Hamburger Ehrenbürger

Udo Lindenbergs Stinkefinger und andere Proteste

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Peter Ulrich Meyer
Er macht sein Ding: Udo Lindenberg spricht mit Abgeordneten während der Rede des AfD-Vizefraktionschefs Alexander Wolf, der die Ehrung ablehnte.

Er macht sein Ding: Udo Lindenberg spricht mit Abgeordneten während der Rede des AfD-Vizefraktionschefs Alexander Wolf, der die Ehrung ablehnte.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Harte Kritik bei Helmut Schmidt und Rudolf Augstein: Bei Debatten um die Ehrenbürger gab es manche Peinlichkeit und etliche Proteste.

Hamburg.  Es wäre übertrieben zu sagen, dass es sich die Hamburger Politik, dass es sich Senat und Bürgerschaft mit dem Thema Ehrenbürgerwürde leicht machen würden. Häufig genug war das Gegenteil der Fall. Manche Peinlichkeit und etliche Proteste zeichnen die Debatten rund um die Auszeichnungen aus. Warum auch keine Kritik? Dass es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, wer Ehrenbürger werden soll und wer besser nicht, ist Teil der Streitkultur in einer Demokratie.

Manchmal ging es allerdings in der Bürgerschaft auch recht rustikal zur Sache – noch dazu in Gegenwart des oder der zu Ehrenden. Na gut, in der Regel waren es Männer. Die Verleihung der höchsten Ehrenbezeugung der alten Stadtrepublik an den Panikrocker Udo Lindenberg am Mittwoch dieser Woche war verglichen mit Scharmützeln und Schienbeintritten früherer Jahre trotz der mäkelnden AfD und ihrer vier Gegenstimmen eine rundum harmonische Veranstaltung.

Hamburger Ehrenbürger: Eklat bei Debatte über Helmut Schmidt

Da war zum Beispiel die Sache mit Helmut Schmidt. „Pfui!“, schallte es durch den Plenarsaal. So vermerkt es das Protokoll der Bürgerschaft vom 22. Dezember 1983. Doch der Ausruf des Missfallens des CDU-Abgeordneten Ove Franz galt nicht etwa dem wenige Monate zuvor gestürzten Ex-Bundeskanzler mit SPD-Parteibuch, sondern Thomas Ebermann, dem Fraktionschef der Grün-Alternativen Liste, wie die Grünen damals hießen.

Ebermann, ein Grüner der ersten Stunde, „Ökosozialist“ mit Vergangenheit beim Kommunistischen Bund und rhetorisch begabter Provokateur aus Leidenschaft, hatte sich am Realpolitiker Schmidt kräftig abgearbeitet und die durchaus weihevolle Feierstimmung etwas getrübt. An den anwesenden Ex-Kanzler, den „Macher“ und Helden der Flutkatastrophe von 1962 gewandt sagte er mit ironischem Unterton: „Es ist selbstverständlich, dass wir großes Verständnis dafür haben, dass die Herrschenden Ihnen die Würde zugutekommen lassen. Es ist ebenso selbstverständlich, dass wir uns diesem heuchlerischen Konsens entziehen.“ Darauf folgte der lautstarke Spontaneinsatz von Ove Franz.

Von neun Hamburger Ehrenbürgern zwischen 1948 und 1986 waren acht Sozialdemokraten

Ebermann hatte Schmidt, den Architekten des Nato-Doppelbeschlusses, als kalten Politik-Technokraten und Staatsmann skizziert. „Technokratischer Perfektionismus kann bei Naturkatastrophen wertvoll sein; in anderen Situationen lässt mich erschaudern, was als Tugend an Helmut Schmidt herausgestellt wurde“, sagte Ebermann. Er zitierte einen Weggefährten Schmidts, der auf die bemerkenswerte Fähigkeit zur Konzentration des Ex-Kanzlers hingewiesen hatte, der auch während der Entführung von Hanns Martin Schleyer durch RAF-Terroristen 1977 bei Mitteilungen an die Entführer die Interpunktion korrigiert habe.

„Welch grandiose Sekundärtugend, in der Situation der Schleyer-Entführung die Interpunktion nicht zu vernachlässigen, denn seine Primärtugend war auch hier die Staats­räson“, sagte Ebermann und meinte damit die Bereitschaft Schmidts, den Tod des Arbeitgeberpräsidenten in Kauf zu nehmen, damit sich der Staat nicht auf Dauer erpressbar mache.

Die Bürgerschaft beschloss gleichwohl mit der sehr großen Mehrheit von SPD und CDU, Schmidt zum Ehrenbürger zu ernennen, wie übrigens auch seine damals anwesende Frau Loki sehr viel später im Jahr 2009 – und zwar ganz ohne Dissens. Wer einen Blick auf die Liste der Ehrenbürger wirft, stellt über Dekaden eine erstaunliche Schlagseite fest: Von den neun Geehrten zwischen 1948 und 1986 waren acht Sozialdemokraten, ergänzt um die Theater-Prinzipalin Ida Ehre – die erste Frau überhaupt in der Geschichte Hamburger Ehrenbürger seit 1813.

Empörung, als SPD Herbert Wehner zum Ehrenbürger machen wollte

Die CDU schäumte und deren früherer Landesvorsitzender Jürgen Echternach sprach von einem „Selbstbedienungs­laden für altverdiente Genossen“. Die Daueropposition lehnte zahlreiche Ehrenbürgerwürden ab – auch 1960 die für den langjährigen Ersten Bürgermeister Max Brauer (SPD), nicht jedoch 1971 die Ehrung für seinen Nachnachfolger Herbert Weichmann (SPD). Besonders hoch schlugen die Wellen der Empörung, als die SPD 1986 den langjährigen SPD-Bundestagsfraktionschef Herbert Wehner zum Hamburger Ehrenbürger machen wollte.

