Der rote Faden

Rolf Weilert ist einer, der alles anders macht

Sehr viel im Leben von Rolf Weilert, Chef der Freien Schule für Gestaltung, ist alternativ. Irene Jung über einen Altlinken, der nicht auf die Weltrevolution warten wollte, sondern den Alltag praktisch veränderte.

Hinter der Honigfabrik in Wilhelmsburg leuchtet das Hausboot „Julianne“ der Freien Schule für Gestaltung (FSG) in Knallrot auf dem Veringkanal. „Passen Sie auf, wo Sie hintreten“, sagt Rolf Weilert beim Rundgang. Im Laderaum, den früher mal Getreide füllte, befindet sich heute ein großer Seminarraum, ein zweiter im Holzaufbau darüber. Rund 80 junge Leute studieren hier Grafik-Design, Illustration, Siebdruck, Web- und Filmdesign.

Rolf Weilert ist Geschäftsführer der FSG und Ansprechpartner der Studierenden, wenn es um Themen wie Existenzgründung geht. Da kennt er sich aus. Vor fünf Jahren holten ihn die Schulgründerinnen Silvie Hartmann und Andrea Kuhne ins Team, als er ihnen den Businessplan entwarf. Die Honigfabrik war ihr Wunsch-Standort, „und dann dachten wir uns, wir könnten doch ein Schiff danebenlegen, um zusätzliche Räume zu bekommen“. Bei der Ritscher-Werft wurden sie fündig und für 30.000 Euro Besitzer der Schute, Baujahr 1952.

Graffiti, Hausboot, nebenan die pittoresk verwitternde „Soul Kitchen“ aus Fatih Akins Film. Das hier ist die alternativste Ecke im ansonsten kleinbürgerlich-gemütlichen Reiherstiegviertel. Für Rolf Weilert genau richtig: Alternativ ist sein Stichwort. Täglich radelt er von Ottensen herüber, durch den alten Elbtunnel, insgesamt 23 Minuten. Pendelt quasi von einer alternativen Struktur zur anderen. In Ottensen lebt er in einer alternativen Hausgemeinschaft, ist Berater des alternativen Mietshäuser-Syndikats und ist beteiligt an der druckwelten GmbH, die aus einem alternativen Druckerei-Kollektiv hervorgegangen ist. Wie ein roter Faden zieht sich durch sein Leben, dass er etwas anders machen wollte als der Rest. Und dabei fand er immer irgendwie Gleichgesinnte.

Inzwischen sitzen wir beim Tee, mit Blick auf den Kanal. Aufgewachsen ist er als sechstes von sieben Kindern, erzählt er. Vater Werftarbeiter in Finkenwerder, die Mutter arbeitete in einer Fischfabrik. Gewohnt haben sie auf der ehemaligen Elbinsel Dradenau, die heute zum Hafengebiet Waltershof gehört. „Meine Eltern sind nach dem Krieg hingezogen, in eine der Nissenhütten in einem Kleingartenverein, später haben sie dort ein Steinhaus gebaut. Das hat die Flut von 1962 überstanden, aber bei der höheren Flut 1976 ist es abgesoffen.“ Auf der Volksschule in Waltershof fand seine Klassenlehrerin, dass er aufs Gymnasium gehörte. „Weil es in Finkenwerder noch keins gab, bin ich nach Altona aufs Gymnasium Hohenzollernring gegangen. Morgens fuhr ich mit meinem Vater nach Finkenwerder, von da mit der Fähre nach Neumühlen, von dort bin ich hochgelaufen.“

Der Anspruch, etwas zu verändern, kam in den wilden 70er-Jahren. Gefühlt waren alle links, wollten helfen. Weilert engagierte sich in einer Schülerinitiative und ließ sich zum Rettungssanitäter ausbilden. Begann nach dem Abitur ein Jurastudium, „vor allem Steuer- und Mietrecht“, um sich für Benachteiligte einzusetzen.

Da bot sich in den Siebzigern ein weites Feld. Schon damals tobte in Hamburg der Kampf gegen Miethaie, es gab eine lebendige Hausbesetzerszene. Und dann kamen 1978 neue Impulse vom Tunix-Kongress: In der TU Berlin diskutierten 5000 Teilnehmer vor allem aus der Spontiszene, wie man denn nun alternatives Leben praktisch umsetzen müsste. „Statt sich weiter in einer hoffnungslosen Konfrontation mit dem Staat zu verschleißen und eine Revolution zu propagieren, die ohnehin nicht kommen würde, geht es darum, Alternativen aufzubauen, Inseln des richtigen Lebens im falschen System“, schreibt der „Spiegel“-Redakteur Michael Sontheimer, der damals auch dabei war. Tunix wurde zur Keimzelle vieler Kollektive und Alternativprojekte. „Wir sind natürlich auch hingefahren“, sagt Weilert. „Und dort entstand die Idee, eine Initiative zu gründen.“

„Eine Initiative“ ist leicht untertrieben. Mit Gleichgesinnten gründete Weilert zunächst einen Buchladen, beteiligte sich an der Gründung der alternativen Tageszeitung „taz“. Drittens gründete er mit anderen eine Druckerei – jede politische Fraktion in Hamburg hatte damals ihre eigene. Diese Druckerei besteht aber heute noch.

