Brandanschläge in Hamburg

Das sind die Taten "gescheiterter Existenzen"

Kriminologe Christian Pfeiffer bezeichnet die Täter als Außenseiter. "Brandstiftungen sind das Einzige, was ihnen gelingt."

Hamburg. Wieder geschah es mitten in der Nacht. Wieder sind die Täter unerkannt entkommen. Wieder sind - in der Nacht zu Donnerstag - Fahrzeuge in Hamburg angezündet worden. Ein Motorrad und fünf Autos brannten in Billstedt und Hamm-Mitte aus. "Den Haltern ist ein schwerer finanzieller Schaden zugefügt worden", sagt Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Seit Jahresbeginn sind nun 133 Wagen von Brandstiftern zerstört worden. In den meisten Fällen, darunter auch in den jüngsten, war das Motiv der Täter laut Polizei unpolitisch.

Das Protokoll der Nacht: Um 3 Uhr brannte ein BMW-Motorrad eines 40-Jährigen an der Straße Große Holl. 3.30 Uhr: An der Ihlestraße ging der Peugeot einer 32-Jährigen in Flammen auf. Diese griffen auf einen Passat über. Und nur 25 Minuten später brannten am Ewaldsweg ein VW-Laster, ein Ford Transit und ein Audi A3.

"Bei den Tätern handelt es sich um gescheiterte Existenzen", sagt Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Es seien meist junge Männer. "Außenseiter, die auf einmal jemand sein können, der die Puppen tanzen lässt." Sie empfänden Lust daran, etwas selbst inszenieren zu können. "Jemand, der im Fußballverein erfolgreich ist, eine Freundin hat und einen Job, der zündet keine Autos an", sagt Pfeiffer.

Mit der Tat bildeten sich Brandstifter ein, aus ihrer Isolation herauskommen zu können, und empfänden erstmals das Gefühl von Aufmerksamkeit. "Diese Leute, die sich außerhalb der Gesellschaft befinden, erleben durch ihre Taten eine gewisse Erhöhung", sagt Pfeiffer. "Die Brandstiftung ist das Einzige, was ihnen gelungen ist."

Eine der Maßnahmen müsste laut Pfeiffer eine sozial- und bildungspolitische Strategie sein, um zu verhindern, dass junge Männer oder Jugendliche sich isolieren. "Doch akut muss die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, die Täter zu ermitteln." Diese Aufgabe könne die Polizei nicht allein lösen. "Sie kann ihre Augen nicht überall haben. Da ist auch der aufmerksame Bürger gefragt." Polizeisprecher Ralf Meyer ergänzt: "Heute hat fast jeder ein Fotohandy. Diese Bilder könnten uns durchaus bei der Ermittlung helfen." Hinweise werden unter Telefon 428 65 67 89 entgegengenommen.

Unterdessen hat die Polizei nach dem Farbanschlag auf das Wohnhaus von Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) Videobänder sichergestellt. Auf denen sind zwei Täter zu sehen, wie sie das Haus bewerfen, und zwei weitere, wie sie in der Nähe einen BMW anzündeten. Wie berichtet, hatte die Polizei zwei der vier Täter festgenommen. Da sie keine Vorstrafen haben, sind sie wieder auf freiem Fuß. Die Polizei will nun anhand der Videobilder ermitteln, welche Taten den 20 und 24 Jahre alten Männern zuzuordnen sind. Die Fahnder haben zudem Kleidungsstücke in Tatortnähe gefunden sowie nicht näher beschriebene "menschliche Spuren". Von den Tätern, die in derselben Nacht Scheiben des Hauses von Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach eingeworfen haben, fehlt jede Spur.