Neue Radverkehrsstrategie

Fahrradstadt Hamburg: Grüne wollen grüne Welle für Radler

Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill (l.) und Fraktionschef Anjes Tjarks sind begeisterte Radfahrer. Am Donnerstag stellten die Hamburger Grünen ihre „Radverkehrsstrategie 2030“ vor.

Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill (l.) und Fraktionschef Anjes Tjarks sind begeisterte Radfahrer. Am Donnerstag stellten die Hamburger Grünen ihre „Radverkehrsstrategie 2030“ vor.

Foto: Grüne Bürgerschaftsfraktion/David Kappenberg

Grüne stellen "Radverkehrsstrategie 2030" vor, mit dem der Fahrradanteil am Stadtverkehr verdoppelt werden soll. Die genauen Pläne.

Hamburg. Die Grünen wollen den Radverkehr in Hamburg in der nächsten Wahlperiode deutlich stärker, schneller und anders ausbauen als bisher. Nach ihrer am Donnerstag vorgelegten „Radverkehrsstrategie 2030“ sollen künftig 100 Kilometer Radwege pro Jahr gebaut oder restauriert werden. Im rot-grünen Koalitionsvertrag von 2015 waren noch 50 Kilometer Neubau pro Jahr vorgesehen.

Die von der SPD verantwortete Verkehrsbehörde hatte in den vergangenen fünf Jahren nicht einmal dieses Ziel auch nur annähernd erreicht, wie das Abendblatt am Donnerstag exklusiv berichtete. Auf die Frage, wie man dann nun sogar das Doppelte schaffen wolle, wies Grünen-Bürgermeister-Kandidatin Katharina Fegebank bei der Präsentation des Radfahrkonzepts darauf hin, dass die Ziele bei der Straßensanierung von der Verkehrsbehörde sogar übererfüllt worden seien - das zeige, dass es darauf ankomme, wie man die Prioritäten setze. Die Grünen wollten nun künftig analog zu den Straßen auch für Rad- und Fußwege ein Erhaltungsmanagement einführen, um marode Strecken schnell zu identifizieren und sanieren zu können.

Grüne wollen Anteil des Radverkehrs verdoppeln

„Die Fahrradstadt ist der zentrale Schlüssel für das Gelingen der Verkehrswende in Hamburg“, sagte Fegebank bei der Vorstellung des grünen Konzepts am Donnerstag. Ziel der Grünen ist es demnach, den Anteil des Radverkehrs am Verkehrsaufkommen („Modal Split“) von zuletzt 15 auf 25 bis 30 Prozent im Jahr 2030 zu erhöhen.

Zwischen 2008 und 2017 sei das Verkehrsaufkommen in Hamburg um 37 Prozent gewachsen – von 52,6 auf 70 Millionen Personenkilometer pro Tag. Da das Rad pro transportierter Person deutlich weniger Platz brauche, sei eine Stärkung des Radverkehrs elementar, so die Grünen. Denn der Platz in der Stadt sei trotz des wachsenden Verkehrs begrenzt. Die zentralen Vorteile des Radverkehrs seien deutlich, so Fegebank. Er diene dem Klimaschutz, der Gesundheitsförderung, Radwege seien schnell und vergleichsweise kostengünstig zu errichten – und der Radverkehr schaffe „Synergien mit der lebenswerten Stadt“.

Grüne-Welle-Technik für Radfahrer geplant

Nach ihrem nun vorgelegten Konzept planen die Grünen unter anderem, ein „Fahrrad-Komfortnetz“ aufzubauen, in dem lange Strecken ohne Stopps gefahren werden können. Schließlich sei stoppen und wieder anfahren mit Muskelkraft anstrengender als für Autos. Weitgehend stoppfreie Routen sollen etwa dadurch ermöglicht werden, dass elektronische Hinweise an den Strecken angebracht werden, die den Radfahrern anzeigen, in welcher Geschwindigkeit sie fahren müssen, um die nächste Ampel bei Grün zu erreichen.

Anders als bisher wollen die Grünen auch für mehr geschützte Fahrradstreifen sorgen – die Radstrecken also baulich vom Autoverkehr abtrennen, wie es auch die CDU immer wieder gefordert hatte. Dafür sollen sogenannte „Buffered Bike Lanes“ mit einem Mindestabstand zum Autoverkehr eingeführt werden. Dabei soll eine Optimierung des Radverkehrs in „zeitlich begrenzten Verkehrsversuchen“ erprobt werden. Als mögliche Strecke für einen solchen Verkehrsversuch haben sich die Grünen den Straßenzug Sierichstraße–Herbert-Weichmann-Straße ausgeguckt, auf dem zweimal täglich die Fahrtrichtung für Autos gewechselt wird.

Grüne für mehr Fahrrad-Parkplätze

Auf dieser wichtigen zweispurigen Verbindungsachse von Eppendorf und Winterhude in die Innenstadt ist bisher praktisch kein Platz für sicheren Radverkehr. Die Grünen wollen auf dieser Strecke nun für einen solchen Verkehrsversuch eine der Spuren für eine geschützte Radstrecke reservieren, so dass für den Autoverkehr nur eine Fahrbahn übrigbleiben würde. So könne man herausfinden, wie sich dies auf Rad- und Autoverkehr auswirke. Eine andere Möglichkeit ist es aus Sicht der Grünen, nach dem Vorbild Kopenhagens die Radwege leicht gegenüber dem Straßenniveau zu erhöhen.

