Hamburg 2020

Peter Tschentscher gewinnt – FDP und AfD zittern sich rein

Wahlsieger 2020 in Hamburg: Peter Tschentscher und seine Frau Eva-Maria auf der Wahlparty der SPD.

Wahlsieger 2020 in Hamburg: Peter Tschentscher und seine Frau Eva-Maria auf der Wahlparty der SPD.

Foto: Marcelo Hernandez

Die SPD kann weiterregieren, die Grünen verdoppeln ihr Ergebnis. Bei der FDP hing die Fünf-Prozent-Hürde an wenigen Stimmen.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher hat sich mit der SPD bei der Bürgerschaftswahl 2020 vom negativen Bundestrend der Partei abgesetzt. Die Sozialdemokraten verteidigten mit 39,0 Prozent (2015: 45,6) ihre Stellung als stärkste Kraft in der Hansestadt. Die Grünen erzielten mit Spitzenkandidatin Katharina Fegebank etwa 24,2 Prozent (12,3) – ihr bislang bestes Hamburger Ergebnis.

Die CDU kam demnach mit einem Rekordtief von 11,2 Prozent (15,9) auf den dritten Platz, gefolgt von der Linkspartei mit 9,1 Prozent (8,5). Eine Zitterpartie bis zur Auszählung des letzten Wahllokals musste die FDP durchmachen. Erst um exakt 23.10 Uhr – nach Bekanntgabe der Ergebnisse aus allen 1884 Urnen- und Briefwahlbezirken – konnten auch die Hamburger Liberalen jubeln: Mit 120 Stimmen mehr schafften sie es knapp über die 5-Prozent-Hürde und damit in die Hamburger Bürgerschaft.

Betrachtet werden wegen des komplizierten Hamburger Wahlrechts zunächst nur die Landeslisten zur Ermittlung der Fraktionsstärke. Ob sich dieses Bild wegen der Heilungsregel, also der Korrektur einzelner eigentlich ungültiger Stimmzettel, noch ändert, wird erst im Laufe des Montags klar.

Verfolgen Sie hier die wichtigsten Hochrechnungen, Reaktionen und Hintergründe zur Hamburg-Wahl 2020.

Amtliche Hochrechnung: AfD und FDP sind drin

Dass sich die SPD gefolgt von den Grünen bei der Bürgerschaftswahl klar abgesetzt hat, daran hat sich auch mit den Hochrechnungen bis zum amtlichen Endergebnis nicht mehr viel geändert. Bei der AfD und der FDP sah das jedoch bis zum letzten Moment anders aus. Beide Parteien mussten zunächst um den Einzug in die Bürgerschaft zittern.

Während die FDP es nach den ersten Prognosen des Instituts Infratest dimap mit 5 Prozent knapp geschafft hätte, bewegte sich die AfD zunächst bei Werten zwischen 4,7 und 4,9 Prozent – und wäre damit erstmals in ihrer Parteigeschichte aus einem Landesparlament geflogen. Im Gegensatz zu den Prognosen, die auf sogenannten Exit Polls (also Befragungen in den Wahllokalen) basieren, sind die amtlichen Hochrechnungen auf Basis der tatsächlichen Stimmen zu einem anderen Ergebnis gekommen:

Klaus von Dohnanyi mit markiger Analyse

Dohnanyi: Froh, dass es keine Unterstützung aus Berlin gab

Exakt um 23.10 Uhr waren laut dem Statistikamt-Nord mit 1884 alle Urnen- und Briefwahlbezirke ausgezählt. Betrachtet werden wegen des komplizierten Hamburger Wahlrechts zunächst nur die Landeslisten zur Ermittlung der Fraktionsstärke. Demnach ist die AfD mit 5,3 Prozent erneut in der Bürgerschaft vertreten. Nach einer langen Zitterpartie schaffte es mit den letzten ausgezählten Stimmen laut Statistikamt-Nord auch die FDP mit 5 Prozent ins Landesparlament.

