Krankenhaus

Was der Hamburger YouTube-Arzt über wehleidige Männer sagt

Dr. Johannes Wimmer in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Hier im Gespräch mit Krankenschwester Kathi

Dr. Johannes Wimmer in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Hier im Gespräch mit Krankenschwester Kathi

Foto: Klaus Bodig / HA

Mit seinen Videos wurde Mediziner Johannes Wimmer als YouTube-Arzt berühmt. Er praktiziert aber auch in der Hamburger Notaufnahme.

Wasser? „Cola, bitte“, sagt Dr. Johannes Wimmer und bricht gleich mal den Mythos des allzeit gesund lebenden Halbgotts in Weiß. Danach faltet er unentwegt Kronkorken – muss eben immer was in den Händen haben, der Herr Doktor. Im Gespräch berichtet der 32-Jährige aus seinem Alltag als Arzt in Hamburger Notaufnahmen. Immer dabei: wehleidige Männer, bizarre Fundstücke und der Fluch von Dr. Google.

Hamburger Abendblatt : Herr Dr. Wimmer, kennen Sie eigentlich Männerschnupfen?

Johannes Wimmer: Das ist was Ernstes, oder? Notaufnahme, Schockraum, Männerschnupfen?

In etwa, aber entspricht das der Realität?

Wimmer : Das kann ich eigentlich nicht sagen. In der Notaufnahme ist es sehr gemischt – alle Altersgruppen, nichts Geschlechtsspezifisches.

Dabei gelten Männer als wehleidiger.

Wimmer : Das stimmt auch. Die kuriosen, aber völlig harmlosen Fälle sind gerne Männer mittleren Alters. Da fragt man sich schon: Warum kommst du damit jetzt, nachts um 3 Uhr?

Zum Beispiel?

Wimmer : Neulich kam ein sehr muskulöser Typ, nachts um 2 Uhr, und sagte, er habe unglaubliche Bauchschmerzen.

Und?

Wimmer : Tja, zu viel gepumpt. Das Sixpack sollte härter werden. Dem musste ich sagen: Junge, du hast Muskelkater.

Muskelkater?

Wimmer : Wie gesagt: Männer dominieren die skurrilen Fälle. Aber im Alter wächst sich das aus. Dann müssen die Herren von ihren Frauen regelrecht in die Notaufnahme geschleppt werden.

Dann stimmt es, dass Frauen viel leidensfähiger sind?

Wimmer : Man geht davon aus, ja.

Woran liegt das?

Wimmer : Zum einen wird das wohl mit dem Geburtsschmerz begründet. Aus meiner Sicht ist es aber auch ein gesellschaftliches Phänomen: Männer wollen oft noch den Harten machen. Und wenn es sie dann mal erwischt, werden sie erst betüdelt, wenn sie richtig leiden. Sie müssen dann zeigen, dass sie wirklich krank sind. Sonst müssten sie ja weiter den Müll rausbringen.

Ich kenne Männer, die mit Kopfschmerzen in der Notaufnahme saßen.

Wimmer : Da sind Sie auch nicht allein.

Und die blieben auch ohne Befund.

Wimmer : Das heißt, man hat nicht herausgefunden, woher die Kopfschmerzen kommen. Das ist oft so. Bei 270 Arten von Kopfschmerzen weiß man nicht immer sofort, was es ist.

Klassischer Fall von: übertrieben?

Wimmer : Wenn es die schlimmsten Kopfschmerzen sind, die man sich vorstellen kann: nein. Das kann ja auch ein Schlaganfall sein. Viele Patienten kommen auch wegen starker Migräne, wo man sich denkt: Die hast du auch nicht erst seit gestern. Da sind auch viele Frauen vertreten. Kopfschmerzen in der Notaufnahme sind jedenfalls ein Klassiker, wobei viele am Abend davor zu hart am Glas waren. Die Wahrheit ist: Medizin wiederholt sich ständig, gerade Kopfschmerzen sind häufig harmlos.

Wann ist es denn angemessen, in der Notaufnahme aufzutauchen?

Wimmer : Es gibt Kollegen, die sind da streng, ich sehe das entspannt. Wenn Sie ein Problem haben und meinen: Ich brauche jetzt dringend einen Arzt, dann fahren Sie in die Notaufnahme. Blöd ist nur, wenn Sie damit morgens noch locker zum Hausarzt hätten gehen können.

