Der rote Faden

Darf ich bitten? Wie der Tango das Leben von Ivano Bertazzo veränderte

Ivano Bertazzo wurde in Italien geboren, tourte mit einer fahrenden Truppe durch Europa und landete schließlich in Hamburg, wo er seine erste Tangostunde nahm. Der Tanz veränderte sein Leben.

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbild gelten. Ivano Bertazzo bekam den Faden von Jan Christof Scheibe und gibt ihn an Dagmar König weiter.

Man erkennt sie an ihrem Gang, diese Tänzer. Sie haben etwas gespannt Federndes in ihren Bewegungen. Mühelos, wie von einem unsichtbaren Faden gezogen, halten sie sich gerade, doch Wirbelsäule und Gliedmaßen bleiben geschmeidig, wie von Zauberhand geölt. Im Körper eines Tänzers wohnt und schwingt die Musik in unzähligen Zellen, ohne je ein Geräusch zu machen.

Man erkennt diese Tänzer aber auch am Glanz in ihren Augen. Manchmal jedenfalls. Aus dem Blick des Tangotänzers Ivano Bertazzo strahlt die Ruhe des Glücks von jemandem, der in der kontrollierten und zugleich hingebungsvollen Bewegung zu Musik seine Erfüllung gefunden hat. Der Mann ist über 50, aber seine Haselnussaugen könnten einem jungen Mann gehören, einem Kind. Es sind sehr braune Augen unter zwei dichten, dunklen Brauen, die links und rechts der Nasenwurzel so abrupt enden, als seien sie mit dem Rasiermesser begradigt. Diese Augen forschen nicht, sie sind ohne Misstrauen. Sie schimmern, und sie laden den Blick des Gegenübers freundlich ein in die Außenbezirke des Inneren eines Menschen, der von Härten und Herzschmerz im Leben bislang offenbar erst in gnädig kleiner Dosis kosten musste.

Wir sitzen an einem Tisch im La Yumba, der Tangoschule in der Kastanienallee auf St. Pauli, die Ivano Bertazzo vor vier Jahren mit zwei Partnern übernommen hat. Jenseits der Straße, direkt gegenüber dem unscheinbaren Haus auf dem Kiez, in dessen Hochparterre man einen so feinen Saal niemals vermuten würde, warten die Esso-Häuser jeden Tag auf die Vollendung ihrer Exekution.

Hier aber, im La Yumba mit seinen dunklen Bugholzstühlen und Kaffeehaustischen am Rande der mit Fischgrät-Parkett belegten Tanzfläche, hier, unter der mit Kronleuchtern behängten, goldfarben gewischten Decke, in diesem behaglichen Raum mit Fenstern zum Hof, einer Spiegelwand und grün getünchten Wänden, hier im La Yumba wird wohl noch viele Jahre lang eine Zeit hochleben, die ihren Zenit längst überschritten hatte, als die Esso-Häuser gebaut wurden: „Die goldene Ära“, wie Bertazzo die Epoche zwischen den 1930er- und 50er-Jahren nennt. Für den Tango Argentino die allerbeste Zeit.

Bertazzo gehört zu jener Sorte von Männern, die stets picobello angezogen sind und dabei so leger wirken, als sei das, was sie tragen, ihre zweite Haut. „Die weite Hose macht schöne Bewegungen“, sagt der Tangomeister lächelnd. „Das ist gut, denn ich habe krumme Beine.“ Überm schwarzen Hemd, den Kragen wie absichtslos hochgeschlagen, trägt er die zur kleinkarierten Hose passende Weste. Die hochgekrempelten Ärmel lassen kräftige, behaarte Unterarme frei. Kein Millipond seiner Körperkraft aber scheint Ivano Bertazzo für seinen Hauptberuf zu brauchen, so sacht, wie er jetzt vor der Kamera des Abendblatt-Fotografen seine Partnerin Dorothee Rudel hält und mit ihr einen sehr langsamen Tango tanzt.

„Schatz ist da!“, hatte er gerufen, als Dorothee Rudel den Raum betrat. Sie strahlten sich an, küssten und kosten sich fast wie ein Liebespaar, dabei tanzen sie nur zusammen und teilen sich, mit Kay Schmidt als Drittem im Bunde, die Verantwortung für die Tangoschule. „Das kommt eben so, wenn man sich körperlich immer so nah ist“, erklärte Rudel dem Besucher. Jetzt, beim Tanz, schmiegt sie sich an ihren Partner wie eine Vogelfeder mit Haaren aus feinstem Blei.

Eigentlich muss man die beiden nur tanzen sehen um zu begreifen, was Bertazzo meint, wenn er sagt: „Tango macht süchtig. Tango ist ein Mikrokosmos. Du findest im Tango alles. Tango ist das Leben.“ Menschen, denen der Tango heilig ist, neigen zu einer poetischen Sprache oder zum Paradoxon, wenn sie nach Worten suchen für das, was sie daran so beseelt und bewegt. Tango sei „ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“, lautet eine der schönen Nicht-Definitionen dieser Musik und Bewegungskunst, die Ende des 19. Jahrhunderts unter Einwanderern vornehmlich aus Südeuropa am Rio de la Plata entstand, im Großraum von Buenos Aires. Von der „Melancholie der Vorstädte“ ist die Rede, von Sehnsucht, Schmerz und einem unbestimmten, unbestimmbaren Verlangen.