  SPD Grüne CDU Die Linke AfD FDP Andere
Hochrechnungen 2020
lt. Statistikamt (21.17 Uhr)
39,0 % 24,2 % 11,2 % 9,1 % 5,3 % 5,0 % 6,1 %
Ergebnisse 2015 45,6 % 12,3 % 15,9 % 8,5 % 6,1 % 7,4 % 4,2 %

Melanie Leonhard: SPD kann jetzt viel selbstbewusster sein

AfD-Gründer Bernd Lucke über die Wahl

Der Hamburger Wirtschafts-Professor und AfD-Gründer Bernd Lucke freut sich über die mutmaßliche Schlappe seiner früheren Partei bei der Bürgerschaftswahl. „Dass die AfD so schlecht abgeschnitten hat, finde ich sehr erfreulich“, sagte Lucke dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Die schrecklichen Morde von Hanau wurden zum Mahnmal dafür, dass man mit Fremdenfeindlichkeit nicht Politik machen darf.“ Lucke trat 2015 aus der AfD aus.

36 Prozent der Erstwähler stimmten für die Grünen

Die Erstwähler haben bei der Bürgerschaftswahl am Sonntag eine klare Präferenz gezeigt: 36 Prozent ihrer Stimmen gehen auf das Konto der Grünen, wie eine Auswertung des Instituts Infratest dimap für die ARD ergab. Auf Platz zwei folgt die SPD mit 24 Prozent, die Linke erhält 13 Prozent. Für die FDP votieren demnach immerhin sieben Prozent der Erstwähler – deutlich mehr als die Partei insgesamt laut Hochrechnungen erhält.

Die CDU kommt bei den Erstwählern nur auf sechs Prozent der Stimmen, die AfD verbucht lediglich zwei Prozent der Stimmanteile, wie aus der Altersgruppenumfrage weiter hervorgeht. Zur Bürgerschaftswahl in Hamburg waren alle Staatsbürger im Alter ab 16 Jahren zugelassen. Die Hansestadt hatte das Wahlalter bereits 2013 gesenkt, um Jugendliche stärker an der Politik zu beteiligen.

Kultursenator Brosda: Tschentscher ist Ausnahmepolitiker

Tschentscher will zunächst mit Grünen sondieren

Peter Tschentscher: Wir machen auch der CDU ein Angebot

Nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg ist für Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition naheliegend. „Wir haben immer gesagt, dass Rot-Grün die naheliegende Option ist – das gilt auch jetzt. Wir werden als erstes auch mit den Grünen sprechen, sondieren“, sagte Tschentscher am Sonntagabend im ZDF. Rot-Grün habe erfolgreiche Arbeit gemacht. „Wir werden aber auch – wenn sich die Mehrheiten so bestätigen – auf die CDU zugehen, ein Gespräch führen.“ Die Wähler hätten entschieden, dass es diese beiden Optionen gebe.

André Trepoll (CDU): Rot-Schwarz wäre in Hamburg ein Fehler

Die Grünen-Bürgermeisterkandidatin Katharina Fegebank sprach sich ebenfalls für eine Fortführung der Zusammenarbeit aus. „Wir haben eine sehr erfolgreiche Koalition gehabt die letzten fünf Jahre. Und ich sehe nicht, warum das nicht wieder funktionieren sollte mit einem deutlich stärkeren Votum für die Grünen“, sagte Fegebank.

Weinberg (CDU): „Wir stehen bereit zu Gesprächen“

Für die CDU, mit der die SPD theoretisch auch regieren könnte, sagte Spitzenkandidat Marcus Weinberg, dass die Partei eine Zusammenarbeit mit der SPD nicht ausschließe: „Wir stehen bereit zu Gesprächen.“

CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg
CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg

Die Sozialdemokraten kommen nach einer ersten Hochrechnung der ARD auf 37,6 Prozent der Stimmen. Die Grünen können ihr Ergebnis demnach auf 25,4 Prozent mehr als verdoppeln. Die CDU stürzt auf 11,4 Prozent, das ist ihr bundesweit schlechtestes Landtagswahlergebnis seit fast 70 Jahren. Die AfD muss mit 4,7 Prozent, die FDP mit 5,0 Prozent um den Wiedereinzug in die Bürgerschaft bangen.