Dann rächen Sie sich mit Wartezeit?

Wimmer : Es geht in der Notaufnahme nie danach, wer als Erstes da war, sondern wer das größte Leid hat. Das nennt sich Triagierung. Wie im Krieg, daher kommt das auch: Manchester Triage. Auf dem Schlachtfeld brauchte der eine sofort Hilfe, der andere hielt noch ‘ne Viertelstunde durch und so weiter.

Wann hat man schlechte Karten?

Wimmer : Wenn einer mit laufender Nase, Druck auf den Ohren und Gelenkschmerzen kommt, hat er aller Voraussicht nach eine Erkältung. Der kann auch mal acht Stunden warten. Wenn allerdings ein Mundwinkel herunterhängt und Speichel raustropft, würden Ärzte und Pfleger ziemlich flott werden.

Schlaganfall?

Wimmer : Genau. Schlaganfälle und Herzinfarkte gehen immer vor. Dann natürlich schwere Unfälle und Bewusst­lose. Und in letzter Zeit viel COPD, die sogenannte ausgelatschte Raucherlunge, mit der Leute kaum noch Luft kriegen.

Wo sollte man sich mit ernsten Problemen hinsetzen?

Wimmer : Wer echte Probleme hat und allein da ist, sollte sich in Sichtweite zum Tresen platzieren. Wenn man dort vom Sitz kippt, sieht das sofort jemand.

Wie könnte die Notaufnahme für alle Beteiligten angenehmer werden?

Wimmer : Vorgelagert müsste es eine Art Lotse geben, den man online oder telefonisch kontaktieren kann. Und die müssten sagen: Wenn das Ihre Probleme sind, dann fahren Sie bitte in eine Notarztpraxis oder zum Hausarzt, da kommen Sie schneller dran und verstopfen uns nicht die Notaufnahme. Es ist nämlich so, dass Leute, die am meisten über die Wartezeiten meckern, meist die kleinsten Probleme haben. Wer im Viertelstundentakt an den Tresen rennt, um sich zu beschweren, dem kann es so dreckig nicht gehen.

Liegen Sie damit immer richtig?

Wimmer : Auch als Arzt kann man falsch liegen. Ich hatte mal einen jungen Mann, bei dem alles auf Drogenmissbrauch hindeutete. Die Schwestern waren schon genervt, weil man bei solchen Leuten oft nicht durchdringt, aber irgendwas war komisch. Er war gepflegt, seine Freundin noch gepflegter, da passte was nicht. Dann stellte sich heraus: Er hatte eine virale Meningitis, musste sofort auf die Intensivstation. Das heißt: Wenn’s einem schlecht geht, kann das nix, aber auch wirklich ernst sein.

Gibt es eine Rushhour in Notaufnahmen?

Wimmer : Rushhour ist immer, wenn die Hausärzte zuhaben: also mittwoch- und freitagnachmittags. Oder nach zwei sonnigen Tagen, wenn es am dritten leicht bedeckt und regnerisch ist: Dann kommen die Leute in Scharen.

Womit hängt das zusammen?

Wimmer : Wenn das Wetter gut ist, geht’s den Leuten gut. Ich habe einige Zeit in Wien gearbeitet. Da wurden Stationen über den Sommer dichtgemacht, weil keiner krank war. Die Patienten haben dann auch Urlaub. Das Gleiche gilt übrigens für ganz mieses Wetter.

Was haben die Leute in Hamburg so?

Wimmer : In Notaufnahmen? Alles! Es gibt Frauen, die bekommen dort ihr Kind, kamen aber 20 Minuten vorher rein und sagten: Ich habe Bauchschmerzen, aber bin nicht schwanger.

Und die Männer?

Wimmer : Die pflücken zum Beispiel gerne nackt Äpfel, stolpern dabei und fallen unglücklich. Am Ende haben sie sich den Apfel so tief rektal eingeführt, dass er im Enddarm festsitzt. Das ist natürlich glatt gelogen, weil niemand so auf einen Apfel fallen kann. Aber Männer scheinen eine Vorliebe zu haben, Dinge rektal verschwinden zu lassen, auch mal ein Matchbox-Auto.

