Corona Hamburg

Tschentscher gewährt Einblicke in diffizile Corona-Politik

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Bürgermeister Peter Tschentscher (M.) mit Mojib Latif (r.) und Ansgar Lohse  beim Symposium der Akademie der Wissenschaften.

Bürgermeister Peter Tschentscher (M.) mit Mojib Latif (r.) und Ansgar Lohse beim Symposium der Akademie der Wissenschaften.

Foto: Senatskanzlei Hamburg

Die Hotspot-Regelung läuft aus. 95 Prozent der Hamburger sind immunisiert. Und Tschentscher spricht ganz offen über seine Abwägung.

Hamburg. Zwei Jahre und zwei Monate hat die Corona-Pandemie Bürger und Politik im Griff gehabt, nun löst sich die Stadt aus der Umklammerung: Am heutigen Sonnabend läuft die Hotspot-Regelung in Hamburg aus, viele gesetzliche Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus wie die Maskenpflicht finden ein Ende. Da fügte es sich gut, dass die Akademie der Wissenschaft in Hamburg am Freitag und Sonnabend schon den Blick zurück auf die Pandemie wagt. Beim Symposium „Infektion und Gesellschaft – was haben wir gelernt?“ befassen sich Wissenschaftler und Politiker – darunter Peter Tschentscher – mit den Lernkurven aus dieser Zeit. Ebenfalls am Freitag luden Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) und Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg, zu einer Pressekonferenz.

Corona: 71 Prozent der Hamburger sind geboostert

„Wir nutzen die Verschnaufpause im Sommer, um uns auf den Herbst vorzubereiten“, sagte Leonhard. Hamburg befinde sich am Übergang zu einer neuen Phase der Pandemieeindämmung. Eine Phase, die von einer hohen Grundimmunisierung der Bevölkerung geprägt sei: 95 Prozent der Erwachsenen haben eine vollständige Impfserie erhalten, mehr als 71 Prozent eine Auffrischung. Zudem wurden mehr als 455.000 überstandene Corona-Infektionen erfasst. Angesichts der vielen symptomlosen Verläufe sei von einer hohen Dunkelziffer bei den Infektionen auszugehen. Mit einer bundeseinheitlichen Verkürzung der Isolation bei einer Corona-Erkrankung von sieben auf fünf Tage bis zum Freitesten sei im Laufe der kommenden Woche zu rechnen.

Leonhard betonte, es könne „keinen absoluten Schutz vor allen Risiken geben, weil dafür dauerhaft erhebliche Einschränkungen nötig wären. Wir leben daher nun mit viel weniger vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen“. Man sei aber vorbereitet, um auf mögliche Entwicklungen reagieren zu können. Sie persönlich werde weiterhin einen Mund- und Nasen-Schutz beim Einkaufen tragen, zumindest, solange die Infektionszahlen noch so hoch seien. Auch Emami appellierte: „Tragen Sie weiterhin eine Maske, und halten Sie Abstand, wenn Sie mit vielen Menschen zusammentreffen.“

Mobile Corona-Impfteams in Hamburg bleiben

Hamburg will weiterhin die mobilen Impfteams gezielt einsetzen, insbesondere in Einrichtungen mit Geflüchteten und älteren Menschen, die eine vierte Impfung benötigen. Um ein öffentliches Grundangebot vorzuhalten, gibt es ab dem 1. Mai zwei große Impfzentren im Norden und Süden der Stadt: im Terminal Tango am Flughafen und in den Harburg Arcaden. Bis zu 700 Impfungen seien hier möglich. Aktuell liege die Nachfrage deutlich darunter. Wichtig: Die Standorte könnten die Kapazitäten pro Woche sehr schnell auf mehr als 20.000 Impfungen ausweiten. Das könnte im Herbst interessant werden, falls neue Virusvarianten kommen, die Inzidenzen wieder steigen oder ein angepasster Impfstoff verfügbar sein sollte.

In den kommenden Wochen wird es, anders als erhofft, noch keinen modifizierten Biontech-Impfstoff geben. Die Stadt plant, im Sommer die „letzten Impflücken“ zu schließen. Zunächst bis Ende Juni sei das kostenlose Testangebot in mehr als 170 Hamburger Testzentren gesichert.

Das pandemische Geschehen will die Stadt künftig vor allem über das Monitoring der Praxen und Krankenhäuser im Blick behalten. Die 7-Tage-Inzidenz, zeitweise das Maß aller Dinge, soll nur noch flankierend in die Lageeinschätzung einfließen. Ab dem 1. Mai wird es kein tägliches Corona-Zahlen-Update mehr geben.

