, sagte sie dem Abendblatt.

Einen weiteren Angriff konnte die Polizei zuletzt aufklären: Ein 39-jähriger wurde verhaftet, weil er einem schlafenden Obdachlosen am U-Bahnhof Burgstraße mehrfach gegen den Kopf getreten haben soll.

In Hamburg wird statistisch jede Woche ein Obdachloser angegriffen

Bundesweit war zuletzt ein Anstieg der Angriffe auf Obdachlose registriert worden. Dem Bundeskriminalamt zählte 670 versuchte und vollendete Gewaltdelikte im Jahr 2018, 78 Fälle mehr als noch im Vorjahr. In Hamburg ging die Zahl der Gewaltdelikte gegen Obdachlose von 70 auf 63 Fälle zurück – statistisch kommt es in Hamburg seit Jahren aber zu etwa einem solchen Angriff pro Woche. Insgesamt leben dabei etwa 2000 Wohnungslosen in der Hansestadt auf der Straße.

Nach den Ergebnissen verschiedener Studien handelt es sich bei einem Großteil der Gewaltfälle um Taten unter Obdachlosen. Dies sei unter anderem der wachsenden Konkurrenz um gut geschützte Schlafplätze geschuldet. Erst am Sonntagabend war ein 36-jähriger Pole vor dem Altonaer Rathaus von zwei 30 und 36 Jahre alten Männern aus dem Baltikum nach einem Streit mit Schlägen und Tritten traktiert worden. Die beiden Täter wurden festgenommen und hatten laut Polizei rund zwei Promille, das Opfer sogar fünf Promille Alkohol im Atem.

Özdemir: Einige betrachten Obdachlose als „unwertes Leben“

Die Fälle von willkürlich wirkender Gewalt gegen Obdachlose haben jedoch auch die Politik alarmiert. „Es handelt sich um ein lange bestehendes Problem, dass durch die bekannten Einzelfälle nun sichtbarer wird“, sagte die Vorsitzende der Linksfraktion, Cansu Özdemir. Der Umgang damit sei sehr unterschiedlich. „Auf der einen Seite spüren wir im Gespräch mit Bürgern eine große Sensibilität bei dem Thema. Es gibt jedoch eine Gruppe von Menschen, die Obdachlose als unwertes Leben betrachten“.

Die Randständigen seien für Täter in mehrerer Hinsicht leichte Opfer, sagte die Kriminologin Daniela Pollich von der Kölner Fachhochschule für öffentliche Verwaltung dem Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“. Sie hat die Ursachen von Gewalttaten gegen Obdachlose wissenschaftlich untersucht. Zum einen seien sie für Täter etwa nachts auf der Straße als Opfer „verfügbar“ und vermeintlich wehrlos, dazu komme eine generelle Abschätzung.

Linke: Hamburg muss mehr für Obdachlose tun

„Wenn man seinen Nachbarn vermöbelt muss man eher mit gesellschaftlichen Konsequenzen rechnen, als wenn man sich jemanden aussucht, der in einer dunklen Ecke sehr schutzlos und unbeachtet von der Gesellschaft lebt“, sagte Pollich dem Straßenmagazin. Die genauen Motive der Täter seien schwierig zu ergründen. Oft handele es sich bei ihnen aber um Menschen mit niedrigerem gesellschaftlichen Status. „Die suchen sich jemanden, an dem sie sich persönlich hochziehen können, indem sie ihn abwerten.“

Die Linke-Politikerin Cansu Özdemir sieht in den jüngsten Vorfällen einen Hinweis darauf, dass insgesamt mehr für die Obdachlosen getan werden müsse. „Sie in eine feste Unterkunft zu bringen und ihnen auf der Suche nach Arbeit zu helfen, ist auch der beste Schutz vor Gewalt.“ Die Polizei bittet Zeugen, die Hinweise zu der Tat am Wochenende oder zu dem mutmaßlichen Angriff auf den Obdachlosen Rene G. im August 2018 machen können, sich unter der Telefonnummer 42865 6789 zu melden.