Stadtentwicklung

„Hamburg als das Tor zur Welt – leben wir das noch?“

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Peter Ulrich Meyer
Diskussion mit Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD): Nikolas Hill, Prof. Henning Vöpel, Michael Göring und Moderatorin Jana Werner (v. l.).

Diskussion mit Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD): Nikolas Hill, Prof. Henning Vöpel, Michael Göring und Moderatorin Jana Werner (v. l.).

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Es geht um die Zukunft der Stadt: Hamburg Konvent zieht Bilanz in der Factory Hammerbrooklyn – Tschentscher hat ein Ziel.

Hamburg.  Die Hamburger Verfassung weist der Stadt eine besondere Rolle in Deutschland zu und nimmt den Einzelnen in die Pflicht – nicht jeder oder jede weiß das. „Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ihr durch Geschichte und Lage zugewiesene Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen. Sie will im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein“, heißt es in der Präambel der Verfassung. Und auch dieser Satz steht da: „Jedermann hat die sittliche Pflicht, für das Wohl des Ganzen zu wirken.“

Aber wird die Stadt, werden wir alle diesem hochgesteckten Anspruch heute gerecht – gerade angesichts von Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Digitalisierung und der Globalisierung? Und weiter: Was will, was kann und was soll die Stadt? Was wollen die Menschen, die hier leben, die Hamburgerinnen und Hamburger?

Stadtentwicklung: Rege Beteiligung an Hamburg Konvent

Es sind keine kleinen Fragen, sondern es ist der große Bogen in die Zukunft, den zwei Hamburger schlagen wollen – beginnend mit einem Gastbeitrag im Abendblatt Anfang Januar 2020. Prof. Henning Vöpel, von 2014 bis Oktober 2021 Direktor des Hamburger WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und künftig Direktor am Centrum für Europäische Politik in Freiburg und Berlin, sowie Ex-Kultur- und Justizstaatsrat Nikolas Hill forderten damals die Zivilgesellschaft auf, über die künftige Entwicklung der Stadt zu debattieren, und regten einen Verfassungskonvent an.

Gut eineinhalb Jahre später sitzen rund 100 Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche im Forum der Factory Hammerbrooklyn am Oberhafen zwischen Deichtorhallen und Großmarkt. Es ist der Abschluss eines Diskussionsprozesses, der sich nun „Hamburg Konvent“ nennt und an dem sich mehr als Tausend Menschen beteiligt haben. Zahlreiche Interviews mit Experten aus Wirtschaft, Kultur, Stadtentwicklung und Politik sind gedruckt und gesendet worden. Zuletzt wurden in drei digitalen Workshops Thesen und Fragen zu den Aspekten „Stadt der Chancen, der Kulturen und der Verantwortung“ formuliert.

„Die Stadt kann mehr, als sie bislang gezeigt hat"

„Hamburg! Das ist mehr als ein Haufen Steine, unaussprechlich viel mehr!“, zitierte Moderatorin Jana Werner zu Beginn den Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert. Das war konsensfähig, auch wenn Hamburg heute anders als zu Borcherts Zeiten keine Trümmerlandschaft mehr ist, sondern eine prosperierende Stadt. Nur wie weiter? „Es stellt sich die Frage, ob wir eigentlich so gut aufgestellt sind, um uns zum Beispiel im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Und: Das Tor zur Welt – leben wir das noch?“, fragte Hill (selbst-)kritisch. Die Stadt dürfe aus Selbstgenügsamkeit nicht ihre Chancen verschlafen.

„Die Stadt kann mehr, als sie bislang gezeigt hat. Und es reicht nicht mehr abzuwarten“, fand auch Vöpel. Michael Göring, Vorstandsvorsitzender der „Zeit“- Stiftung, die den „Hamburg Konvent“ unterstützt, zog das Resümee der Debatten: „Es gab eine große Bereitschaft, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen und neu aufeinander zuzugehen.“

Tschentscher aus Berlin zugeschaltet

Als Adressat der Wünsche und Ideen des Konvents war Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) aus Berlin zugeschaltet, wo die Ampel-Koalitions-Verhandlungen anlaufen. Tschentscher, ganz politischer Profi, nahm den zugespielten Ball elegant auf und lenkte das Gespräch nach dem Motto „Machen wir doch schon!“ auf die eigenen Erfolge. Er sei beeindruckt von der Vielfalt der erarbeiteten Themen. „Mit vielen beschäftigen wir uns als Stadt und in der Politik“, sagte Tschentscher. Hamburg sei eine Stadt, die von Veränderung lebt.

„Wir müssen uns verändern, um attraktiv zu bleiben. Das ist das Erfolgs­rezept Hamburgs seit Jahrhunderten“, sagte der Bürgermeister. Dann kann ja nichts schiefgehen, mag da mancher gedacht haben … „Klimaschutz, Digitalisierung – an den Transformationsprozessen arbeiten wir seit Jahren“, setzte der Bürgermeister noch hinzu und formulierte dann seinerseits ein ambitioniertes Ziel: „Ich möchte erreichen, dass Hamburg die erste große Industriestadt Europas wird, die klimaneutral ist.“

Auch Bürgermeisterin Joanne Anderson war zugeschaltet

Aus Liverpool war Bürgermeisterin Joanne Anderson zugeschaltet. Die Stadt, die in den 1970er- und 1980er-Jahren einen dramatischen Niedergang mit hoher Arbeitslosigkeit erlitten hatte, erfand sich neu. Anderson präsentierte unter anderem das neue, auf einem Pier im Hafen errichtete Stadion des FC Everton.

Auf die Gretchenfrage von Moderatorin Werner, ob sich die Beatles auch heute noch in Liverpool zusammenfinden würden, sagte Anderson gut gelaunt: „Ja, wir haben eine Hochschule für darstellende Kunst und ein pulsierendes Musiksystem.“ Und auch Tschentscher hielt den Aufstieg der Gruppe zu Weltruhm, der in Hamburg seinen Ausgang nahm, hier auch heute noch für möglich. „Wir haben eine sehr aktive Clubszene. Das hat das Reeperbahn-Festival gerade gezeigt“, sagte der Bürgermeister.

Stadtentwicklung: Hill zieht positives Fazit

„Die Bürgerinnen und Bürger wollen sich für ihre Stadt engagieren, und es gibt viele Felder, in denen Hamburg noch besser werden kann“, zog Initiator Hill ein Fazit. „Der Erste Bürgermeister hat zugesagt, die Impulse aufzugreifen und in seiner Politik zu berücksichtigen. Nehmen wir ihn beim Wort und unterstützen ihn bei der Umsetzung.“

Wie es mit dem „Hamburg Konvent“ weitergeht, ist noch offen.