Bundestag

Jünger und weiblicher – Hamburgs Abgeordnete in Berlin

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Andreas Dey und Laura Kosanke
Emilia Fester zieht mit 23 Jahren in den Bundestag ein (Archivbild).

Emilia Fester zieht mit 23 Jahren in den Bundestag ein (Archivbild).

Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Wieder stellt die Hansestadt im Parlament 16 Abgeordnete. Doch diesmal gibt es einige Verschiebungen. Wer in den Bundestag einzieht.

Hamburg.  Die Gruppe der Hamburger Bundestagsabgeordneten wird deutlich jünger und weiblicher – aber sie wird nicht kleiner. Denn auch im neu gewählten Parlament stellt die Hansestadt wieder 16 Abgeordnete – exakt so viele wie in der vorherigen Wahlperiode. Während am Wahlabend nur zwölf bis 13 Mandate sicher waren, ergab erst die Berechnung der Ausgleichs- und Überhangmandate in der Nacht, dass der Bundestag auf 735 Abgeordnete anwachsen wird und damit auch für die Hansestadt noch einige Sitze hinzukommen.

Allerdings gibt es Verschiebungen: Während die SPD wie bislang auf fünf Abgeordnete kommt, konnten die Grünen vier statt bislang zwei Mandate erringen und die CDU nur noch drei statt vier. Die FDP stellt erneut zwei Abgeordnete, Die Linke hat eines ihrer zwei Mandate verloren und die AfD behält das eine, das sie bislang auch hatte.

Bundestag: Niels Annen trotz Niederlage mit dabei

Nutznießer der nächtlichen Rechnerei war unter anderem Niels Annen. Der langjährige SPD-Abgeordnete und Staatsminister im Außenministerium konnte trotz seiner Bekanntheit das Direktmandat im Wahlkreis Eimsbüttel nicht verteidigen. Dass er über den Platz zwei auf der SPD-Landesliste dennoch in den Bundestag einzog, erfuhr Annen erst Montagfrüh, als er zahlreiche SMS von Freunden und Mitstreitern erhielt. Er war am Wahlabend ins Bett gegangen in dem Glauben, dass er draußen sei, so der 48-Jährige: „Das war ein verrückter Wahlabend.“

Auf ähnlichem Umweg schaffte es auch Christoph de Vries noch nach Berlin. Der CDU-Politiker hatte am Sonntag um Mitternacht mit dem Kapitel schon abgeschlossen und mit einem Wiedereinzug nicht mehr gerechnet – auf das Direktmandat im Wahlkreis Hamburg-Mitte hatte er gegen SPD und Grüne ohnehin kaum eine Chance, und auch Platz drei auf der CDU-Landesliste schien angesichts des desaströsen Ergebnisses seiner Partei nicht mehr zu reichen.

Ria Schröder erstmals im Bundestag

Auch nach dem Aufwachen am Montag sah die Welt noch nicht anders aus. „Um 6 Uhr stand auf der Seite des Bundeswahlleiters noch nichts“, so de Vries. „Dann habe ich meinen kleinen Sohn gewaschen und angezogen, als mein Büroleiter mich anrief, um zu sagen, dass ich drin bin. Eine irre Geschichte“, erzählte der 46-Jährige, der bereits vor vier Jahren erst im letzten Augenblick das Ticket nach Berlin gelöst hatte.

Bei Ria Schröder (FDP) hatte sich dagegen schon am Wahlabend angedeutet, dass sie erstmals in den Bundestag einziehen würde. Seit dem Rückzug von Katja Suding aus der Politik bilden der neue FDP-Landesvorsitzende Michael Kruse (37) und seine Stellvertreterin Schröder das junge Führungsduo der Liberalen an der Elbe, und beide schafften es auf Anhieb über die Landesliste nach Berlin.

„Ich habe es geschafft“

Ganz sicher war sich die 29-Jährige des Mandats jedoch nicht, und so saß sie in der Nacht zum Montag noch bis viertel nach eins vor dem Computer und recherchierte Wahlergebnisse. Doch die Müdigkeit siegte, erzählte die Politikerin, als sie am Vormittag im Zug nach Berlin saß, wo sie an einer Sitzung des FDP-Bundesvorstands teilnehmen sollte.