André Trepoll (CDU): Wir hätten viel mutiger sein müssen

"Peter, das ist dein Applaus": Tschentscher siegt

Peter Tschentscher hat sich hocherfreut über den sich abzeichnenden Ausgang der Bürgerschaftswahl gezeigt. „Was für ein großartiger Abend“, sagte Tschentscher am Sonntagabend auf der Wahlparty der SPD in Hamburg.

Als sich die Sozialdemokraten vor zwei Jahren nach dem Weggang des damaligen Bürgermeisters Olaf Scholz als Bundesfinanzminister nach Berlin neu aufgestellt hätten, sei das alles nicht selbstverständlich gewesen. Die Hamburger SPD bleibe die führende, bestimmende Kraft in der Hansestadt, sagte Tschentscher. Hamburgs SPD-Chefin Melanie Leonhard dankte Tschentscher für dessen Wahlkampf. „Peter, das ist dein Applaus“, sagte sie bei der SPD-Wahlparty.

Tjarks (Grüne): Fortsetzung der Koalition wahrscheinlich

Anjes Tjarks spricht von einem sensationellen Ergebnis für seine Partei und sieht eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition als sehr wahrscheinlich. „Das ist ein klarer Auftrag an uns“. Über die CDU als möglichen Koalitionspartner sagt der Grünen-Politiker: „Es gibt keinen Regierungsauftrag für die CDU.“ Dass die AfD aus der Bürgerschaft fliegen könnte, bezeichnet Tjarks als „späte Genugtuung für unsere Politik.“

Anjes Tjarks: Auftrag für die Grünen – nicht für die CDU

„Jetzt wird gefeiert“ – Jubel bei Grünen-Wahlparty

Große Freude bei Hamburgs Grünen: Bei einer Wahlparty haben Hunderte Unterstützer von Spitzenkandidatin Katharina Fegebank die Prognose bejubelt. Als die ARD-Zahl 25,5 Prozent am Sonntagabend auf der Leinwand eingeblendet wurde, gab es Riesenapplaus im „Knust“. Demnach wären die Grünen in der Hansestadt zweitstärkste Kraft.

„Das ist sensationell“, sagte Fegebank, Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin. Sie dankte allen Unterstützern und rief: „Jetzt wird gefeiert.“ Bliebe es bei diesem Ergebnis, hätten die Grünen ihr Ergebnis im Vergleich zur Bürgerschaftswahl 2015, als 12,3 Prozent erreicht wurden, mehr als verdoppelt.

Katharina Fegebank: Hamburg will starke Grüne im Senat

Corny Littmann spricht von "Quittung für Thüringen"

Kulturmacher Corny Littmann kommentiert die Wahl knapp und pointiert: „Eine Wahl, zwei Sieger und die Quittung für Thüringen. Also fast alles beim Alten – gut für Hamburg!“

AfD-Spitzenkandidat Nockemann sieht „Ausgrenzungskampagne“

AfD-Spitzenkandidat Dirk Nockemann hat nach dem wahrscheinlichen Ausscheiden seiner Partei aus der Hamburgischen Bürgerschaft vom „Ergebnis einer maximalen Ausgrenzungskampagne“ gesprochen. Die ganze Zeit habe die AfD konstant bei etwa 7 Prozent gelegen, nach Thüringen sei es dann aber runter gegangen, sagte Nockemann am Sonntag im NDR. Er betonte aber, dass es sich nur um eine Prognose handle. Er sei noch zuversichtlich. Die AfD lag in den Prognosen von ARD und ZDF zwischen 4,7 und 4,8 Prozent. Bei der Wahl 2015 hatte die AfD 6,1 Prozent erreicht.