Bitte?

Wimmer : Da gewöhnen Sie sich dran. Sie glauben nicht, was ich schon auf Röntgenbildern gesehen habe. Und das muss man dann auch in den Bericht diktieren.

Das klingt dann wie?

Wimmer : In Querprojektion auf das untere Becken zeigt sich ein 34 Zentimeter mal fünf Zentimeter langer, glatt begrenzter, mechanischer Gegenstand ...

Okay, okay.

Wimmer : In einer Hamburger Notaufnahme hängt etwa das Röntgenbild eines jungen, korpulenten Herrn, der einen anderen abziehen wollte. Dabei ist er mit seinem Butterfly-Messer aber ausgerutscht und hat es sich unglücklicherweise in die Augenhöhle gerammt.

Das ist schockierend.

Wimmer : Durchaus.

Kann es sein, dass es nirgends so ehrlich zugeht wie in der Notaufnahme?

Wimmer : Kann sein, und manchmal erlebt man auch kulturelle Unterschiede. Als ein Familienvater, Anfang 50, einer türkischstämmigen Familie bei uns trotz aller Bemühungen verstorben ist – wirklich tragisch – habe ich zu dem Sohn gesagt: Natürlich kann die Familie kommen, um Abschied zu nehmen. Allerdings hatte ich das Ausmaß unterschätzt. Eine Stunde später standen etwa 50 Angehörige vor mir. Aber: Ich habe noch nie Leute erlebt, die sich besser benommen haben. Jeder Einzelne hat Rücksicht auf die Abläufe genommen und sich später bedankt. Das hat der Familie ganz viel bedeutet und mir auch. Da lohnt es, auch menschlich da zu sein.

Sind Notärzte doch nicht so abgeklärt?

Wimmer : Ich weiß es nicht. Aber wenn die Wiederbelebung irgendwann erfolglos bleibt, dann ist das so. Bei vielen Ärzten stellt sich aber so ein Ehrgeiz ein, bei dem es gar nicht um den Menschen geht, sondern darum, dass sie es technisch schaffen wollen. Und da liegt das Problem: technisch einwandfrei, aber menschlich eine Niete. Und natürlich gibt es auch derbe Sprüche.

Worüber lachen Ärzte, wenn keiner zuhört?

Wimmer : Eigentlich lache ich mit Kollegen, wenn wir uns selbst auf die Schippe nehmen. Als Arzt ist man manchmal gern unglaublich realitätsfern. Da steckt das Messer im Auge eines Menschen, und es wird erst mal alles drumherum organisiert, was eher akademisch und nicht praktischer Natur ist.

Welchen Satz hören Sie am häufigsten?

Wimmer : Das ist situationsabhängig, aber weit vorn ist: Ich hab Durchfall. Es gibt einen Arztspruch, der lautet allerdings: Durchfall ist es erst, wenn man’s gurgeln kann. Junge Leute antworten gern: ach, nee, dann doch nicht.

Wie oft ersetzen Sie den Hausarzt?

Wimmer : Das nimmt leider zu. Dabei kann ich die Patienten gar nicht krankschreiben, aber genau das ist dann der Wunsch. Anstatt zum Hausarzt gehen die meisten ohnehin erst ins Internet. Und dann erst recht in die Notaufnahme.

Weil die Selbstdiagnose dramatisch wird?

Wimmer : Wahnsinn! Im Internet gewinnt, wer am lautesten schreit, gern mit gruseligen Diagnosen. Und dann stehen die in der Notaufnahme und sagen: Ich hab ein Osteosarkom, weil ich Schmerzen im linken Unterschenkel habe.

Doktor Google ist keine große Hilfe, was?

Wimmer : Nein, das nennt sich nicht Hypochonder, sondern Cyberchonder. Da kommen Leute mit Krankheiten, die es hier gar nicht gibt, die Google aber in 0,12 Sekunden ausspuckt. In Hamburg steht dann jemand und sagt: Ich hab Rocky Mountain Spottet Fever. Wo ich denke: Das gibt’s hier doch gar nicht?!

Nicht?

Wimmer : Waren Sie in den USA in den Rocky Mountains? Antwort: nein. Da kommt es aber her, an der Nordsee fängt man sich das nicht ein. Das ist eine spezielle Infektion durch Zecken, die in den Rocky Mountains vorkommen.

