Flüchtlinge auf St. Pauli

„Die Jungs vertrauen mir ihr Leben an“

Seit Monaten postiert sich Horst Kriegel Nacht für Nacht vor der St.-Pauli-Kirche, damit die 80 Flüchtlinge aus Afrika darin ruhig schlafen können. Was treibt den einstigen Türsteher dazu an?

Die Nacht hat sich über die Stadt gelegt. Horst Kriegel zieht an seiner selbst gedrehten Zigarette. Die Glut leuchtet im Rhythmus seiner Züge auf. Ein roter Punkt inmitten der Dunkelheit. Vom nahen Hafen her ist das immerwährende Rauschen zu hören.

Die St.-Pauli-Kirche ist in der Dunkelheit kaum auszumachen. Horst Kriegel, den hier alle nur mit seinem Spitznamen Hotte rufen, schüttelt sich leicht und zieht den Reißverschluss seiner Weste hoch. Der Herbst ist früh gekommen in diesem Jahr. Die Kälte kriecht vom Boden her die Beine hoch.

Die St.-Pauli-Kirche ist in diesen Tagen ein besonderer Ort. Seit gut vier Monaten übernachten im Kirchenschiff 80 afrikanische Männer. Zu Zeiten des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi hatten sie in dem nordafrikanischen Staat als Gastarbeiter gelebt. Als dort die Revolution ausbrach, mussten sie überstürzt das Land verlassen.

Auf Schiffen gelangten sie nach Italien. Dann folgten sie dem Versprechen, in Deutschland werde es ihnen bessergehen, und zogen weiter. Vor gut einem Jahr landeten sie auf Hamburgs Straßen, im Winter dann in Notunterkünften. Als im Frühsommer die Rückführung nach Italien drohte, fanden die Flüchtlinge Unterschlupf in der St.-Pauli-Kirche.

„Ich habe Pastor Wilm im Fernsehen gesehen, wie er davon erzählte, dass zwei Burschenschafter das Gelände ausgekundschaftet hätten“, erzählt Hotte. „Mir war sofort klar, dass die Gemeinde bei der Sicherung der Kirche Hilfe brauchte.“ Gleich am nächsten Tag sei er zum Pastor gegangen und habe ihm angeboten, für Sicherheit zu sorgen. „Das Projekt hier muss doch gelingen!“

Pastor Sieghard Wilm lächelt, als er von jenem Tag erzählt, an dem Hotte unvermittelt in seinem Büro auftauchte. „Diesen Händedruck vergisst man nicht so leicht.“ Zudem suchte er gerade jemanden, der mit Sicherheitsfragen vertraut ist. Zwar kannte Wilm Hotte kaum. Ein sonderlich eifriger Kirchgänger war 55-Jährige nie, obwohl er in der St.-Pauli-Kirche getauft wurde. Aber Hotte vermittelte ihm die Botschaft: „Ich bin jetzt dran, etwas zu tun.“ Der richtige Mann zur richtigen Zeit. Wilm spricht von Berufung.

Dreieinhalb Monate ist das her. Seitdem kommt der 55-Jährige jeden Abend und passt auf „seine Jungs“, die Flüchtlinge, auf. Immer zu später Stunde, genauer will er es nicht beschreiben, steigt Hotte im Karoviertel aufs Motorrad. In Altona fährt er die Lange Straße hoch, biegt nach rechts ab und stellt die BMW auf dem Kirchengelände ab.

So auch an diesem Abend. Den Helm noch in der Hand, begrüßt Hotte einige der Flüchtlinge, die sich vor der Kirchentür rauchend die Beine vertreten. „Hallo, how are you?“, fragt er. „Fine“, „It’s okay“, lautet Antwort. Hin und wieder berührt Hotte die Schulter einzelner Männer. Die freundschaftliche, fast schon väterliche Geste soll sagen: „Hier bist du in Sicherheit.“

Wenn Hotte vor einem steht, fühlt man sich unweigerlich kleiner. 1,93 Meter ist er groß, seine Schultern sind breit, dazu ein markanter Kopf. Der Ring in seinem Ohr ist nicht zu übersehen, sein Händedruck in der Tat nachhaltig spürbar.

