Schule Hamburg

Rabe: Viele Viertklässler können höchstens Pixi-Buch lesen

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Peter Ulrich Meyer
Schulsenator Ties Rabe in der Hamburgischen Bürgerschaft. Seine Entwürfe sehen unter anderem eine stärkere Gewichtung der Klassenarbeiten und Klausuren vor.

Schulsenator Ties Rabe in der Hamburgischen Bürgerschaft. Seine Entwürfe sehen unter anderem eine stärkere Gewichtung der Klassenarbeiten und Klausuren vor.

Foto: Ha / Mark Sandten

Hamburgs Schulsenator verteidigt seine neuen Lehrpläne. Prüfungen sollen stärker gewichtet werden. Doch es gibt viel Kritik.

Hamburg. Die Diskussion über die Entwürfe für die neuen Bildungspläne aus dem Haus von Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat die Bürgerschaft erreicht. Nachdem Eltern, Schulleitungen und Gewerkschaften die stärkere Gewichtung schriftlicher Prüfungen und mehr Verbindlichkeit in den Lerninhalten kritisiert hatten, antwortete Schulsenator Ties Rabe (SPD) in der Debatte des Landesparlaments am Mittwochnachmittag auf seine Kritikerinnen und Kritiker.

„Wir werden uns nicht damit abfinden, dass Hamburger Schulabgänger in bundesweiten Vergleichen zwar aufgeholt haben, aber noch immer im Mittelfeld stecken. Wir werden uns nicht damit abfinden, dass zu viele Schülerinnen und Schüler bei Bewerbungsprüfungen an Rechtschreibtests scheitern oder im Studium abgehängt werden“, sagte Rabe. Rund 60 Prozent der jungen Menschen mit dem ersten und mittleren Schulabschluss fänden nach dem Schulabgang keinen Ausbildungsplatz. „Und wir werden uns nicht damit abfinden, dass 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler nach Klasse vier so schlecht lesen, dass sie gerade eben ein Pixi-Buch lesen können und an jedem Schulbuch scheitern“, sagte Rabe.

Bildung: Rabes Pläne gewichten Prüfungen schwerer

Es gehe in den neuen Bildungsplänen – die gültigen sind seit zehn Jahren in Kraft – unter anderem darum, erstmals die von der Kultusministerkonferenz vorgegebenen nationalen Bildungsstandards einzuarbeiten. „Erstmals wird verbindlich geregelt, welche Themen in allen Schulen im Unterricht aufgegriffen werden sollen“, sagte der Senator und fügte hinzu:. „Dazu werden wir ein Mindestmaß an Inhalten verankern. Wir sind es allen Schülerinnen und Schülern schuldig, Bildung auf Bundesliganiveau anzubieten.“

Ende März hatte Rabe in einem ersten Schritt die Bildungsplanentwürfe für die Grundschule, die gymnasiale Oberstufe und die Hauptfächer der Mittelstufe vorgelegt. Die Pläne sehen eine erhöhte Verbindlichkeit durch sogenannte Kerncurricula sowie eine stärkere Gewichtung der Klassenarbeiten und Klausuren vor.

Kritik der Eltern: „Inhaltlich völlig überfrachtet“

Zuletzt hatte die Elternkammer Rabe vorgeworfen, dass die Bildungspläne „inhaltlich völlig überfrachtet“ seien, und kritisiert, dass die verschärften Prüfungsanforderungen dazu führen würden, dass weniger Schüler die Abschlüsse schafften.

„Die schlimmen Ungerechtigkeiten beenden wir nicht, indem wir Klausuren weglassen, Leistungsstandards bekämpfen und uns bei bundesweiten Prüfungen wegmogeln. Dadurch wird alles nur noch schlimmer“, sagte Rabe. Wenn die Schule ihre Bildungsversprechen nicht einlöse, werden die Kinder der Eltern, die zum Beispiel nicht deutsch sprechen, die Leidtragenden sein. „Sie sind die Leidtragenden, wenn wir in ein Schulsystem zurückfallen, das unsere Kinder nicht auf die Anforderungen einer anspruchsvollen, hochkomplexen Leistungsgesellschaft mit anspruchsvollen Berufen und Studiengängen vorbereitet“, sagte der Senator.

Schulsenator Rabe: Leistung macht glücklich

Es mache Kindern große Freude, Neues zu lernen und die eigene Wissbegier und Neugierde zu entdecken. „Leistung mag anstrengend sein, aber sie macht auch glücklich“, sagte Rabe und brachte ein Beispiel aus seiner eigenen Schulzeit. „Ich war in der Grundschule schlecht im Fußball und wurde immer auf die Bank gesetzt. Das war bequem, einfach, und ich bekam keine blauen Flecken. Aber glücklich waren die Kinder, die herumtoben und sich weiterentwickeln konnten“, sagte der SPD-Politiker.

Ob die Einführung der Schülervergleichstests, des Hamburger Zentral­abiturs oder der bundesweit einheitlichen Prüfungselemente in den Hauptfächern Englisch, Mathematik und Deutsch – stets sei die stärkere Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit der Schülerleistungen gegen starke Widerstände durchgesetzt worden. Doch die Befürchtungen, dass nun mehr Schülerinnen und Schüler scheitern würden, hätten sich nicht bestätigt. „Und die Argumente von damals sind die gleichen, die jetzt gegen die neuen Bildungspläne angeführt werden“, sagte der Senator.