CDU: „Hanseatisch suboptimal – auf Deutsch: grottenschlecht“

Der christdemokratische Hamburger Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse sagte in der ARD zum Abschneiden der CDU und Spitzenkandidat Marcus Weinberg: „Hanseatisch ausgedrückt ist das Ergebnis für die CDU suboptimal. Auf Deutsch heißt das: grottenschlecht.“

Christoph Ploß (CDU): So können wir nicht weitermachen

Anna von Treuenfels: Thüringen „schwerwiegende Hypothek“

FDP-Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels hat die Ereignisse in Thüringen als schwere Hypothek für ihren Wahlkampf ausgemacht. „Die Schwierigkeiten lagen für uns natürlich daran, dass wir hier ein Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Bürgermeisterkandidaten hatten, die die kleineren Parteien einfach schon ein bisschen an die Seite gedrängt haben und dann – wie bekannt – kam natürlich Thüringen hinzu. Und das war für uns eine schwerwiegende Hypothek“, sagte sie am Sonntag im NDR-Fernsehen.

Da seien zwei Ereignisse zusammengekommen, die sehr schwierig für die FDP gewesen seien. Die FDP muss nach Prognosen von ARD und ZDF mit einem Wahlergebnis um die 5 Prozent um den Einzug in die Bürgerschaft zittern.

Die besten Bilder zur Bürgerschaftswahl 2020

Wahlbeteiligung lag bei etwa 62 Prozent

In Hamburg waren rund 1,3 Millionen Wahlberechtigte bis 18 Uhr aufgerufen, über die Vergabe der 121 Sitze im Parlament zu entscheiden. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 62 Prozent – nach 56,5 beim letzten Mal.

Ex-Bürgermeister Scholz "super glücklich"

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erhofft sich vom überraschend guten Ergebnis der SPD bei der Bürgerschaftswahl einen Push auch für die SPD im Bund. Er sei „super glücklich“ über das Ergebnis der Hamburger SPD, sagte Scholz am Sonntagabend nach den Wahlen.

Die Hamburger SPD mache das „sehr gut“, sei es bei gebührenfreien Kitas, beim sozialen Wohnungsbau oder einer pragmatischen Wirtschaftspolitik. Rot-Grün sollte weitermachen, machte Scholz seine Präferenz deutlich. Allerdings entscheide das die Hamburger SPD. Rot-Grün habe hohes Ansehen bei den Bürgern. Dies dürfte Priorität bei den Verhandlungen haben.

Jubel im Newsroom: Norbert Aust mit Abendblatt-Chef Haider

Suding macht Thüringen mit verantwortlich für FDP-Zitterpartie

Hamburgs FDP-Landeschefin Katja Suding hat unter anderem die Vorgänge in Thüringen verantwortlich gemacht für das schwache Abschneiden ihrer Partei. Zuerst habe die FDP wie die CDU das Problem gehabt, im Wettrennen zwischen SPD und Grünen aufgerieben zu werden und unterzugehen.

„Und dann kam Thüringen dazu. Wir kennen ja auch schon erste Zahlen, die zeigen, dass das für unsere Wähler durchaus eine Bedeutung gehabt hat. Deswegen war es ganz wichtig, dass wir uns hier in Hamburg auch ganz klar distanziert haben von den Vorgängen in Thüringen“, sagte Suding am Sonntag im NDR. Die FDP muss nach Prognosen von ARD und ZDF mit einem Wahlergebnis um die 5 Prozent um den Einzug in die Bürgerschaft zittern.