Mehr als 20 Jahre hat Hotte als Türsteher Geld verdient. Aber nicht nur: Zuschläger bei einem Schmied war er, arbeitete bei einer Umzugsfirma und als Discjockey. Zudem besaß er ein Café. „Ich habe viel ausprobiert.“

Das kann man wohl sagen. Eigentlich hat Hotte Einzelhandelskaufmann gelernt. „Ende der 70er-Jahre verkaufte ich bei Alfons Müller-Wipperfürth Herrenanzüge.“ Aber lange ist er dort nicht geblieben. Nach der Lehre zog es ihn nach Amsterdam, später auch einmal für ein halbes Jahr nach Frankreich – der Liebe wegen.

Hotte weiß um das zweifelhafte Image von Türstehern. Aber er habe es anders gemacht. „Sozial engagiert und mit Fingerspitzengefühl“, sagt er. Er sei der Erste gewesen, der in diesem Job Frauen beschäftigt habe. Und er habe auf Respekt vor anderen Menschen gesetzt. „Es ist als Türsteher nicht meine Aufgabe, mich zu prügeln.“

Jetzt arbeitet Hotte als Sicherheitsberater, wie er sagt. Entwickelt Sicherheitskonzepte oder kümmert sich um „Stalking-Geschichten“. Konkreter will er nicht werden, auch nicht auf die Frage, wovon er gerade lebe. Eine kleine „Aufwandsentschädigung“ zahle ihm die Kirche. Und sonst? „Ich komme mit meinem Geld aus.“

Es überrascht, wie sanft Hottes Stimme klingt. Pastor Wilm hatte ihn als „Mann mit einem großen Herzen und unglaublich viel Charme“ beschrieben. Darauf angesprochen, hält Hotte inne und schaut irritiert. Dann rettet er sich mit einem Spruch: „Wer zu hart ist, zerbricht, wer zu weich ist, zerfließt.“

Hotte meint es ernst. In den Stunden, die wir gemeinsam vor der Kirche verbringen, wiegelt er immer wieder ab, wenn man ihn auf ein Podest stellen will. „Ich mache das nicht als Selbstdarsteller“, sagt er, oder: „Die wahren Helden sind die Flüchtlinge.“ Für den oberflächlichen Beobachter mag das aufgesetzt wirken, ja fast schon im Widerspruch zu der selbstbewussten Pose stehen, in der er sich fotografieren lässt.

Doch Hotte ist so. Sein martialisches Äußeres widerspricht ein wenig dem, was ihn innerlich bewegt. „Wenn die Jungs erzählen, wie sie aus ihrer Heimat flüchten mussten, dann kommen mir manchmal die Tränen.“

Diese Empathie hat möglicherweise mit seiner Kindheit zu tun. „Ich bin hier im Viertel groß geworden“, erzählt er. Auf dem Hein-Köllisch-Platz gleich um die Ecke „haben wir in fünf Chevys Jerry Cotton nachgespielt“. Noch heute schwärmt er von den vertrauten Straßen, von den urigen Kneipen, vom alten Kopfsteinpflaster.

Mit 14 ist Hotte von zu Hause abgehauen. Ausführlich will er davon nicht erzählen, nur so viel: Es gab damals viel Streit. Zuflucht fand er in einer Wohngemeinschaft am Großneumarkt. Dort erfuhr er, was Heimat bedeutet. „Heimat heißt für mich, sich aufgehoben zu fühlen“, erzählt Hotte. Füreinander einstehen, was eben nicht nur Nehmen, sondern auch Geben heißt. „Was du gibst, bekommst du irgendwann zurück.“

Heimat verbindet Hotte auch mit dem Charakter von St. Pauli. Als die Probleme der Flüchtlinge die große Politik im Rathaus erreichten und Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) unmissverständlich klarmachte, die Männer könnten nicht in Hamburg bleiben, schlossen sich „in meinem St. Pauli“ die Reihen. „Seit Monaten waschen Familien die Wäsche der Flüchtlinge“, erzählt Hotte. Andere sorgen für Essen und Getränke. Dieser Zusammenhalt ist es, den einer wie Hotte braucht.