Corona: Tschentscher war sehr früh sehr viel klar

Zugleich zurück und nach vorn blickten die Teilnehmer auf dem Symposium der Akademie der Wissenschaft in der Patriotischen Gesellschaft. Eine der Leitfragen formulierte Prof. Ansgar Lohse: „Was haben wir aus den Erfahrungen der letzten zwei Jahre gelernt, um in Zukunft besser gerüstet zu sein?“ Eine Erkenntnis teilte er gleich mit seinen Zuhörern: „Es gibt keine Korrelation zwischen Schulschließungen und Übersterblichkeit“, sagte Lohse. Er kritisierte, dass die Interessen der Kinder in den vergangenen zwei Jahren zu kurz gekommen seien.

Der Klimaforscher Prof. Mojib Latif, Präsident der Akademie der Wissenschaften, warnte, die Zunahme der Krisen sei nur fächerübergreifend zu verstehen. „Die Lösung erfordert das Zusammenwirken von mehreren Fachdisziplinen.“ Dementsprechend kamen Virologen, Ökonomen, Historiker, Philosophen und Politiker in der Patriotischen Gesellschaft zu Wort. Bürgermeister Peter Tschentscher sagte in seinem Grußwort: „Das Symposium ist wichtig für die Auswertung der Pandemie und für ein besseres Management in Zukunft.“

Der SPD-Politiker gab einen persönlichen Blick in die Anfangszeit der Pandemie: „Mir war als Mediziner sehr früh klar, dass die Lage ernst ist – schon als ich die Nachrichten aus China bekam. Ich sagte damals intern: Wir müssen uns auf den Katastrophenfall vorbereiten.“ Rasch sei klar geworden, dass die hohe Zahl von Patienten das Gesundheitssystem gefährden würden. „Kein Land konnte es laufen lassen.“

Tschentscher erklärt seinen Corona-Kurs

Das Kernproblem sei gewesen, schnelle Entscheidungen auf einer unsicheren Datenlage zu treffen. „Wir wussten zu wenig, um gezielt Maßnahmen zu ergreifen. Deshalb gab es den Lockdown.“ Keiner habe beispielsweise gewusst, wie effizient Schulschließungen sich auswirken. Aber: „Die Folgen einer falschen Entscheidung sind erheblich. Keine Demokratie hält durch, wenn die kritische Infrastruktur zusammenbricht.“ So rückte die Pandemiebekämpfung an die erste Stelle.

Elementar sei eine angemessene Kommunikation gewesen: „Wir mussten Ernsthaftigkeit vermitteln, ohne Panik zu verbreiten“, sagte Tschentscher. Man benötigte in der Pandemie aber nicht nur gute Mediziner, sondern auch gute Juristen für die gerichtsfeste Ausgestaltung der Politik, die Verhältnismäßigkeit und Gleichbehandlung beachtet. „Wir haben fast alle Verfahren gewonnen“, sagte er in Hinblick auf die zahlreichen Klagen in der Stadt. „Unser Rechtsstaat ist stark genug, die Pandemie zu bekämpfen.“ Sein Resümee: „Insgesamt haben wir in Deutschland die Kurve bekommen.“ Er sagte aber auch: „Es war eine große politische Kraftanstrengung.“

Das Masken-Drama in Deutschland

Von der medizinischen Kraftanstrengung berichtete Prof. Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikum Frankfurt. Gerade die ersten Tage und Wochen waren dramatisch. „Plötzlich fehlten Masken und Schutzausrüstungen.“ Vor der Pandemie habe man zwei Cent pro Maske bezahlt, später ein Vielfaches. Das Land war unzureichend vorbereitet: „Die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hatte ihr Lager auf der Straße. Die Vorräte der Kliniken reichten nur für sieben bis 14 Tage.“

Für die Zukunft bedürfe es neuer Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen und der Definition von Zielen. Und noch etwas betonte Graf: „Krankheit ist arm. Die meisten Erkrankten kamen aus der niedrigsten Lohngruppe.“ Dass noch 119 Impfstoffe in der Entwicklung seien, sagte Prof. Marylyn Addo vom UKE. Sie setzten auf unterschiedliche Wirkweisen und innovative Konzepte. Das rasche Bereitstellen von inzwischen zwölf Corona-Vakzinen sei ein großartiger Erfolg, sagte die Virologin. Auch in Europa würden wahrscheinlich bald zu den fünf bereits verfügbaren neue Impfstoffe genehmigt.

Prof. Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Löffler-Instituts, warb für einen ganzheitlichen Ansatz One Health, der Mensch, Tier und Ökosysteme in den Blick nimmt. „Die Menschheit ist durchzogen von Pandemien: Es wird wieder passieren!“

Am heutigen Sonnabend wird die Konferenz fortgesetzt. Dabei werden unter anderem der renommierte Virologe Prof. Klaus Stöhr, die Ökonomin Prof. Veronika Grimm und der frühere Kulturstaatsminister Prof. Julian Nida-Rümelin referieren.