Hamburger Amtsgericht

St.-Pauli-Torwart: "Sie kamen angesprintet - und schlugen los"

Fünf HSV-Fans nach Angriff auf St. Paulianer am Bahnhof Altona vor Gericht. Torwart Benedikt Pliquett entkam nur knapp einem Flaschenwurf.

Hamburg. Die Stimmung hätte kaum besser sein können - trotz der 760 Kilometer langen Zugfahrt. Schließlich hatte der damalige Bundesliga-Aufsteiger FC St. Pauli sein Auswärtsspiel beim SC Freiburg überraschend mit 3:1 gewonnen. Nach sechs Stunden Fahrt hatten die Fans und Fußballspieler, die nicht schon in Harburg oder am Hauptbahnhof ausgestiegen waren, die letzte Station des ICE 292 erreicht: den Bahnhof Altona.

Andreas I. stieg am frühen Sonntagmorgen um 1.39 Uhr aus, erschöpft und glücklich. Er wollte nur nach Hause. Mit seiner Bekannten Sunna O., ihrem Sohn Sven-Niklas, 17, und dessen Kumpel Kris St., 17, schlenderte er in Richtung Paul-Nevermann-Platz, dort war sein Auto geparkt. Der 52-Jährige wunderte sich zunächst über den Trubel am Bahnhof, überall Menschen. Aber es war ein lauer Sommerabend. "Die wollen halt feiern", dachte er.

Plötzlich brüllte jemand "Los!", dann fielen sie über die St.-Pauli-Fans her - 15 bis 20, teils vermummte HSV-Fans, die ihnen aufgelauert hatten. Andreas I. spürte einen "fürchterlichen Schlag" im Gesicht und ging zu Boden. Auf dem rechten Auge war er kurz blind, mit dem linken sah er, wie sich seine Begleiterin Sunna O. schreiend auf ihren Sohn warf - während ein Angreifer gegen den Rücken des 17-Jährigen trat.

+++ Irre Aufholjagd versetzt ein Stadion in Ekstase +++

Im erschütternden Prozess gegen fünf der vermutlich 20 Angreifer kann Andreas I. die Tränen nicht mehr zurückhalten. "Ich hatte so einen Schiss", sagt der 52-Jährige. Die körperlichen Wunden - er hatte eine massive Augenprellung erlitten - sind längst verheilt, die Angst ist noch immer da.

Es war eine brutale Attacke aus dem Hinterhalt, eine Gewalttat, für die sich der damalige HSV-Boss Bernd Hoffmann im Namen des Vereins umgehend entschuldigte. Auch St. Paulis Torhüter Benedikt Pliquett gehörte zu denen, die am 22. August 2010 in Altona ausgestiegen waren und sich jäh in dem Tumult wiederfanden. Einem gezielten Flaschenwurf konnte der Profi-Fußballer im letzten Moment ausweichen. Vier St.-Pauli-Fans wurden zum Teil schwer verletzt. Die meisten Schläger konnten zwar flüchten, fünf junge Männer konnte die Polizei immerhin festnehmen.

Seit gestern stehen sie vor Gericht, angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung. Wie die Orgelpfeifen sitzen sie auf einer Bank vor dem Amtsrichter. Ganz links Paul-Daniel P., 17, dann Björn H., 18, Dennis Sch., 19, Johann M., 20, und Dominik T., 20. Fünf Angeklagte, die aussehen wie kreuzbrave Schüler. Allein ihre Statur spottet jeder Beschreibung eines Hooligans.

Drei der fünf Angeklagten hatte Benedikt Pliquett anhand von Fotos identifiziert. Den jüngsten und zartesten der Gruppe, Paul-Daniel P., erkannte ein am Bahnhof eingesetzter Polizist als jenen "Kategorie-C-Hooligan" wieder, der versucht hatte, einen zehn Kilo schweren Absperrpfosten auf ihn zu schleudern. Dennis Sch. ist gestern zunächst der Einzige, der sich zum Vorwurf äußert - indem er die Tat abstreitet. Er sei zufällig am Tatort gewesen, er habe den Krawall gemieden, sagt der korpulente 20-Jährige. Schließlich habe der HSV erst kurz zuvor ein Stadionverbot gegen ihn aufgehoben. "Und da wollte ich nichts riskieren", sagt er.