Was finden die Leute noch im Internet?

Wimmer : Ganz beliebt ist Krebs. Auch wenn es die unwahrscheinlichste Diagnose bei bestimmten Beschwerden, wie etwa den erwähnten Kopfschmerzen, ist. Im Grundsatz gilt: Das Häufige ist häufig, das Seltene selten. Aber im Internet ist das Seltene häufig Rang 1.

Ein Paradies für Hobbyhypochonder.

Wimmer : Gehen Sie mal zum Arzt und sagen: Ich hab im Internet gelesen. Der guckt und denkt: schon wieder einer.

Aber wenn die Symptome stimmen­ ...

Wimmer : Das ist was anderes und gar nicht verkehrt. Dann haben Sie ja eine Erklärung. Wichtig ist aber: Der Ton macht die Musik. Wenn Sie nur kommen und sagen: Ich brauche Antibiotikum, wirkt das seltsam, oder? Also, dem Arzt gut erklären, was einen plagt. Und gerne Einschätzungen geben, aber den Arzt auch seinen Job machen lassen.

Was machen Sie, wenn jemand nur ein Antibiotikum haben möchte?

Wimmer : Ich sage: Können wir gerne machen. Aber wenn Sie schon mal da sind, guck ich noch mal drauf, okay?

Wie wichtig ist das Arztgespräch?

Wimmer : Superwichtig, aber oft ein zeitliches Problem. Gehen Sie mal in Hamburg zum niedergelassenen Arzt. Oft ist da nix mit Kommunikation, das grenzt an Telepathie. Da guckt der Arzt durch die Jeans, ob das Knie stimmt, jagt Ihnen die Spritze rein – und tschüs!

Jetzt wo sie’s sagen ...

Wimmer : Fachlich liegen die meisten Ärzte durch ihre Erfahrung auch richtig. Aber beim Patienten bleibt vom Gesagten leider nichts hängen, und in zwei Wochen steht der wieder auf der Matte. Viele Patienten können nur ein Drittel des Arztgesprächs wiedergeben.

Sie praktizieren nicht nur, sondern erklären Medizin auch im Fernsehen und im Internet: Wie reagiert ihre Zunft darauf?

Wimmer : Lob kommt vor allem von Ärzten, die bald in den Ruhestand gehen. Die sagen: Wie viel Lebenszeit hätte ich dadurch sparen können. Die jungen Kollegen verstehen oft gar nicht, was ich da mache. Die sind zu getrieben und karriereorientiert. Aber das ändert sich. Für viele ist eine Chefarztposition oder die eigene Praxis nicht mehr das Ziel. Die wollen vernünftige Arbeitszeiten und einen angenehmen Karriereverlauf.

Ihre Vision ist, die Kommunikation zwischen Arzt und Patienten zu verbessern.

Wimmer : Das ist aus dem eigenen Bedürfnis gewachsen. Ich war nicht der typische Medizinstudent, musste mich ganz schön mühen. Aber ich fand immer toll, den Leuten etwas an die Hand geben zu können. Videos sind maßgeschneiderte Informationen für Patienten.

Dann sind Sie die Generation YouTube?

Wimmer : Ich glaube nicht, ich bin ja ganz ohne Internet aufgewachsen und war eher draußen unterwegs. Mein Vater ist an der Königstraße groß geworden, meine Mutter kommt vom westfälischen Bauernhof. Ich mag die einfache Sprache, weil man damit etwas rüberbringen kann. Als Arzt nutze ich das.

Werden Sie schon auf der Straße angesprochen, so in der Art: Ich hab hier so ein Ziehen in der Schulter?

Wimmer : Ja, oft. Und es gibt da eine Fischtheke im Supermarkt neben dem Elbe-Einkaufszentrum, da werde ich gern angehauen. Da hat man Zeit, da ist’s gemütlich, da schnackt man eben.

Könnten Sie dann noch kurz sagen, dass eine Flasche Wein am Tag okay ist?

Wimmer : Das hängt davon ab, welche Lebensziele man hat. Ob man seine Zeit mit Leben oder sein Leben mit Zeit füllen möchte. Ein Glas am Tag ist okay. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das muss man auch erst mal durchhalten.