Erst als um kurz vor sieben ihr Wecker klingelte, habe sie auf ihr Handy geschaut und gewusst: „Ich habe es geschafft.“ Jetzt habe sie „richtig große Lust“ auf große Veränderungen in der Bundespolitik. Ampel oder Jamaika? Schröder ist für beide Optionen offen.

Emilia Fester zieht mit 23 Jahren in den Bundestag ein

Ähnlich erging es Emilia „Milla“ Fester, die als Kandidatin der Grünen Jugend auf Listenplatz drei stand. Auch die 23-Jährige saß am Montagmorgen im Zug nach Berlin, weil sie eine Wohnung besichtigen wollte. Dass sie künftig an zwei Orten wohnen wird, erfuhr sie wie Ria Schröder erst nach dem Aufwachen, als sie gefühlt „eine Million Nachrichten“ auf dem Handy hatte. Fester befürwortet „eindeutig“ die Ampel-Koalition. „Armin Laschet sollte eine klare Absage bekommen. Wir brauchen jetzt eine positive Wende. Ich bin überzeugt, dass die CDU in die Opposition gehört.“

Bei der Linkspartei (Zaklin Nastic, 41) und der AfD (Bernd Baumann, 63) zogen mit den jeweiligen Spitzenkandidaten hingegen bekannte Gesichter erneut ins Parlament ein – wobei das für beide ebenfalls lange nicht sicher war. Auch er habe die Neuigkeit erst nach dem Aufstehen erfahren, sagte Baumann.

Kopf-an-Kopf-Rennen von Steffen und Annen

Einige Überraschungen gab es auch in den sechs Wahlkreisen. Dass zum Beispiel der frühere Justizsenator Till Steffen (48, Grüne) sich im tendenziell links-liberalen Eimsbüttel durchsetzen könnte, galt als möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Am Wahlabend lieferten Steffen und SPD-Platzhirsch Niels Annen sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das der Grüne am Ende mit 29,9 zu 29,6 Prozent hauchdünn für sich entschied.

Ähnlich spannend ging es in Altona zu, wo mit Linda Heitmann (39) ebenfalls die Grüne gegen den bisherigen Abgeordneten Matthias Bartke (62) von der SPD die Oberhand behielt – mit 29,6 zu 28,6 Prozent. Überraschend klar setzte sich die SPD-Kandidatin Dorothee Martin (43) in Hamburg-Nord durch.

Christoph Ploß rutschte auf Rang drei ab

Hatte hier vor vier Jahren noch der heutige CDU-Landeschef Christoph Ploß das einzige Direktmandat für seine Partei in Hamburg geholt, kam nun Martin mit 30,7 Prozent auf die meisten Erststimmen. Der 36 Jahre alte Ploß rutschte mit 23,8 Prozent sogar auf Rang drei ab, während sich mit Katharina Beck (39) die Spitzenkandidatin der Hamburger Grünen mit 25,7 Prozent auf Platz zwei schob. Ploß und Beck zogen aber über die Landeslisten ins Parlament ein.

Nicht ganz so spannend ging es in Hamburg-Mitte zu, wo der bisherige Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (47, SPD) seiner Favoritenrolle gerecht wurde und sich mit 33,2 zu 26,0 Prozent gegen Herausforderer Manuel Muja von den Grünen durchsetzte.

Bundestag: Hoppermann schafft es nach Berlin

Am klarsten waren die Verhältnisse in den Wahlkreisen Wandsbek und Bergedorf-Harburg: Mit der früheren Staatsministerin für Migration, Aydan Özoguz (54, SPD), setzte sich an der Wandse die Favoritin souverän durch: Mit 38,7 Prozent erhielt sie mehr Erststimmen als die Direktkandidierenden Franziska Hoppermann (CDU, 19,2) und Daniel Grimm (Grüne, 15,4) zusammen. Die 39 Jahre alte Hoppermann schaffte es aber über Platz zwei der CDU-Landesliste trotzdem erstmals nach Berlin.

Noch deutlicher als Özoguz siegte nur Metin Hakverdi: Der 52-Jährige, der die SPD seit 2013 im Bundestag vertritt, kam in Bergedorf-Harburg auf 39,3 Prozent der Erststimmen und hielt Uwe Schneider (CDU, 16,9 Prozent) und Manuel Sarrazin (15,5) deutlich auf Distanz. Für Sarrazin, der trotz seiner erst 39 Jahre die Hamburger Grünen schon seit 2008 in Berlin vertreten hatte, endet damit auch eine Ära.

( mit: pum, inga )