Der damalige CDU-Bürgerschaftsfraktionschef und kürzlich gestorbene Hartmut Perschau meldete Zweifel an, schließlich sei Wehner „über lange Jahrzehnte ein stabiles Feindbild bürgerlicher Wählergruppen“ gewesen. Echternach nannte den Vorschlag einen „Skandal“, der „Zuchtmeister“ der SPD habe „Andersdenkende oft genug beschimpft“.

Hamburger Ehrenbürger: Ehrung für Rudolf Augstein ebenfalls umstritten

Die Bürgerschaft stimmte der Ehrung Wehners gegen die Stimmen der CDU gleichwohl zu. Als historische Forschung 2004 neue belastende Erkenntnisse über Wehners Rolle im Moskauer Exil während der Nazi-Diktatur lieferte, startete eine Gruppe von CDU-Abgeordneten um den heutigen Bürgerschaftsvizepräsidenten André Trepoll eine Initiative, die Ehrenbürgerwürde dem mittlerweile gestorbenen Wehner abzuerkennen. Der damalige Landesvorsitzende Dirk Fischer stoppte die Aktion parteiintern.

Nur einmal – 2016 – gab es seit 1945 in der Bürgerschaft einen Vorstoß zur Aberkennung der Würde. Die Grünen wollten dem einstigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Ehrung nehmen, nicht zuletzt, weil er als „Steigbügelhalter“ Adolf Hitlers gilt. Doch daraus wurde nichts. SPD, Grüne, CDU und Linke einigten sich stattdessen darauf, „ein Konzept zur Kontextualisierung zur Vergabe von Ehrenbürgerschaften“ zu erstellen.

Umstritten war auch die Ehrung für „Spiegel“-Gründer und -Herausgeber Rudolf Augstein 1993. Er habe zwar „ohne Zweifel journalistische Verdienste“, sagte der damalige CDU-Oppositionschef Ole von Beust. Ihn störten aber die mangelnden „Hamburg-Verdienste“ und dass „die zu Ehrenden zumeist aus der Kaste derjenigen stammen, die die Ehrung aussprechen“. Gegen die Stimmen von CDU und einigen Grünen wurde Augstein gleichwohl Ehrenbürger.

Uwe Seeler erster Sportler, der Hamburger Ehrenbürgerwürde erhielt

Von Beusts etwas böses Wort von der „Kaste“, der diejenigen entstammen, die geehrt werden, wie auch diejenigen, die die Ehrung vornehmen, sollte programmatisch sein. Denn als die CDU mit von Beust als Erstem Bürgermeister im Rathaus regierte, beschlossen Senat und Bürgerschaft mit dem Fußball-Idol Uwe Seeler einen „Mann des Volkes“ zum Ehrenbürger zu ernennen. Das Votum für den ersten Sportler überhaupt erfolgte am 26. November 2003 einstimmig.

Senat verstolperte Ehrung für Max Schmeling – peinlich

Bereits drei Jahre zuvor hatte sich der damalige Senat des Bürgermeisters Ortwin Runde (SPD) die größte Peinlichkeit im Zusammenhang mit der Ehrenbürgerwürde geleistet. Die Senatskanzlei lehnte Anfragen von Weggefährten Max Schmelings rundweg ab, die Box-Legende und den „Sportler des Jahrhunderts“ aus Anlass seines 95. Geburtstags am 28. September 2000 zum Ehrenbürger zu ernennen.

Gerade erst sei die „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff Ehrenbürgerin geworden, daher sei eine weitere Verleihung „nicht aktuell“. Peinlich war allerdings auch, dass kurz darauf bekannt wurde, dass der Schriftsteller Siegfried Lenz 2001 in den Ehrenstand erhoben werden sollte. Als der Von-Beust-Senat die Ehrung 2002 nachholen wollte, lehnte Schmeling ab.

Udo Lindenberg zeigte Stinkefinger – AfD fordert Entschuldigung

Etwas kleingeistig wirkte auch die Weigerung des Senats, die Holocaust-Überlebende und Friedens-Aktivistin Esther Bejerano, die seit 1960 in Hamburg lebte und 2021 starb, zur Ehrenbürgerin zu ernennen. Der frühere SPD-Landesvorsitzende Mathias Petersen hatte sich 2012 vergeblich beim damaligen Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und 2018 noch einmal für sie eingesetzt. Hinter vorgehaltener Hand hieß es nur, es gebe Bedenken wegen Bejeranos Mitgliedschaft in der DKP und der ihr nahestehenden Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), die auch als linksextremistisch gilt und vom Verfassungsschutz beobachtet wird, wenn auch „nur noch nachrangig“.

Die Misstöne bei der Ehrung Udo Lindenbergs halten sich verglichen mit früheren Auseinandersetzungen mithin durchaus in Grenzen. Nur die AfD-Fraktion fordert eine außerordentliche Sitzung des Ältestenrats der Bürgerschaft, weil Lindenberg dem AfD-Fraktionsvize Alexander Wolf während dessen Rede den „Stinkefinger“ gezeigt hatte, und eine Entschuldigung des Ehrenbürgers. Nur keine Panik!