Im Herbst

Hamburg bringt Geflüchtete aus der Ukraine in Zelten unter

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Hier kommen bald Geflüchtete aus der Ukraine unter: Zehn Zelte wurden an der Schlachthofstraße in Harburg errichtet.

Hier kommen bald Geflüchtete aus der Ukraine unter: Zehn Zelte wurden an der Schlachthofstraße in Harburg errichtet.

Foto: André Zand-Vakili

Feste Unterkünfte reichen für die vielen Neuankömmlinge nicht mehr aus. Nun greift die Stadt auf eine Notoption zurück.

Hamburg. Es sind die Bilder, die sich nie wiederholen sollten: Menschen unter Plastikplanen, kaum geschützt vor dem Herbst und ohne schnelle Aussicht auf eine feste Unterkunft. Seit der Flüchtlingskrise 2015/2016 unternahm der Senat alles, um selbst bei einem plötzlichen Anstieg des Zustroms nie wieder auf Zelte zurückgreifen zu müssen. Das geht nun endgültig nicht mehr. Weil noch immer pro Tag 60 bis 100 Geflüchtete aus der Ukraine die Hansestadt erreichen, reichen auch Turnhallen und andere zumindest feste Quartiere nicht mehr aus.

Auf dem Gelände des ehemaligen Fe­gro-Großmarktes an der Schlachthofstraße in Harburg werden derzeit zehn Zelte für Geflüchtete aufgebaut, bestätigte die Innenbehörde dem Abendblatt am Donnerstag auf Anfrage. Sie sollen rund 100 Menschen Schutz bieten. Die Verwaltung betont, dass es sich um deutlich hochwertigere Modelle als vor sieben Jahren handele: mit doppelter Außenhaut und Heizung im Inneren. Auch stehen die Zelte zumindest auf festem Untergrund. 2015 wurden die einfachen Hilfszelte etwa an der Dratelnstraße in Wilhelmsburg noch auf matschigem Boden aufgebaut.

Geflüchtete aus der Ukraine: Notunterkünfte voll

Dort übernachten derzeit ebenfalls wieder mehr als 100 Geflüchtete in einer Turnhalle. Eine weitere solche Notunterkunft in Hamm eröffnet. Aber beide sind bereits voll ausgelastet. „Die Situation ist weiterhin und unverändert angespannt“, sagt Daniel Schaefer, Sprecher der Innenbehörde. Sowohl die Behörde von Innensenator Grote (SPD), der im Bezug auf die Geflüchteten aus der Ukraine von einer historischen Herausforderung sprach, als auch die Sozialbehörde hatten Zelte als Notoption bewusst nicht ausgeschlossen. Das Ziel bleibe aber auch jetzt, die Geflüchteten danach möglichst schnell in eine feste Unterkunft zu bringen.

Auf einem Parkplatz am Volksparkstadion hatte das Technische Hilfswerk (THW) bereits im März ebenfalls zehn Zelte errichtet. Diese sind nun auch belegt. Als Richtlinie hatte es im Frühjahr geheißen, dass Geflüchtete dort maximal zwei bis drei Nächte bleiben sollten. „Diese Art der Unterbringung soll weiterhin so kurzfristig wie möglich sein“, so der Behördensprecher Schaefer weiter. Es gelinge auch weiterhin, allen Schutzsuchenden in Hamburg ein Dach über dem Kopf zu bieten. Seitdem der Senat in der vorvergangenen Woche noch einmal den Ernst der Lage betont hatte, habe sich die Situation zumindest nicht verschlechtert. Weiterhin braucht es aber eilig neue Flächen.

Zelte müssen über Lüfter beheizt werden

Bislang war die Einrichtung an der Schlachthofstraße in Harburg für 600 Personen gedacht, die in durch Trennwände begrenzte „Wohnzellen“ in dem Großmarktgebäude untergebracht sind und von Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Harburg betreut werden. Jetzt wurde die Kapazität noch einmal deutlich erweitert. 1000 Menschen sollen auf dem Gelände dabei auch in den großen Mannschaftszelten unterkommen. Die Entscheidung dazu fiel schon vor knapp zwei Wochen. Seitdem liefen Vorbereitungen. So wurden zunächst Zuleitungen gelegt und Böden aufgebaut. Die Zelte, die über Lüfter beheizt werden müssen, wurden zuletzt aufgestellt. In ein paar Tagen sind sie bezugsfertig.

Wie anderswo in Hamburg müssen keinesfalls nur Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht werden. Sogar zum Großteil sei die Unterkunft derzeit mit Menschen aus Afghanistan oder Syrien belegt, so ein Mitarbeiter. „Das Problem ist, dass wir kaum Personen haben, die die Unterkunft verlassen, weil es auch keine Folgeunterkünfte in ausreichendem Maß gibt“, so ein Mitarbeiter. Deswegen geht man davon aus, dass die Zelte auch schnell belegt werden müssen. „Bis dahin reizen wir jeden Meter aus, den wir in der Halle zur Verfügung haben“, heißt es.

Sporthallen als Unterkünfte wieder im Gespräch

Im Gespräch sind auch weitere Unterbringungsmöglichkeiten in Sporthallen, so, wie es auch vor den Toren Hamburgs bereits in Maschen gemacht wird. In Hamburg will man diese Option auch nur so wenig wie möglich ziehen, aber eben auch nicht ausschließen. Denn bislang kann niemand sagen, wie lange die hohen Flüchtlingszahlen anhalten. Viele Sporthallen für unbestimmte Zeit Vereine und Schulsport zu blockieren soll aber möglichst vermieden werden.

Dafür werden auch alte Flächen, wie der Schwarzenbergplatz in Harburg, reaktiviert. Dort entsteht in zwei Bauabschnitten eine Unterkunft aus Containern, die zunächst 350, später bis zu 500 Menschen Platz bietet. Vorbereitende Arbeiten haben bereits begonnen. Mit einer Fertigstellung des ersten Abschnitts wird für Februar kommenden Jahres gerechnet. Zunächst war mit einer Unterkunft für 600 Menschen an dem Standort geplant worden. Das wurde verworfen, weil dann eine Großküche für die Unterkunft nötig gewesen wäre, für die es kaum Personal gibt. Jetzt sind dort Gemeinschaftsküchen für die Bewohner geplant.

Geflüchtete in Hamburg: Errichtung neuer Unterkünfte verzögert sich

Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hatte sich zuletzt besorgt darüber gezeigt, dass Angebote mit „Mondpreisen“ von Immobilien sowie teure Baumaterialien die Errichtung neuer Unterkünfte verzögere. Im Schnitt dauere diese 15 Wochen – doppelt so lang wie 2015. Gleichzeitig sei der Senat weiterhin „für jeden Immobilienvorschlag“ dankbar.