Der 55-Jährige schiebt nicht allein Dienst, aber er ist derjenige, der jede Nacht hier ist. „Meine Partner wechseln jeden Abend“, erzählt er. Leute sind darunter, die er von früher kennt, und solche, die er in den vergangenen Wochen kennengelernt hat. „Ich bezeichne sie als mein Doodle-Team“, sagt Hotte und erklärt: Das ist ein weit verbreitetes Internetprogramm, mit dessen Hilfe seine Kompagnons ihre Dienste abstimmen.

Obwohl Hotte seit seiner frühen Jugend Fan des FC St. Pauli ist, blieben ihm die Ultras – die härtesten aller Pauli-Fans – fremd. „Ich stehe auf der Gegengerade, die Ultras in der Südkurve.“ Vom Fremdsein ist inzwischen nicht viel geblieben, weil einige derjenigen, die Nacht für Nacht Wache schieben, zu den Ultras gehören.

„Die sind nicht bloß Fußballfans, die kümmern sich auch um jene Menschen, denen es nicht so gut geht“, erzählt Hotte. Regelmäßig nähmen sie Flüchtlinge, die in Mecklenburg-Vorpommern unterbracht sind, zu einem Pauli-Spiel mit. „Die kümmern sich um die Flüchtlinge.“

Hotte erzählt das fast beiläufig, doch ist es inzwischen das, was ihn über den FC St. Pauli hinaus mit den Ultras verbindet. Von „seinen Kumpels“ spricht er, und es schwingt ein wenig Bedauern in seiner Stimme mit, dass er sie nicht schon früher kennengelernt hat. Dass die Ultras ihn und das, was er tut, schätzen, haben sie ihm ganz praktisch bewiesen und ihm eine kleine Holzhütte gebaut, die neben dem Kircheneingang steht.

Wobei: Von einer Hütte zu sprechen ist vielleicht ein wenig gewagt. Unterstand würde es besser beschreiben. Vier mal vier Meter Grundfläche misst er, nach vorn ist er offen, an beiden Seiten durchbricht jeweils ein Fenster die Bretter.

Es ist kurz nach Mitternacht. Hotte hat es sich in einem Campingstuhl bequem gemacht. „Wenn du die Nacht durchziehst, sollte es auch ein wenig gemütlich sein“, sagt er und streckt seine Beine auf einem Hocker aus. Zwei Kissen, eines orange, eines gelb, versprechen Bequemlichkeit. Die karierte Kaschmirdecke über seinen Knien schützt ein wenig vor der herbstlichen Kühle.

Aus einem kleinen Kofferradio – „ein Telefunken banjo aus dem Jahr 1972 mit automatischem Sendersuchlauf“, sagt Hotte nicht ohne Stolz – erklingt Jazz. Ein Freund habe ihm das Radio geschenkt, vor vielen Jahren schon. Zwei Sender hört der 55-Jährige – Tide-Radio und FSK. „Keine Werbung, kein dummes Gequatsche.“

Im Inneren des Unterstands steht ein unscheinbarer, steinerner Opferstock. „Früher wurde hier oben das Geld reingesteckt“, erzählt Hotte und zeigt auf einen kleinen Schlitz am Kopfende. Die Münzen fielen in eine kleine Kassette im Inneren. Doch weil Diebe die Kasse immer wieder aufbrachen, geriet der Opferstock aus der Mode und in Vergessenheit. In seinen Nächten nutzt Hotte den grauen Stein als Kerzenhalter. Eine kleine rote Kerze flackert und verbreitet etwas Heimeligkeit. Die ist ihm wichtig. Die Kälte dagegen macht ihm nichts aus. „Wenn du jahrelang als Türsteher gearbeitet hast, weißt du, was im Winter auf dich zukommt.“ Damals, im Uebel & Gefährlich, „da hat es immer jämmerlich gezogen“. Dabei dreht Hotte sich eine Zigarette – wieder eine.

Die Uhr zeigt inzwischen weit nach Mitternacht, und die Stille hat die letzten Winkel des Viertels erobert. Wir drehen ein Runde. Wenn Hotte geht, dann schwankt sein ganzer Oberkörper. Eine Hand hat er tief in seinen Khakihosen vergraben. Die andere hält eine kleine Taschenlampe. Hin und wieder leuchtet er in eine der dunklen Ecken des Kirchengeländes.

