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Schülerzahlen: Hamburg zeigt "ungewöhnliche Entwicklung“

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Peter Ulrich Meyer
Der Anteil der Abiturienten ist in Hamburg leicht gesunken.

Der Anteil der Abiturienten ist in Hamburg leicht gesunken.

Foto: Fleig / Eibner-Pressefoto / picture alliance / Eibner-Pressefoto

In der Hansestadt gibt es so viele Schüler wie Anfang der 80er zuletzt. Das macht deutlich mehr Lehrer und Gebäude nötig.

Hamburg.  Schulsenator Ties Rabe (SPD), der schon einige Rekorde in seiner fast zehnjährigen Amtszeit vermelden konnte, sprach von einer „ungewöhnlichen Entwicklung“. Rabe meinte den seit Jahren ungebremsten Anstieg der Schülerzahlen, die nun erstmals wieder die Marke von 200.000 überschritten haben.

Im laufenden Schuljahr besuchen exakt 200.677 Schülerinnen und Schüler die staatlichen und nicht staatlichen allgemeinbildenden Schulen. Zuletzt waren es im Schuljahr 1982/83 mit 205.313 etwas mehr. Allein seit 2011 hat sich die Gesamtschülerzahl um 20.279 (plus 11,2 Prozent) erhöht. Der Zuwachs ist im Grundschulbereich mit 16 Prozent (9323 Schüler) dynamischer als in den höheren Klassen, am stärksten bei den Erstklässlern mit einem Plus von 17 Prozent.

Wachstum primär auf Geburten in der Stadt zurückzuführen

„Das ist der Hinweis darauf, dass das Wachstum nicht primär auf Zuwanderung aus Eutin, Plön, Dortmund, Neumünster, Kabul, Mossul oder Teheran, sondern auf Geburten in der Stadt zurückzuführen ist“, sagte Rabe. Eine Folge der Entwicklung sind der Neubau von insgesamt 44 Schulen, die in den kommenden zehn Jahren entstehen sollen, sowie die Erweiterung von 120 der 411 bestehenden Standorte.

Mit der Schülerzahl ist aber auch die Zahl der Lehrkräfte gewachsen. Aktuell weist die Statistik der Schulbehörde 18.840 Vollzeitstellen aus – 415 mehr als im vergangenen Schuljahr. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist die Zahl der Stellen für Lehrer, Sozialpädagogen und Erzieher sogar um 2950 gestiegen – ein Plus von 19 Prozent und damit überproportional zum Anstieg der Schülerzahlen. Hinzu kommen noch einmal 1800 zusätzliche Stellen bei den Trägern der Ganztagsangebote.

„Wir investieren nicht nur in die Quantität, sondern auch in die Qualität des Unterrichts“, sagte Rabe. Zusätzlich zum Ausgleich des Schülerwachstums sind die Klassen verkleinert worden. An Grundschulen in schwieriger sozialer Lage beträgt die durchschnittliche Klassengröße 18 Schüler, an den anderen Grundschulen sind es 22,1 Schüler. An Stadtteilschulen liegt die Klassengröße bei 23,8, an den Gymnasien bei 26,2.

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Die zusätzlichen Stellen für Lehrkräfte werden außerdem im Rahmen der schulischen Inklusion sowie beim Ausbau des Ganztagsschulangebots eingesetzt. Das freiwillige Angebot des schulischen Ganztags nutzen mittlerweile 86,2 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler an mindestens vier Tagen der Woche bis 15.30 Uhr (2014: 74,5 Prozent). Rabe nannte auch das eine „ungewöhnliche Entwicklung“.

Negativer Trend an den Berufsschulen in Hamburg

Aber es gibt auch negative Trends. Die Zahl der Schüler an den berufsbildenden Schulen ist weiter rückläufig: Derzeit besuchen 50.539 junge Menschen eine der 31 Berufsschulen. Vor einem Jahr waren es noch 51.891, vor zehn Jahren 58.185 Schülerinnen und Schüler – minus 13 Prozent. „Junge Menschen beginnen häufiger ein Studium und weniger eine Berufsausbildung. Lange war der Trend in Hamburg nicht so stark wie im Bundesgebiet, aber jetzt spüren wir ihn auch“, sagte Rabe. Die Zahl der Schüler in dualer Ausbildung ist im Vergleich zum Vorjahr um 1266 auf 39.579 gesunken (minus drei Prozent).

Gestiegen ist die Zahl der Schulabgänger, die keinen Abschluss erlangt haben. Waren es im Schuljahr 2018/19 noch 978 Jungen und Mädchen, so stieg die Zahl im vergangenen Schuljahr auf 1119. Die sogenannte Abbrecherquote stieg von 5,9 auf 6,7 Prozent. „Das ist ein unerfreulicher Wert“, sagte Rabe, der die Entwicklung auch auf die Corona-Krise zurückführte. „Uns berichten Schulleiter und Lehrer, dass bei etlichen Schülern die Schulschließungen eine Rolle gespielt haben“, sagte der Schulsenator. Die Unterstützung durch die Familien habe dann nicht ausgereicht.

Abiturquote im vergangenen Schuljahr leicht gesunken

„Wir geben uns damit nicht zufrieden und lassen die jungen Menschen nicht allein“, sagte Rabe. Etwa der Hälfte der Schulabgänger gelinge es, im zweiten Anlauf an einer Berufsschule doch noch den Hauptschulabschluss zu erlangen.

Die Abiturquote ist im vergangenen Schuljahr leicht von 53,4 Prozent auf 52,7 Prozent gesunken. Rabe wies darauf hin, dass Hamburg damit dennoch bundesweit mit an der Spitze liege. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist in den Klassen eins bis zehn auf 51,4 Prozent gestiegen (Vorjahr: 51,0 Prozent). Ebenfalls gestiegen ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, deren Familiensprache nicht Deutsch ist: von 27,5 auf 28,1 Prozent. „Diese Schüler sprechen Deutsch, aber ihre Eltern vielleicht nicht oder nicht so gut. Sie haben es dann nicht leicht in der Pandemie mit der elterlichen Hilfe“, sagte Rabe.

Pandemie: Förderprogramm für benachteiligte Schüler

Deutlich geringer ist die Zahl der Schulformwechsler vom Gymnasium auf die Stadtteilschule nach Klasse sechs: Nach 955 Jungen und Mädchen 2019 waren es 2020 nur 827. Rabe führt das darauf zurück, dass sich Lehrer wegen der schwierigen Corona-Situation im Zweifel für den Verbleib des Schülers auf dem Gymnasium entschieden haben.

Der Schulsenator kündigte Bestrebungen der Kultusminister der Länder an, gemeinsam mit dem Bund ein Förderprogramm für durch die Pandemie benachteiligte Schüler aufzulegen, um Lerndefizite aufzuholen. „Rabe sollte seine eigenen Hausaufgaben machen, anstatt lauthals nach dem Bund zu rufen“, sagte Birgit Stöver, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion.

„Die Auswirkungen der Corona-Krise verstärken die Bildungsungleichheit. Die Zahl der jungen Menschen ohne Abschluss ist gestiegen. Die Schulen benötigen sofort mehr Ressourcen für individuelle Förderung und Begleitung der Schüler“, sagte Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus.

AfD-Fraktionschef Alexander Wolf sieht wegen des zum Teil sehr hohen Anteils der Schüler mit Migrationshintergrund an Schulen sowie des gestiegenen Anteils der Schüler mit nicht deutscher Familiensprache „Sprache als Schlüssel für Bildung und Integration in Gefahr“.