Wahltagebuch Teil 18

Aufbruch im Hinterzimmer: Volt macht die Politik der drei P

Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl 2020 in Hamburg Altona: Die Partei Volt mit Mira Alexander und Patrick Fischer

Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl 2020 in Hamburg Altona: Die Partei Volt mit Mira Alexander und Patrick Fischer

Foto: Imago / Chris Emil Janßen

Die vielleicht interessanteste Neugründung seit den Grünen. Volt strebt in die Bürgerschaft und setzt auf europäische Vorbilder.

Eimsbüttel. Der erste Eindruck kann täuschen: Im Wintergarten der Studentenkneipe Roxie an der Rentzelstraße sitzen mehr als ein Dutzend junger Männer, die Bedienung aber serviert einen Ingwer-Tee, eine Minztee, Eistee, eine Fanta. Ein Treffen der Guttempler oder der Kirchenjugend? Dann kommen die frischgezapften Biere – und auch die lila Fahne hinter dem Bildschirm verrät, dass es hier um Politik geht: Am Mittwochabend trifft sich Volt, die jüngste Neugründung – und vielleicht die interessanteste seit den Grünen.

Volt versteht sich nicht nur als Partei, sondern als Bewegung, agiert nicht nur national, sondern paneuropäisch. Was 2017 in einem New Yorker Restaurant begann, soll den Kontinent verändern: Drei Studierende aus Italien, Frankreich und Deutschland hatten die Idee. Inzwischen zählen sie 50.000 Unterstützer in ganz Europa. Bei der Europa-Wahl kam Volt in Hamburg aus dem Stand auf 1,2 Prozent. Nun gibt es hier den ersten Landesverband.

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Volt: Der Herrenabend wird aufgebrochen

Zum Meet & Greet – bei Volt mag man Anglizismen – sind 13 Gäste gekommen – ausnahmslos Männer. Mit der 27-jährigen Spitzenkandidatin Mira Alexander und der Kandidatin Tilla Lingenberg wird der Herrenabend aufgebrochen.

Patrick Fischer, Nummer 2 auf der Landesliste, und Mira Alexander führen durch das Programm. Beide sind seit Mai 2019 bei Volt. Eine Stunde dauert ihre Präsentation, immer wieder unterbrochen von Fragen, danach wechseln die Kandidaten von Tisch zu Tisch. „Hamburg hat ähnliche Probleme wie Kopenhagen, Wien oder Barcelona. Wir wollen über den Stadtrand blicken, wie diese Metropolen ihre Probleme lösen“, sagt Fischer.

Volt Hamburg – klingt grün...

In der Verkehrspolitik ist auch für Volt Kopenhagen das Vorbild: Mehr Fahrradverkehr, mehr Nahverkehr, günstigere Tickets, eine sozial gestaffelte Citymaut und höhe Parkgebühren. Das klingt grün. In der Wohnungsbaupolitik ist Wien beispielhaft – mehr bezahlbarer Wohnraum, mehr Genossenschaften, mehr Wohneigentum.

Verstaatlichungen lehnt Volt ab. Die Vorschläge zum Hafen klingen etwas grün – Volt strebt eine Umweltallianz mit den Mitbewerbern in Rotterdam und Antwerpen an. Offen, kurzweilig und kompetent ist die Debatte. Und manche programmatische Leerstelle wird mit Enthusiasmus gefüllt.

Die Politik der drei P

Ein Thema ist die Verortung der Partei. Sind Volt die neue Grünen? „Nein“, sagt Fischer. „Wir sind ideologiefern.“ Die Kampagne setzt auf drei P: Paneuropäisch, progressiv, pragmatisch.

Insgesamt 6000 Plakate hat Volt mit Unterstützern aus dem In- und Ausland in Hamburg aufgestellt. Auch wenn viele vom Winde verweht wurden, liegt darin eine Hoffnung der Partei. „Mit 300 Plakaten haben wir 1,2 Prozent geholt – dann muss mit 6000 doch mehr drin sein“, sagt Fischer.

Das Doppelte wäre ein Erfolg, fünf Prozent ein Traum. Meinungsforscher aber taxieren die Sonstigen derzeit nur bei rund fünf Prozent – für insgesamt neun Parteien von der Aktion Partei für Tierschutz über die unernste Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative bis zu Volt.

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