„Um Politik kümmere ich mich nicht“, sagt Hotte leise, während wir unter einem zwischen Bäumen aufgespannten Transparent stehen, auf dem „Embassy of hope“ (Botschaft der Hoffnung) geschrieben steht. Überraschende Worte aus dem Munde eines Mannes, dessen Verhalten politischer nicht sein kann. Hotte schaut nach oben auf das Transparent: „Ich nenne es lieber Zivilcourage.“

Aber warum gerade hier an diesem Ort? „Ich möchte, dass die Jungs in Ruhe schlafen können. Ohne Angst.“ Wer an Hilfe für Menschen denkt, vergisst oft die selbstverständlichsten Dinge. Wem ist hierzulande schon bewusst, dass ohne Angst einzuschlafen für viele Menschen auf der Flucht ein Luxus ist?

Es gehe nicht darum, dass rechter Mob hier am Zaun rüttele, sagt Hotte. Es gehe darum, dass die Jungs hier einen „geschützten Raum“ haben, nach all den Jahren und Entbehrungen der Flucht. „Die Jungs vertrauen mir ihr Leben an.“ Dazu gehört, dass er jeden Tag da ist. „Kontinuität schafft Vertrauen“, meint Hotte.

Was sich wie eine Plattitüde anhört, wird rasch konkret, wenn es unter den Flüchtlingen einmal Streit gibt. „Sie kommen zu mir.“ Fragen um Rat, erwarten eine Entscheidung und – das Wichtigste – akzeptieren diese. Hotte ist längst mehr als der Mann, der vor der Kirchentür steht, ungebetenen Gästen den Zutritt verwehrt oder nachts auch mal einen betrunkenen Partygast davon abhält, auf dem Gelände der Kirche seine Notdurft zu verrichten.

Hottes Wort gilt. Wenn er während unseres Gespräches plötzlich aufsteht und zu einer Gruppe Flüchtlinge geht – ihr Radio läuft so laut, dass die Anwohner die Musik hören können –, dann genügt ein sachlich gesprochenes Wort, und das Radio ist leiser.

Wie ist dieser Respekt entstanden? Vielleicht liege es daran, dass er sie „sehe, lautet die Antwort. „Ich nenne sie Schattenkrieger, weil sie da draußen, auf Hamburgs Straßen, nicht gesehen werden, für viele unsichtbar sind, während sie jeden Tag um ihr Überleben kämpfen müssen.“

Vielleicht wird Hotte auch respektiert, weil Menschen auf der Flucht ein feines Gespür für Gesten entwickeln. So, wenn er sie vor allzu neugierigen Fotografen schützt und sagt: „Sie in ihrer Armut zu fotografieren ist nicht schön.“ Oder wenn er die Freiwilligen, die morgens das Frühstück vorbereiten, bittet, den Nebeneingang zu benutzen und nicht durch die Reihen der Schlafenden zu stapfen.

Wir haben wieder die provisorische Hütte erreicht. Alles ist ruhig, wie in all den Nächten, in denen er hier nun schon seinen Dienst tut. „Wenn es wirklich einmal eng werden würde, kann ich per Handy Freunde anrufen“, sagt Hotte. „Die sind dann rasch hier.“ Aber er klingt nicht wirklich besorgt. Vielleicht muss er das wegen seiner imposanten Statur auch nicht sein.

In ein, zwei Stunden wird die Stadt erwachen. Hottes Dienst endet, wenn die Frühstückscrew kommt. Dann wird der 55-Jährige zum Abschied wie jeden Tag einen Blick auf die Schlafenden im Kirchensaal werfen

„Dann wird mir bewusst, wie gut es mir geht.“ Während die Flüchtlinge auf dünnen Matratzen auf dem harten Kirchenboden liegen, „gehe ich nach Haus, unter meine Dusche, in mein Bett“. Eine bessere Lektion in Demut könne er sich nicht vorstellen.

Zum Abschied wird Hotte dann doch noch etwas sauer. „Hamburg ist so eine reiche Stadt“, sagt er. „Und diese Stadt ist nicht in der Lage, 80 Menschen zu integrieren?“ Dabei zeigt er in Richtung Elbphilharmonie. „Aber für dieses Götzenbild geben wir Millionen aus.“