Katja Suding (FDP): Dieser Wahlkampf war völlig verrückt

Tschentscher gewinnt die Wahl – AfD wäre raus

Auf der SPD-Wahlparty brach um kurz nach 18 Uhr der Jubel aus: Aus der Bürgerschaftswahl in Hamburg ist die SPD von Regierungschef Peter Tschentscher laut einer ARD-Prognose am Sonntag mit Abstand als stärkste Kraft hervorgegangen. Die Sozialdemokraten landeten laut den ersten Zahlen des Instituts Infratest dimap mit 37,5 Prozent vor den mitregierenden Grünen von Vizeregierungschefin Katharina Fegebank, die 25,5 Prozent erreichten.

Die CDU kam demnach mit einem Rekordtief von 11,5 Prozent auf den dritten Platz, gefolgt von der Linkspartei mit 9,0 Prozent. Die FDP wäre mit 5 Prozent gerade so in der Bürgerschaft vertreten, die AfD aktuell mit 4,7 Prozent dagegen draußen.

SPD CDU Grüne Linke FDP AfD Andere
37,5 % 11,5 % 25,5 % 9,0 % 5,0 % 4,7 % 6,8 %

Das waren die Ergebnisse bei der Bürgerschaftswahl 2015: SPD 45,6 Prozent, CDU 15,9, Grüne 12,3, Linke 8,5, FDP 7,4, AfD 6,1.

SPD kann mit 51 Mandaten in der Bürgerschaft rechnen

Die SPD kann mit 51 der 121 Mandate in der neuen Bürgerschaft rechnen. Die Grünen konnten ihr Ergebnis im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren in etwa verdoppeln: Mit ihrer Spitzenkandidatin Katharina Fegebank erzielten sie mit 25,5 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis in dem Stadtstaat. Damit könnten sie 35 Mandate im Parlament bekommen. Die abgeschlagene CDU kann demnach 15 oder 16 Mandate bekommen.

AfD und FDP müssen um den Wiedereinzug in der Bürgerschaft zittern: Sollte die AfD an der Fünfprozenthürde scheitern, wäre es das erste Mal, dass die Partei den Wiedereinzug in ein Landesparlament verpasst. Ob die FDP erneut in der Bürgerschaft vertreten sein wird, ist noch offen.

Die Linkspartei wird sicher wieder in der neuen Bürgerschaft vertreten sein – die Prognosen sehen sie bei 9,0 Prozent bis 9,5 Prozent. Dies entspricht zwölf oder 13 Mandaten in der künftigen Bürgerschaft.

Sabine Boeddinghaus: Als Erstes Untersuchung zu Cum Ex

Hamburger Polizei sperrt AfD-Zentrale ab

Die Hamburger Polizei hat am Sonntagnachmittag die AfD-Zentrale in der Schmiedestraße abgesperrt. Etwa 80 Beamte stehen vor der Geschäftsstelle. Der Antifa-Infopool hat am Wahlsonntag via Twitter eine Demonstration vor dem Büro in der Innenstadt angekündigt. Bereits nach dem rassistisch motivierten Anschlag in Hanau mit elf Toten hatten 3200 Menschen laut Polizei vor der Parteizentrale gegen rechten Terror demonstriert.

Matthias Iken durfte zweimal wählen

Der 23. Februar wurde ein besonderer Wahlsonntag: Endlich durfte ich zweimal wählen, ein Privileg, das sonst nur besondere Chefredakteure genießen. Allerdings zählten meine zweite Stimme nur die Meinungsforscher – in meinem Othmarscher Wahllokal lud Infratest-Dimap zur Nachwahlbefragung an, um Glockenschlag 18 Uhr das Ergebnis der Wahl zu prognostizieren.

