NDR

Hamburger YouTube-Doktor sendet jetzt im Fernsehen

Johannes Wimmer
mit einem
Kamerateam beim
Einkaufen auf
dem Isemarkt

Johannes Wimmer mit einem Kamerateam beim Einkaufen auf dem Isemarkt

Foto: Michael Rauhe / HA

Wegen des großen Erfolgs seiner Kurzfilme erhält der Hamburger Mediziner Johannes Wimmer eine eigene Sendung im NDR.

Hamburg.  An einem der letzten Drehtage passiert es dann doch. Herr Dr. Wimmer hat Zeit. Wartezeit. Es ist 9 Uhr morgens, ein Hinterhof in Hoheluft-Ost, Filmaufnahmen: Für die Kamera war der Hamburger Mediziner schon auf dem Isemarkt einkaufen, jetzt leuchten Scheinwerfer eine Showküche aus, Objektive fokussieren die Arbeitsplatte und der Tonmann fummelt noch das Mikro an den Arztkragen. „Hemd offen?“, fragt Johannes Wimmer. „Nee, lass mal zu“, antwortet der Mikrofon-Experte. Ist für die Anfangseinstellung auch egal. Denn der Job von Hauptdarsteller Wimmer besteht darin, eine Gemüseschale unfallfrei von A nach B zu schieben. „Und, bitte!“ Möhren und Rote Bete gleiten ansprechend durchs Bild. Klappe. Super. Passt! Danach heißt es für den Mediziner erst mal: warten.

In Internetvideos erklärt Wimmer gängige Krankheiten

Es sind die Abschlussaufnahmen für die erste eigene TV-Sendung des Hamburger Arztes. In den vergangenen Jahren hat sich Wimmer als Dr. Google oder YouTube-Arzt einen Namen als veritable Netzberühmtheit gemacht. In kurzen, unterhaltsamen Internetvideos erklärte er gängige Krankheiten oder definierte Facharztaufgaben. Seine Kurzfilme über den perfekten Stuhlgang oder die vermeintlichen Gefahren der Porno-Sucht sind kleine Hits. Sein Bekanntheitsgrad hat inzwischen sogar eine Dimension erreicht, die ihn zum gern gesehenen Talk-Show-Gast, Experten in Gesundheitssendungen und Vermittler von komplexer Materie macht. Er ist ein Natural-born-Erklärer und seine Mission heißt: „Demokratisierung des medizinischen Wissens“. Dafür gibt ihm der NDR nun eine eigene Plattform.

„Die Dreharbeiten waren superanstrengend“, sagt Wimmer in der Pause am Set. 26 Drehtage mit 13- bis 14-Stunden-Schichten liegen hinter ihm und dem Team. Für zwei jeweils 45 Minuten lange Pilotfolgen über Medikamente und Naturheilmittel war der Arzt in ganz Deutschland unterwegs. Sprach mit Experten in Heidelberg und mit Kollegen von der Charité, besuchte ganz normale Leute auf Finkenwerder und testete in voller Mannschaftsstärke die Kaifu-Sauna. Er ließ sich von Blutegeln ansaugen, durchwühlte Medikamentenschränke und provozierte chinesische Heilpraktiker mit der Frage, ob fernöstliche Akupunktur den Hausarzt ersetzen könne. Unterhaltsam und informativ soll das Format werden, sagt Wimmer. Ganz nach seinem Gusto.

Um überhaupt Arztsendungen machen zu können, musste sich der zweifache Vater und Dackelbesitzer aus dem Hamburger Westen ganz schön durchs Medizinstudium mühen, wie er sagt. Vor der Kamera gilt er dagegen als Naturtalent. Durch seine Hornbrille kann er blitzschnell vom spitzbübischen Welpenmodus auf seriösen Herzchirurgen umschalten, redet einfach und schnörkellos, auch ohne Rhetorikseminar. Wimmer besitzt die Gabe, an den richtigen Stellen Witze zu machen. Und er ist sich für nichts zu schade.

Dieses Sendungsbewusstsein unterscheidet ihn von den meisten seiner Zunft. Denn Mediziner gelten, wenn sie nicht gerade eine Schönheitsklinik am Bodensee haben, als öffentlichkeitsscheu. Doch hier will einer das große Publikum, weil es seiner Vision von besserem Verständnis dient: „Was andere dabei über mich denken, ist mir egal“, sagt Wimmer. Nicht grundlos ist er mit seinen 32 Jahren schon 100.000fach geklickter Medizin-Erklärer. Ach, ja, und echter Arzt in der Notaufnahme Wandsbek und „Head of Digital Patient Communication" am CVderm der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf“ ist er auch.

Mit „großer Klappe“ (Wimmer über Wimmer) hat er es nicht nur zur Internet-Bekanntheit gebracht. Weil er das bisherige Gesundheitsfernsehen zu langweilig fand und das gegenüber den NDR-Verantwortlichen nicht unerwähnt ließ, bauten die ihn prompt in die Sendung „Visite“ ein. Da seine Einspieler regelmäßig ordentliche Quoten brachten, proben sie nun „Wimmer-Total“. „Ich stelle Fragen, die sich Patienten nicht zu fragen trauen“, sagt er. Denn gut informierte Patienten träfen die besseren Entscheidungen.

Herausgekommen sind vorerst zwei Sendungen mit dem Titel „Dr. Wimmer: Der Medikamenten-Check“ und „Dr. Wimmer: Der Naturmittel-Check“. Der aufwendige Vorspann und die zeitintensiven Dreharbeiten versprechen pralle 45 Minuten. Halb nackt in die Sauna? Warum nicht! Wund-Therapie mit Maden? Immer her damit! Sieben Medikamente gleichzeitig? Besser nicht. „In der ersten Folge widmen wir uns den Arzneien. Das ist bei 1,5 Millionen Medikamentenabhängigen ein Riesenproblem in Deutschland“, sagt Wimmer. Denn trotz unterhaltsamer Elemente habe jede Sendung einen ernsten wissenschaftlichen Kern. Sieben erstaunliche Fakten sollen jeweils zusammengetragen werden. Etwa, dass es gefährlich ist, mehr als fünf Medikamente zeitgleich einzunehmen. Da steige die Chance unerwünschter Wechselwirkungen auf 80 Prozent.

Beim Dreh in Hamburg geht es dagegen um die Frage, ob man sich gesund essen kann. Dafür filmt das Team Johannes Wimmer beim Einkaufen, beim Verschieben einer Gemüseschale, beim Kochen mit Gourmet Thomas Sampl. Hafer, Möhren und Rote Bete zeigten etwa erstaunliche Effekte bei Diabetes (Hafer), Durchfall (Möhren) und Bluthochdruck (Rote Bete). Nutzwert und Service für den Zuschauer sollen im Vordergrund stehen. Quotendruck? Gibt’s für den Arzt nicht. Er will, dass es gefällt. „Ich freue mich nach wie vor über jeden Like bei Facebook“, sagt er. Denn Selbstzweifel plagen ihn durchaus beim Dreh. War das jetzt gut? Oder geht das noch besser?„Ich möchte mich mit dem, was ich mache, ja auch weiterentwickeln“, sagt Wimmer. Den Anspruch habe er an die eigene Sendung. Bevor die ausgestrahlt wird, wollen aber noch mal alle mit dem erfrischend anderen Arzt reden. Bei Markus Lanz und der„NDR Talk Show“ ist er jeweils schon zum zweiten Mal eingeladen.

„Dr. Wimmer: Wissen ist die beste Medizin“ Montag, 30.5./6.6. , 21 Uhr, NDR Fernsehen