Ein weiterer Kernpunkt des Grünen-Konzepts ist die Schaffung von „besseren und sicheren Abstellmöglichkeiten“. Es sei ein Hauptproblem, dass es kaum Fahrrad-Parkplätze in Wohnquartieren gebe. Dass die Bewohner dort ihre Räder meist umständlich in den Keller oder in die Wohnungen tragen müssten, schrecke viele von der Nutzung des Rades im Alltag ab, sagte Grünen-Fraktionschef Anjes Tjarks dem Abendblatt. Deswegen sei es wichtig, vor den Wohnhäusern in den innerstädtischen Vierteln praktische und möglichst überdachte Anlagen zum Anschließen der Räder zu errichten. Damit seien nicht die bisher hier und da genutzten kleinen Fahrradhäuschen gemeint.

Bessere und systematische Beschilderung des Velorouten

Radfahren müsse insgesamt „einfacher, schneller, bequemer und sicherer“ werden, so das Ziel der Grünen. Dabei gehe es neben dem Ausbau von Wegen und Parkmöglichkeiten auch um Details. So solle das Radfahren ruckelfrei möglich werden, in dem man statt der bisher oft genutzten Steine beim Radwegebau überall auf Asphalt zurückgreife.

Das Abbiegen müsse durch eigene Abbiegespuren einfacher werden und das Parken von Autos in Kreuzungsbereichen müsse etwa durch Blumenkübel verhindert werden – weil sonst abbiegenden Autofahrern die Sicht genommen und damit das Leben von kreuzenden Radfahrern gefährdet werde. Wichtig sei auch der bereits geplante Bau von Radschnellwegen ins Umland und die bessere und systematische Beschilderung des Velorouten.

14 Velorouten führen in die City

  • Route 1: City–Altona–Othmarschen–Blankenese–Rissen
  • Route 2: City–Eimsbüttel–Stellingen–Eidelstedt
  • Route 3: City–Rotherbaum/Uni–Niendorf
  • Route 4: City–Harvestehude–Winterhude–Alsterdorf–Fuhlsbüttel–Langenhorn
  • Route 5: City–Uhlenhorst–Barmbek–Bramfeld–Poppenbüttel–Duvenstedt
  • Route 6: City–Hohenfelde–Dulsberg–Farmsen–Berne–Volksdorf
  • Route 7: City–St. Georg–Eilbek–Wandsbek-Markt–Jenfeld–Rahlstedt
  • Route 8: City–Borgfelde–Hamm–Billstedt–Bergedorf
  • Route 9: City–Hammerbrook–Rothenburgsort–Moorfleet–Allermöhe–Bergedorf
  • Route 10: City–HafenCity–Veddel–Wilhelmsburg–Harburg–Neugraben
  • Route 11: City–Alter Elbtunnel–Wilhelmsburg–Harburg–TU Hamburg
  • Route 12: City–St. Pauli-Landungsbrücken–Altona
  • Route 13: Innere Ringroute: Altona–Eimsbüttel–Winterhude–Barmbek–Eilbek–Hamm
  • Route 14: Äußere Ringroute: Othmarschen–Schnelsen–Niendorf–Poppenbüttel–Billstedt

Radverkehrsstrategie – 70 Millionen Euro pro Jahr

Ein weiteres Anliegen der Grünen: Das Netz an Stadtrad-Stationen müsse weiter verdichtet werden. Die nächste Verleihstelle solle möglichst nicht weiter als 300 Meter entfernt liegen, sagte Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill. Zusätzlich zu den jetzt geplanten 350 Stationen müssten dazu rund 150 weitere kommen. Lastenfahrräder sollen auch künftig gefördert werden, damit immer mehr Hamburger auch ihre Einkäufe mit dem Rad erledigen.

Auch zu den Kosten ihrer Vorhaben sagten die Grünen etwas. Von derzeit rund 32 Millionen Euro wolle man die Ausgaben auf rund 70 Millionen Euro pro Jahr steigern, so Bill. Man sei derzeit in Hamburg bei Ausgaben von rund elf Euro pro Kopf für den Radverkehr – und wolle nach dem Vorbild anderer Fahrradstädte auf 40 Euro pro Einwohner kommen.

Vier Faktoren, die Hamburger vom Radfahren abhalten

In der Sinus-Studie von Hamburg Tourismus hätten 81 Prozent der Hamburger angegeben, dass Radfahren Spaß mache, betonten die Grünen. 73 Prozent waren demnach der Ansicht, mehr Radverkehr verbessere die Lebensqualität in Hamburg, und 72 Prozent sagten, sie seien gerne mit dem Rad in der Stadt unterwegs.

Auf die Frage, was sie vom Radfahren abhalte, gab es vier wesentliche Antworten: schlechtes Wetter (63 Prozent der Befragten), Gefährdung durch andere Verkehrsteilnehmer (53), Infrastruktur-Defizite (52) und fehlende sichere Abstellmöglichkeiten (50 Prozent). Am Wetter könne man nun mal nichts ändern, so die Grünen. An den anderen drei Faktoren aber schon. Und das wolle man nun auch tun.