Der Wahlzettel, dargereicht auf einem blauen Klemmbrett, war allerdings deutlich schlanker gehalten. Statt des waldfressenden und zeitschriftdicken Hamburger Stimmzettels wurde nur ein loses Blatt gereicht. Links waren sämtliche Parteien aufgelistet mit der Möglichkeit, bis zu fünf Stimmen zu panaschieren und zu kumulieren. Links wurde es persönlich: Dort baten die Demoskopen um Angaben zur Person. Wir Wähler wurden um Angaben zum Geschlecht, zum Alter und zum höchsten Bildungsabschluss gebeten. Und während wir uns stehend durch die Fragen kämpften, wunderten wir uns über die wenig geheime Nach-Wahl. Immerhin weiß ich jetzt, was meine Frau gewählt hat.

Hamburg 2020: Wahlbeteiligung höher als 2015

 

Wahlbeteiligung 2020 (inklusive 20,8 % Briefwahlbeteiligung)

Wahlbeteiligung
Bürgerschaftswahl 2015

11 Uhr

29,6 %

24,2 %

14 Uhr

46,4 %

38,5 %

16 Uhr

57,0 %

---

17 Uhr

---

52,3 %

Bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg dürfte die Wahlbeteiligung im Vergleich zur Wahl 2015 deutlich höher ausfallen. Wie das Landeswahlamt mitteilte, gaben 57 Prozent der gut 1,3 Millionen Wahlberechtigten am Sonntag bis 16 Uhr ihre Stimmen ab. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 hatten eine Stunde später, um 17 Uhr, erst 52,3 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Damals hatte die Beteiligung mit 56,5 Prozent den niedrigsten Wert der Nachrkiegsgeschichte markiert. Dieser Wert wurde nun also schon zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale übertroffen.

Schon am Vormittag hatte sich angedeutet, dass mehr Menschen ihre Stimmen abgeben könnten. Um 11 Uhr lag die Wahlbeteiligung bei 29,6 Prozent und damit höher als 2015 mit 24,2 Prozent.

So wird die vorläufige Wahlbeteiligung ermittelt

Für die Wahlbeteiligung werden in 12 Wahllokalen die eingenommenen Wahlbenachrichtigungen jeweils zum Stichzeitpunkt gezählt. Die Anzahl wird in das Verhältnis zu der Anzahl der Wahlberechtigten in den jeweiligen Wahllokalen gesetzt. Für die Briefwahlbeteiligung wird ein Rücklauf von 90 Prozent der ausgegebenen gültigen Briefunterlagen angenommen.

Wählen auf St. Pauli: Graffiti und Grote

Auch der Kiez trifft seine Wahl: Die Türen des Wahllokals im Gymnasium an der Wohlwillstraße sind graffitiverziert, ein junger Mann mit Pudelmütze und "FCK AFD"-Pulli kommt heraus und kauft am Kiosk gegenüber ein Oettinger-Pils. Auf St. Pauli hat schon die CDU einen schweren Stand und knackt bei Wahlen selten die Fünf-Prozent-Hürde. Nach dem Anschlag von Hanau hoffen viele Kiezbewohner, dass die AfD nun hamburgweit abgestraft wird.

"Das wäre natürlich ein guter Tag für uns alle" sagt eine junge Wählerin, die ihren Namen nicht nennen will. "Wenn man ehrlich ist, wird man die Menschen, die anderswo AfD wählen, damit zwar auch nicht überzeugen". Es sei dennoch eine besondere Wahl für die Hamburger. Gegen 15 Uhr gaben auch Innensenator Andy Grote (SPD) und seine Ehefrau ihre Stimme an der Wohlwillstraße ab. Er werde am Abend mit dem Landeswahlleiter über den Wahlablauf sprechen, sagte Grote.

44 Jugendliche sind heute 16 Jahre alt geworden

Exakt 1.317.603 Personen – das sind 18.192 mehr als vor fünf Jahren – sind bei der Bürgerschaftswahl 2020 wahlberechtigt. 689.631 oder gut 52 Prozent von ihnen sind weiblich. 71.404 Wahlberechtigte sind jünger als 21 und dürfen somit erstmals die Bürgerschaft wählen. Unter ihnen sind 27.114 Jugendliche, die 16 oder 17 Jahre alt sind. Übrigens: 44 Jugendliche sind am Wahltag 16 Jahre alt geworden.

