Corona Hamburg

Lehrerin: Quarantäne-Regel für Schulen "realitätsfern"

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Erkrankt ein Schüler in Hamburg an Corona, sollen zukünftig nur noch Sitznachbarn und enge Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt werden.

Erkrankt ein Schüler in Hamburg an Corona, sollen zukünftig nur noch Sitznachbarn und enge Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt werden.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Hamburg schickt nicht mehr ganze Klassen, sondern nur enge Kontaktpersonen nach Hause. Eine Grundschulleiterin hält davon nicht viel.

Hamburg.  Auch an Hamburger Schulen werden nicht mehr automatisch ganze Klassen in Quarantäne geschickt, wenn bei einem Kind das Coronavirus nachgewiesen wird. Schulsenator Ties Rabe (SPD) ist erleichtert: „Ich freue mich darüber, dass die praxisfremden Quarantäneregelungen des Robert-Koch-Instituts für die Schulen jetzt von der Gesundheitsministerkonferenz geändert wurden“, sagte er.

„Die vom Robert-Koch-Institut festgelegten pauschalen 14-tägigen Quarantänen für ganze Schulklassen ohne Freitestmöglichkeit waren im Vergleich zu anderen Lebensbereichen weit überzogen, weil die Krankheit bei Kindern und Jugendlichen milder und ungefährlicher verläuft als bei Erwachsenen“, so der SPD-Politiker.

Corona Hamburg: Schulen bekommen neue Quarantäne-Regel

Die Gesundheitsminister der Länder hatten sich am Montagabend mehrheitlich für einfachere Quarantäne-Regeln in Schulen ausgesprochen: Grundsätzlich soll bei einem Fall nicht mehr für die gesamte Klasse Quarantäne angeordnet werden, heißt in dem Beschluss. Kinder, die mit der oder dem Infizierten im engen Kontakt waren, aber selbst keine Symptome zeigen, müssen sich zwar zu Hause isolieren, können die Quarantäne aber nach (frühestens) fünf Tagen mit einem negativen Test beenden. „Im Interesse eines möglichst verlässlichen Schulunterrichts in Präsenz“ soll die Quarantäne, soweit infektiologisch vertretbar, „auf möglichst wenige Personen beschränkt werden“, so die Gesundheitsminister der Länder.

Hamburg werde diese Neuregelung „unverzüglich“ umsetzen, kündigte Senatssprecher Marcel Schweitzer an. Senator Rabe ist froh, dass „künftig wesentlich weniger Schülerinnen und Schüler in Quarantäne geschickt“ würden. Aus der Sozialbehörde hieß es, dass derzeit noch einige Details der Umsetzung mit den Gesundheitsämtern abgestimmt würden. Unklar sei etwa, ob zur Freitestung nach fünf Tagen Quarantäne ein Antigen-Test oder ein präziserer PCR-Test genutzt werden solle, sagte eine Sprecherin.

Wie laufen Corona-Tests in Quarantäne ab?

Auch werde derzeit geprüft, wie sich die Kinder testen lassen könnten, da sie ja in Isolation zu Hause sind und ein dort gemachter Selbsttest nicht ausreicht, um die Quarantäne zu beenden. Einigen Hamburger Kinderärzten gehen die beschlossenen Lockerungen nicht weit genug. Diese zielten vor allem auf Schulklassen. Tobias Heimann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderschutzmediziner, wirbt zusammen mit Kollegen eindringlich dafür, dass auch an Kitas nicht mehr ganze Kohorten nach Hause geschickt werden, wenn bei einem Kind das Virus nachgewiesen wird.

Der Beschluss der Gesundheitsminister sei an dieser Stelle schwammig. Tatsächlich heißt es hier, die Sicherstellung des Regelbetriebs an Kitas habe oberste Priorität. Auch hier werde es bei einem Infektionsfall Quarantäne nur mit Augenmaß unter Berücksichtigung der Belange der Kinder und Kitas geben. „Die Möglichkeit einer Freitestung nach frühestens fünf Tagen gilt auch für Kinder in Kinderbetreuungseinrichtungen.“

Kinderarzt Heimann fürchtet aber, dass weiterhin ganze Kita-Gruppen in Quarantäne geschickt würden, da es in den Kitas keine „festen Sitznachbarn“ gebe. Er und seine Kollegen plädieren dafür, nur das infizierte Kind in Quarantäne zu schicken und bei allen anderen genau zu prüfen, ob sie am entsprechenden Tag engen Kontakt hatten. Die Selbstisolation solle bei den Kleinen auch nicht mindestens, sondern höchstens fünf Tage dauern, so der Kindermediziner.

Ärzte gegen pauschale Quarantäne-Regelung

Auch die Delegiertenversammlung der Hamburger Ärztekammer beschloss am Montagabend eine Resolution, in der sie die Politik auffordert, die Belange von Familien und insbesondere von Kindern stärker zu berücksichtigen und gerade für Kita-Kinder differenziertere Quarantäne-Regeln zu finden. „Wir appellieren an die politischen Entscheidungsträger, insbesondere auch die Situation der kleineren Kinder in den Blick zu nehmen, vor allem in den Kitas. Kinder aus dieser Altersgruppe können sich an die Situation vor der Pandemie gar nicht oder kaum noch erinnern“, heißt es in der Resolution.

Die Ärzte wenden sich gegen die pauschale 14-Tage-Quarantäne. „Darüber hinaus müssen Kinder auch bei banalen Infekten teils wochenlang zu Hause bleiben.“ Ärztekammerpräsident Dr. Pedram Emami begrüßt die Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz: „Das geht in die richtige Richtung und ist ganz im Sinne unseres Beschlusses. Nun muss die neue Regelung auch in Hamburg zügig umgesetzt werden.“

Hamburger Lehrerin hält nichts von neuen Quarantäne-Regeln

Kritik kommt von einer Hamburger Grundschulleiterin: Gudrun Wolters-Vogeler nannte die Vereinbarung der Gesundheitsminister am Dienstag im RBB-Inforadio „realitätsfern“. Die Regeln basierten auf einem „völlig veralteten Schulbild“, sagte Wolters-Vogeler, Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbands Deutschland. „Sie gehen davon aus, dass die Schülerinnen und Schüler ständig an festen Plätzen arbeiten“, kritisierte sie. Das entspreche nicht moderner Pädagogik: In der Grundschule und der Sekundarstufe 1 gebe es relativ viel Partner- und Gruppenarbeit, so Wolters-Vogeler. Die Kinder hätten im Laufe eines Schultags enge Kontakte nicht nur zu immer denselben Schülern.