Die Gründerjahre also. Einfach waren sie nicht. Zur Anschaffung der teuren Druckmaschinen schloss Weilert im Lauf der Jahre drei Lebensversicherungen ab. „Wir hatten den Anspruch, dass jeder alles machen musste, also drucken, Buchhaltung, reparieren. Da bin ich so reingeflutscht. Irgendwann war keine Zeit mehr für Jura.“

Weilert ist ein gemütlicher Typ, er hat viel erlebt und kann gut erzählen, aber er hat auch eine unterschwellige Betriebsamkeit. Er ist ein Nischen-Finder. Und er hat etwas gelernt, das vielen Altlinken – das Wort stört ihn nicht – abgeht: Er kann rechnen, kennt sich mit Steuern, Bauverordnungen, Finanzierungsmöglichkeiten und Gesetzen aus.

Das hilft, wenn man möglichst selbstbestimmt arbeiten will. Und dann möchte man auch möglichst selbstverwaltet wohnen. Weilert – wohngemeinschaftserprobt – hatte schon bei der Mietselbstverwaltung des „Turms“ in Ottensen Erfahrungen „als Finanzmensch“ gemacht. 1992 kam eine neue Idee aus Freiburg im Breisgau: das „Mietshäuser-Syndikat“. Dieser Solidarverbund unterstützt Mietergemeinschaften beim Kauf oder Bau eines selbstverwalteten Hauses und hilft bei der Finanzierung. Es organisiert das nötige Kapital über Direktkredite von Menschen, die ihr Geld bei der Hausbesitz-GmbH anlegen wollen – ohne Umweg über eine Bank. Über die Mieten zahlen die Bewohner nicht nur das Haus ab, sondern unterstützen auch das Syndikat, das damit neue Projekte finanziert. „Der Grundgedanke ist: Lieber tausend Freunde im Rücken als eine Bank im Nacken“, sagt Weilert. Inzwischen gibt es bundesweit 92 Syndikats-Projekte, allein in Hamburg sechs.

Auch Weilert selbst wohnt mit seinem Sohn seit 2010 in einem solchen Projekt. In Altona hat der Verein „Inter Pares“, eine Gruppe von heute 19 Erwachsenen und neun Kindern, 2005 gemeinsam ein Niedrigenergiehaus errichtet, wo vorher die Hamburger „taz“-Redaktion saß. Weilert selbst gehört seit 2002 zum ehrenamtlichen Berater-Team des Mietshäuser-Syndikats und erklärt künftigen Hausgemeinschaften, wie sie ihr Wunschhaus finanzieren.

Wohnen da jetzt nur Altlinke? Oder pensionierte Lehrer mit öko-versiegeltem Parkett, Fair-Trade-Kaffee und rechtsdrehenden Elektrozigaretten? „Nein“, sagt er und lacht. „Gerade bei neueren Projekten im Osten, in Leipzig oder Dresden, sind es eher Neulinke. In Konstanz hat eine Gruppe älterer Frauen ihre Lebensversicherungen in ein gemeinsames Haus gesteckt. Anderswo sind es vor allem junge Familien.“ In Ottensen ist er gerade in einem neuen Projekt aktiv: „Wir bauen einen Handwerkerhof, ein Neubau, nur für Kleingewerbe.“ Zu einem lebenswerten Stadtteil gehören nun mal auch die Kneipe, der Malerbetrieb, der Schuster und der Käseladen und nicht nur die Ladenketten. Die Projektfinanzierung bietet nicht nur denen Chancen, die kein Geld haben, sondern auch denen, die sinnvoll welches anlegen wollen. „Dafür darf es ruhig arbeiten, das Geld.“

Tunix, das ist jetzt 35 Jahre her. Inzwischen hat sich gezeigt: Nicht alle Menschen sind wild auf den Sozialismus. Manche verzocken lieber gigantische Summen in Hedgefonds, andere wollen vor allem das Eigenheim im Grünen. Kam da nicht doch irgendwann ein Realitätsschock? „Ich bin mir treu geblieben, das glaube ich schon“, sagt Weilert. Zwar liest er nicht mehr regelmäßig die „taz“. Aber manchmal, sagt er, rege er sich noch richtig auf. Zum Beispiel, wenn Flüchtlinge vor Ceuta mit Wasserwerfern aufs Meer zurückgedrängt werden. „Auf der anderen Seite bin ich beglückt, wenn sich so viele Menschen in Hamburg – gerade junge Leute – für die Lampedusa-Flüchtlinge einsetzen.“ Sein Sohn macht jetzt Abitur, interessiert sich für Mathe, Informatik, Physik. „Ich glaube schon, dass er zu einer Generation gehört, die sich wieder aufregen kann. Über die NSA zum Beispiel.“

Draußen lässt die Weltrevolution weiter auf sich warten. Aber auch viele kleine Projekte ändern etwas in der Realität. „Ich bin vom Herzen her Optimist und glaube an das Gute im Menschen“, sagt Weilert. „Und ich halte mir vor Augen, dass wir doch eine ganze Menge erreicht haben.“

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbildgelten. Rolf Weilert bekam den Faden von Christiane Hollander und gibt ihn an Dorothea Koch weiter.