Bezirksamtsleiterin fährt im E-Auto zu Altonas Wahllokalen

Wahlhelferinnen und Wahlhelfer in Altona bekommen mit Glück noch eine süße Belohnung: Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg hat den Wahlsonntag nicht nur zur Abgabe ihres Stimmzettels genutzt. Sie fährt (im Elektroauto) durch die Wahllokale und belohnt alle Helfer mit Leckerein.

Fridays for Future: Luisa Neubauer ruft zur Wahl auf

Was brachte der Protest von Greta Thunberg und Zehntausenden Hamburgern am Freitag (Fridays for Future) für die Wahl? Während die AfD von einer Beeinflussung der Ergebnisse zwei Tage vor dem Urnengang sprach, erklärten FFF-Aktivisten, der Protest mit der prominentesten Klimaaktivistin weltweit sei kein Aufruf, die Grünen zu wählen. In Hamburg schlossen sich unter anderem Spitzenkandidatin Katharina Fegebank sowie der Unternehmer Frank Otto der Demo an.

Das deutsche Gesicht der Bewegung, die Hamburger Klimaaktivistin Luisa Neubauer, verband am Sonntag ein Video der Demonstration mit einem Wahlaufruf: "Hamburg, heute Klima wählen UND Faschisten verhindern", schreibt sie auf Instagram.

Spitzenkandidaten haben ihre Stimmen abgegeben

Die Spitzenkandidaten von SPD, Grünen, CDU, Die Linke und FDP gingen bereits an die Urnen. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) wählte in Barmbek-Nord, seine Stellvertreterin Katharina Fegebank (Grüne) kam mit ihrem Lebensgefährten Mathias Wolff und ihren beiden Zwillingen nach der Stimmabgabe für die Bürgerschaftswahl aus einem Wahllokal in Barmbek-Süd. CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg stimmte in Bahrenfeld ab. FDP-Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels wählte in der Schule Humboldtstraße. Auch Linke-Spitzenkandidatin Cansu Özdemir hat am Mittag ihre Stimme abgegeben.

Eimsbüttel: Bisher auffällig viele junge Wähler

Im Wahllokal in Eimsbüttel am Eidelstedter Weg geht es am späten Vormittag noch gemächlich zu. "Ein Ansturm an Wählern ist das bislang absolut nicht", sagt einer der Wahlhelfer. Das liege aber wohl nicht (nur) am Schietwetter. "Aus der Erfahrung kommt die große Masse erst zwischen 17 und 18 Uhr, schön kurz vor knapp".

Unter denjenigen, die schon gewählt haben, seien aber auffällig viele junge Leute. "Da scheint schon ein größeres Interesse da zu sein als früher". Bislang gebe es keine Rückfragen dazu, wie die Wahlhefte auszufüllen sind. "Man hat sich wohl an das System mit den 10 Stimmen gewöhnt".

Aline (29), Recruiterin und Patrick (33), Anwalt, haben ihre Stimmen am Mittag abgegeben: "Natürlich steht die Wahl auch etwas im Zeichen der Ereignisse von Hanau, aber es ist einfach immer wichtig, dass man zur Wahl geht." Beide halten es für denkbar, dass die AfD aus der Bürgerschaft heraus gewählt wird.

Linken-Kandidat posiert mit Nazi-Banner

Tom Radtke, Bürgerschaftskandidat der Linken, hat für den nächsten Skandal gesorgt. Diesmal posierte der 18-Jährige mit einem Nazi-Banner in einer Gedenkstätte. Gegen Radtke läuft aktuell ein Partei-Ausschlussverfahren, nachdem er den Holocaust mit dem Klimawandel verglichen hat.

