Hamburger Schriftsteller

Mutzenbecher auch mit 91 Jahren noch nicht zu müde

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Jens Meyer-Odewald

Der Schriftsteller und Gedichteschreiber liebt seine Heimatstadt Hamburg. Seine Lesereisen führen ihn bis Südafrika. Sein erstes Gedicht verfasste er im Alter von sechs Jahren.

Hamburg. Der Schoppen Grauburgunder schmeckt von jeher, und zum Schmöken seiner geliebten Marlboro tritt der betagte Herr auf den Balkon seiner Seniorenresidenz. Sage keiner, dass man mit 91 Jahren keine Laster mehr haben kann. Viel wichtiger ist eine Leidenschaft, die inspiriert und die Seele jung hält: Als Schriftsteller und Gedichteschreiber Geert-Ulrich wird der gebürtige Hamburger Geert-Ulrich Mutzenbecher, den das Leben durch alle Welt führte, von der Muse geküsst. Heute mehr denn je.

Das Plus an Zeit im Rentenalter verbringt der Nachfahr einer uralten Hamburger Senatorenfamilie zumeist vor seiner ebenfalls in die Jahre gekommenen Schreibmaschine Triumph-Adler im Schlafzimmer. Das Resultat kann sich sehen lassen: Mutzenbecher ist Autor diverser Bücher. Liebevoll formulierte, pfiffig akzentuierte Gedichtbände gehören dazu, während der Kriegswirren an seine Eltern geschickte Feldpostbriefe, Geschichten für Kinder, Romane, Novellen und sogar Chansons.

Auszüge präsentiert der Autor am heutigen Montag bei freiem Eintritt im Rahmen einer Lesung im Restaurant seiner Seniorenresidenz an der Elbschlossstraße. Wie zuletzt werden mehr als 100 Gäste erwartet, um Mutzenbechers Fantasie zu lauschen. Solche Auftritte zählen zum guten Ton, nicht nur in den Elbvororten. In den vergangenen Jahren las der vitale Senior in der Nienstedtener Kirche, im Winterhuder Fährhaus, in der Handwerkskammer und im früheren Ratsweinkeller, aber auch in Zürich sowie mehrfach in Südafrika.

Sein erstes Gedicht verfasste Geert-Ulrich Mutzenbecher 1928 im Alter von sechs Jahren. Er wuchs in Hamburg auf, unter anderem in der Villa des heutigen Generalkonsulats Chinas an der Elbchaussee. Weitere Jugendjahre verbrachte er in Danzig und Buenos Aires. Es waren turbulente Jahren vor Kriegsende 1945 und dem Aufbruch in eine demokratische Zeit. All das gab reichlich Stoff für alle möglichen Erfahrungen, Beobachtungen, Bücher.

Zusätzliche Anregungen schaffte der Beruf. Nach einer Lehre zum Textilkaufmann stieg der Hamburger Jung als Kaufmann in die Versicherungsagentur der Familie ein. Sein Großvater hatte einen der weltgrößten Assekuranzkonzerne gegründet und das Europahaus in Hamburgs Innenstadt errichtet, in dem sich aktuell die Europa-Passage befindet. Dort zogen die Mutzenbechers mit zwei ihrer Gesellschaften ein: Albingia und Hamburg-Mannheimer. Enkel Geert-Ulrich konnte so die ganze Welt bereisen. Dabei kam er auch dem Chrysanthementhron des japanischen Kaisers sehr nahe.

Von diesen Schätzen zehrt der Schriftsteller heute noch. Gut und gerne 20 Bücher hat er bisher veröffentlicht. Eines wurde mit dem Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung gewürdigt. Unterstützt von Ehefrau Antoinette, einer gebürtigen von Goßler. Beide sind seit 63 Jahren verheiratet. „Ein Geschenk des Himmels“, sagt er. Als zusätzliche Hilfe steht eine Freundin des Ehepaars bereit: Margot Behrndt schreibt die Manuskripte auf eine Computerfestplatte. Außerdem erledigt sie die Einkäufe. Frau Behrndt ist eine Seele von Mensch.

Denn die beiden betagten Mutzenbechers sind nicht mehr so gut zu Fuß. Nach 58 Jahren verkauften sie jüngst ihr Haus im Brandorffweg in Nienstedten und zogen ein paar Straßen weiter in die Elbschloss-Residenz. Bei einer Zigarette auf dem Balkon der Erdgeschosswohnung genießt Geert-Ulrich Mutzenbecher den Blick auf die Elbchaussee und den Strom direkt dahinter. Das ist sein Hamburg, zum Greifen nahe. „Mein Hamburg“ heißt eines seiner Gedichte. „Was mir an Hamburg so gefällt, ist nicht so sehr das Tor zur Welt“, heißt es am Anfang. Und zum Schluss der Liebeserklärung: „Die liebe gute Elbchaussee, Patriziertum, vergangener Schnee, und deren Parks in frischer Güte mit ihrer Rhododendronblüte“. Der Frühling steht in Harmonie zur Lebenslust eines Mannes, der auch den Jüngeren Mut macht.

Die innere Unruhe treibt den Senior, der am Mittwoch kommender Woche 92 Jahre alt wird, rasch wieder an den Block auf dem Wohnzimmertisch oder an die Schreibmaschine. Der Titel seines neuesten Werkes ist Programm: „Das zweite Leben“.

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