Kritik der Linken: Spaltung der Schülerschaft

„Wir haben Entwürfe vorgelegt. Es sind gute Entwürfe, aber nichts ist in Stein gemeißelt“, sagte Rabe. „Wir werden auf unsere Kritiker zugehen und kluge Vorschläge selbstverständlich aufnehmen, um die Entwürfe zu verbessern.“ In der Debatte ging Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus am härtesten mit Rabe ins Gericht. „Für die Bildungspläne, wie sie jetzt vorliegen, gibt es keinerlei Unterstützung in der Stadt. Ausnahmslos alle bildungspolitischen Akteure haben ihre deutliche Kritik formuliert“, sagte Boeddinghaus. Anstatt in die Zukunft zu weisen, schicke die Schulbehörde die Schüler in die Vergangenheit.

Die Entwürfe verschärften noch die Spaltung der Schülerschaft durch das Zwei-Säulen-System, das den Bildungserfolg an die Herkunft koppele. Die Schülerinnen und Schüler würden zudem „mit vergänglichem Faktenwissen überschüttet“. Boeddinghaus kritisierte, dass die Schulbehörde trotz der Pandemie am Zeitplan zur Erarbeitung der Bildungs­pläne festgehalten habe. „Rund 90 Lehrerinnen und Lehrer sind dafür abgestellt worden, die dringend an den Schulen gebraucht worden wären.“ Außerdem sei der Zeitraum für die Beteiligung von Kammern, Verbänden und weiteren Institutionen zu kurz. Einen Antrag der Linken mit der Forderung, den Prozess zu stoppen und die Bildungspläne völlig neu zu erarbeiten, lehnte die Mehrheit der Bürgerschaft ab.

Die Erarbeitung neuer, moderner Bildungspläne mit einem höheren Grad an verbindlichen Inhalten sind Teil des Hamburger Schulfriedens, auf den sich SPD, Grüne, CDU und FDP 2019 verständigt hatten. „Die Überarbeitung war längst überfällig. Dabei darf Hamburg keinen Sonderweg einschlagen, nationale Bildungsstandards müssen berücksichtigt werden“, sagte Birgit Stöver, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Allerdings solle der Grad der Verbindlichkeit der Unterrichtsinhalte in der Grundschule und der Sekundarstufe I höher sein als in der Oberstufe. Die CDU setzt sich dafür ein, dass moderne Formate der Prüfungen stärker zum Einsatz kommen. „Der eingeschlagene Weg muss weiterverfolgt und für Akzeptanz der Maßnahmen gesorgt werden, indem Verbesserungsansätze vor allem der Fachlehrerschaft eingearbeitet werden“, sagte Stöver.

„Wissensorientierte Bildungspläne, leistungsbetontere Prüfungen – das war und ist das Gebot der Stunde“, sagte Anna von Treuenfels-Frowein (FDP). Es sei nun überfällig, diese Ziele auch umzusetzen. „Wir dürfen nicht wieder in alte Gräben versinken und ideologische Debatten führen“, sagte die Liberale. „Es geht nicht um veralteten Lerndrill, sondern um ein fundiertes Grundwissen, das gelehrt und gelernt werden soll“, sagte der AfD-Fraktionsvize Alexander Wolf. Die Entwürfe enthielten auch langjährige Forderungen der AfD nach einer stärkeren Leistungsorientierung. „Wir wünschen der Schulbehörde Geduld und Beharrlichkeit, das zarte Pflänzchen in Realität umzusetzen“, sagte Wolf.

Schulleitungen und Elternräte fordern Abbruch

Unterdessen haben auch die Schulleitungen und die Elternräte der Stadtteilschulen die Bildungsplanentwürfe scharf kritisiert und einen Stopp des Prozesses gefordert. „Die Entwürfe sind mit verbindlichen Inhalten und vergänglichem ,Faktenwissen’ überfrachtet. Sie verengen die Prüfungsgestaltung auf rein schriftliche Prüfungen – sie verhindern eine zeitgemäße Prüfungs- und damit Lernkultur“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadtteilschulleiter in der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschulen (GGG).

„Wir fordern Senat, Bürgerschaft und Schulbehörde auf, einen neuen Prozess mit einem neuen Auftrag zur Erstellung von Bildungsplänen zu initiieren“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Der Auftrag müsse die Entwicklung von Bildungszielen beinhalten, die der Diversität der Gesellschaft und der Teilhabemöglichkeit aller Rechnung tragen. Auch die Gemeinschaft der Elternräte an Stadtteilschulen (GEST) fordert eine Anpassung des Auftrages für die Bildungspläne und eine zeitliche Streckung. „Wir sehen eine bildungspolitische ,Rolle rückwärts’ und das bisher positiv Erreichte gefährdet“, schreibt die GEST, die eine Steigerung des Leistungsdrucks und eine Dominanz der Stofforientierung befürchtet.