Hamburger Wahl von Hanau beeinflusst

Wegen der Morde in Hanau hatten alle Parteien ihre Wahlkampfveranstaltungen in den letzten Tagen abgesagt. Vor dem Rathaus versammelten sich Bürgermeister Peter Tschentscher und Herausforderin Katharina Fegebank mit den Oppositionspolitikern Anna Treuenfels, Marcus Weinberg, Cansu Özdemir und vielen anderen. Und weil sie gerade in Hamburg waren und nichts mehr zu tun hatten, schlossen sich auch die Bundespolitiker Malu Dreyer (SPD), Katja Suding (FDP) und Robert Habeck (Grüne) dem Gedenken an.

Özdemir beliebter als Treuenfels und Weinberg

Die Linken-Spitzenfrau Cansu Özdemir ist unter den Topleuten der Hamburger Parteien die drittbeliebteste nach Peter Tschentscher und Katharina Fegebank. Nach einer NDR-Umfrage liegt sie damit vor Anna von Treuenfels und Marcus Weinberg.

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Hamburger Bürgerschaftswahl 2020 hat begonnen

Die Bürgerschaftswahl hat begonnen. Um 8 Uhr öffneten die 1283 Wahllokale in der Hansestadt. Wahlberechtigt sind gut 1,3 Millionen Hamburger ab 16 Jahren. Mehr als 300.000 von ihnen beantragten Briefwahlunterlagen. Nach seinem Kenntnisstand sei am Sonntag alles plangemäß angelaufen, sagte Landeswahlleiter Oliver Rudolf eine halbe Stunde nach Öffnung der Wahllokale.

Die Kleinen: Hat Volt genug Power?

Wer oder was ist eigentlich Volt? Die kleine Partei bekam schon bei der Europa-Wahl 2019 1,2 Prozent. Es ist augenscheinlich eine grün angehauchte Partei, die sich die drei P auf die Fahne geschrieben hat: paneuropäisch, progressiv, pragmatisch. Bei der Wahl 2015 hatten die Piraten 1,6 Prozent der Stimmen als größte der kleinen Parteien geholt. Die Sonstigen kamen zusammen auf 2,6 Prozent.

Bürgerschaftswahl 2020: Das sind die wichtigsten Themen

Zu den wichtigsten Themen der Hamburger Bürgerschaftswahl 2020 zählen die Verkehrspolitik mit den Schwerpunkten auf Fahrrad- und Autoverkehr sowie dem Ausbau von U- und S-Bahnen, das immer teurer werdende Bauen und Wohnen in der Stadt sowie die Klimaschutz-Pläne und ihre Folgen.

Die ersten Prognosen und Trends zu den Ergebnissen wird es hier ab 18 Uhr bei abendblatt.de geben, dazu Hochrechnungen, die Verteilung der Stimmen auf die Wahllokale, Stimmen und Video-Interviews mit Politikern sowie Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur. Das vorläufige amtliche Endergebnis nach Zweitstimmen könnte gegen 23 Uhr vorliegen.

Entscheiden die Gutverdiener die Wahl? Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) sagte im Abendblatt: „Es kann doch nicht sein, dass diejenigen, die Zeit und Geld haben, letztlich über die Politik in Hamburg bestimmen.“

Veit hatte sich insbesondere an Menschen in „sogenannten ärmeren Stadtteilen“ gewandt und an sie appelliert, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Zoff zwischen Tschentscher und Kerstan

Kann Umweltsenator Jens Kerstan dem nächsten Senat noch angehören? Nach Abendblatt-Informationen ist das Tischtuch zwischen Bürgermeister Peter Tschentscher und dem provokanten Grünen quasi zerrissen. Doch die Grünen dürften nach allen Umfragen an Stimmen zulegen und in einer neuen Koalition mehr Senatorenposten bekommen und nicht weniger. Ob sie sich auf einen Kuhhandel einlassen, wenn die SPD fordert, dass Kerstan abgelöst wird? Und wie kann man das dem amtierenden Umweltsenator beibringen?

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