Für Bertazzo, den der erste Tangotanz seines Lebens wohl getroffen hat wie ein erleuchtender Blitzschlag, ist diese subtile Kunst der sozial akzeptierten, musikalisch-intimen Verständigung zweier Körper in der Öffentlichkeit nicht zuletzt eine Meditationsform. „Es geht darum, ganz da zu sein, mit sich und der Partnerin. Man gerät dabei in einen anderen Zustand der Bewusstheit.“ Tango, das sei ein Dialog, ein Austausch von Energie. „Wir interpretieren Musik mit unseren Gefühlen.“

Der Vater, der sein Geld mit dem Reparieren von Textilmaschinen verdiente, schenkte Ivano, als er 17 war, einen Plattenspieler, einen Verstärker und Kopfhörer. „Boxen waren nicht dabei, laut hören sollte ich nicht“, erinnert sich Bertazzo. Lange besaß er nur zwei Schallplatten, „The Dark Side of The Moon“ von Pink Floyd und ein Album von Astor Piazzolla, dem Begründer des Tango Nuevo, der mit all dem herrlichen, altmodischen Tango aufräumte, den Bertazzo heute so liebt.

Geboren und aufgewachsen ist er in Italien. Nachdem er mit 17 die Schule geschmissen hatte, erlernte er in seinem Heimatort bei Turin den Beruf des Automechanikers. Doch Ivano, Einzelkind mit intensiv italienischem, also sehr kulinarischem Familienleben, war fürs Handwerkerdasein nicht geschaffen. Mit 19 ging er nach Bologna auf eine Theaterschule, wohnte mit anderen in einem besetzten Haus und schloss sich bald einer fahrenden Truppe an, wie es einige gab damals, in den frühen 80er-Jahren. Nicht nur in Italien.

„Wir nannten uns ‚Circo a vapore’ und sind im Bus durch ganz Europa gereist“, erzählt Bertazzo. „Wir haben auch mal in Rom zusammen gewohnt, in einer Villa mit Park. Es war eine wunderschöne Zeit.“ Eine der Schauspielerinnen aus der international besetzten Compagnie kam aus Hamburg und wollte dorthin zurück, als die Truppe auseinanderging. Sabine. Bertazzo folgte ihr. Sie wurde die Mutter seiner Tochter, mit der Ivano Bertazzo heute in einer Klein-WG zusammenlebt, allem Anschein nach höchst harmonisch.

„Der Anfang in Hamburg war schwer“, erzählt er. „Ich sprach kein Wort Deutsch und konnte nichts.“ Hier als Mechaniker neu anzufangen kam nicht infrage. „Mit 29 wusste ich nicht mehr, wo beim Auto der Motor ist.“ Das Theater hatte ihn dem Kfz-Betrieb entfremdet. Er jobbte in der Filmhauskneipe als Tellerwäscher, lernte bei einem Italiener in Norderstedt das Pizzabacken, und als das Eisenstein aufmachte, buk er dort Pizza. Bescheidene erste Karriereschritte für einen, dem das Essenmachen im Blut liegt.

Denn auch wenn sich Ivano Bertazzo heute fünf Tage die Woche makrobiotisch ernährt: Er gilt als begnadeter Koch. Kochen ist für ihn Lebenskunst, und je weiter sich die Zubereitung der Speisen davon entfernt, um so weniger Spaß hat er daran. Als er 1991 seine erste Tangostunde nahm, stand er gerade in einer Umschulung zum Koch. Seine Sabine hatte ihm den Tangokurs geschenkt. Die Initiation fand in eben diesem Raum in der Kastanienallee statt, beim Vorbesitzer des La Yumba, Rudolf Gutzmann, dem Paten der Tango-Renaissance in Hamburg.

Seitdem tanzt Bertazzo beruflich auf zwei Hochzeiten, mindestens. Nach Stationen in Hamburg und anderswo bereitete er jahrelang den Mittagstisch im Szenelokal „Brücke“ zu. Er könnte vom Tangounterricht allein leben, führt aber auch noch einen Catering-Service und ein auf Tanz- und Genussreisen spezialisiertes Reiseunternehmen. Am liebsten bewirtet er Freunde bei sich zu Hause. Das passt für einen, der das Wort Arbeit mit „Tanzen, Vergnügen, mit Menschen sein“ übersetzt.

Doch mit den Jahren klopft bei dem leuchtenden Graukopf immer öfter das Heimweh an. Ivano Bertazzo sehnt sich nach einem kollektiv geführten Zentrum für Kultur und Lebenskunst in Italien, in den Marken. Mit diesem Traum tanzt er jetzt Tango, beim Kochen, beim Tanzen. Im Schlaf.