Benedikt Pliquett ist der Hauptbelastungszeuge in diesem Fall. Der Einzige, der damals Gesichtern auch Taten zuordnen konnte. Als Pliquett die mutmaßlichen Täter im Zuschauerraum identifizieren soll, erkennt er nur einen von ihnen wieder - kein Wunder, die Tat liegt mehr als ein Jahr zurück. Im rot-grau karierten Hemd sitzt der 26-Jährige vorm Richter, er wirkt angespannt, antwortet gereizt auf die Fragen der Verteidiger - der Gerichtssaal ist nicht sein Spielfeld. Dann erzählt Pliquett von der friedlichen Heimfahrt im ICE, von der ausgelassenen Stimmung im Spieler-Abteil ("aber ohne Alkohol"), und davon, wie die HSV-Hooligan-Horde plötzlich über "unsere Paulianer" herfiel, kurz vorm Ausgang Paul-Nevermann-Platz. "Die kamen im Sprint angelaufen, traten, schlugen auf sie ein", sagt er. Er selbst stand einige Meter entfernt und plötzlich dem Flaschenwerfer, der ihn um ein Haar erwischt hätte, Auge in Auge.

Wie enthemmt prügelten die Angreifer auf die St.-Pauli-Fans ein. Pliquett: "Ich habe die Schläger angeschrien, sie sollen damit aufhören, und den Bundespolizisten zugerufen, dass sie uns helfen sollen."

"Die haben auf alles eingeschlagen, was sie zu fassen bekamen", sagt der Polizist Rolf N., 44. Ihm flog am 22. August der massive Absperrpfosten entgegen. Sunna O. hatte weniger Glück, sie konnte der Gewalt nicht ausweichen. Die 44-Jährige hat noch kein Wort gesagt, da bricht sie schon in Tränen aus. Zunächst habe sie die jungen Männer, die sich am Bahnhof tummelten, nicht als bedrohlich empfunden. Erst als sie und ihre Begleiter den Ausgang erreichten, fegten die HSV-Fans wie ein "Orkan der Gewalt" über sie hinweg. "Da dachte ich: Das war's", sagt die 44-Jährige. Als ein Hooligan mit Sturmmaske auf ihren Sohn Sven-Niklas, der eine "Ultras"-Fanjacke trug, einprügelte, warf sie sich schützend mit ihrem Oberkörper auf ihn. "So eine Todesangst wie da", sagt die Lehrerin, "hatte ich noch nie gehabt." Auch Kris St. musste Prügel einstecken. Zusammengerollt habe er auf dem Boden gelegen, als die HSV-Fans auf seinen Kopf und seinen Rücken eindroschen, sagt der 17-Jährige.

Alle Opfer plagt seit der sinnlosen Gewalttat eine diffuse, tief sitzende Angst. Einfach mal ein T-Shirt mit den Vereinsfarben überstreifen - für Sunna O. und Andreas I. ist das kaum mehr möglich. "Warum die so abgedreht sind, verstehe ich überhaupt nicht", sagt Sunna O. Schließlich habe doch an jenem Tag der HSV gegen Schalke gewonnen. Vielleicht könnten die Angeklagten darauf eine Antwort geben. Doch sie sitzen da, gucken bloß treuherzig - und schweigen. Nur Paul-Daniel P. gibt kurz vor Ende der Sitzung eine Erklärung ab: Er sei zuvor auf dem Kiez gewesen und dann zufällig in den Tumult hineingeraten, er habe sich davon anstecken lassen und den Pfosten geworfen. Ihm tue das alles fürchterlich leid. Der Prozess wird morgen fortgesetzt.