Hamburg

Nach finnischem Vorbild: Haus der digitalen Welt für Hamburg

Die neue Zentralbibliothek Oodi in Helsinki dient als Vorbild für das Hamburger „Haus der digitalen Welt“.

Die neue Zentralbibliothek Oodi in Helsinki dient als Vorbild für das Hamburger „Haus der digitalen Welt“.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ismo Pekkarinen / picture alliance/dpa

SPD plant mit dem neuen Begegnungsort zahlreiche Angebote für Jung und Alt. Vorbild ist die beliebte Bibliothek Oodi in Helsinki.

Hamburg.  Zuletzt wurde der SPD von der Opposition bisweilen vorgeworfen, sie habe keine Visionen für Hamburg. Dem wollen die Genossen nun offenbar etwas Großes entgegensetzen – und planen ein Projekt, das SPD-Kultursenator Carsten Brosda als „Elbphilharmonie der Digitalisierung“ bezeichnet und dessen Kosten auf jeden Fall deutlich in den dreistelligen Millionenbereich gehen werden.

In einem „Haus der digitalen Welt“ sollen künftig nicht nur die Zentralbibliothek und die Volkshochschule untergebracht werden. An diesem „bundesweit einzigartigen Ort“ soll auch für alle Bürger die „Digitalisierung erlebbar werden“, hieß es etwas unkonkret bereits im SPD-Wahlprogramm für die Bürgerschaftswahl am 23. Februar. Jetzt hat Kultursenator Carsten Brosda im Gespräch mit dem Abendblatt Details des Vorhabens erläutert.

Bibiliothek nach finnischem Vorbild

Vorbild für das neue Leuchtturmprojekt der SPD soll demnach die Ende 2018 eröffnete neue Zentralbibliothek Oodi im finnischen Helsinki sein. Die ist nicht nur architektonisch beeindruckend – sie hat sich auch zu einem sehr beliebten Aufenthaltsort für Jung und Alt entwickelt. Es gibt dort nicht nur Bücher, sondern auch Cafés, „Co-Working-Spaces“ (digital ausgestattete Gemeinschaftsbüros), Tablet-Computer zum Ausleihen, 3-D-Drucker, Elektronik- und Bastel-Labore, einen Raum mit Dutzenden frei nutzbaren Nähmaschinen und Lernräume für Schüler und Studierende. Hier treffen sich die Bürger der Stadt nicht nur zum Lernen oder Lesen, sondern auch zum sozialen Austausch, zu Veranstaltungen oder schlicht zum gemütlichen gemeinsamen Stricken. Binnen kürzester Zeit ist die Oodi zu einem der beliebtesten Treffpunkte Helsinkis geworden.

„So etwas wollen wir in Hamburg auch schaffen“, sagt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda dem Abendblatt: „Einen Ort, an dem eine Stadtgesellschaft die Digitalisierung und ihre Möglichkeiten selbst nutzt, an dem sie spricht, lernt und gemeinsam arbeitet.“ Als weitere mögliche Vorbilder für das Hamburger Projekt nennt der Senator außerdem das Dokk1 im dänischen Aarhus und die Hunters Point Library in New York.

Zentralbibliothek als Lebensort

„Die Menschen nutzen Bibliotheken auch in Hamburg mittlerweile anders“, sagt Brosda. „Während sie sich früher oft nur fünf oder zehn Minuten dort aufgehalten haben, sind es heute in der Zen-tralbibliothek oft mehr als zwei Stunden. Hier trifft man sich, hier wird gemeinsam fürs Abi gelernt oder sich ausgetauscht. Die Zentralbibliothek ist mittlerweile ein sehr belebter Ort geworden, deswegen hat man bereits ein Viertel des Bücherbestandes herausgenommen, um mehr Platz für die Besucher und für viele neue digitale Angebote zu schaffen.“

Diesem Trend soll auch das „Haus der digitalen Welt“ Rechnung tragen. Hier soll es neben Büchersälen, Arbeitsräumen und Veranstaltungen auch digitale Angebote geben, die den Bürgern die Digitalisierung nicht nur bei der Arbeit oder in Schulen und Hochschulen, sondern auch im Alltag näherbringen. 3-D-Drucker oder Technik für virtuelle Realität könnten das ebenso sein wie spezielle Bildungs- oder Freizeitangebote aus der digitalen Welt. „Wir wollen den Hamburgerinnen und Hamburgern vermitteln, dass Digitalisierung etwas Positives ist“, so Brosda.

Ort der Information und Kommunikation

Anders als beim Projekt „Hammerbrooklyn“, das sich vor allem an Unternehmen richte, solle das „Haus der digitalen Welt“ ein Treffpunkt für alle Bürger der Stadt werden. Hier sollen allen die Möglichkeiten digitaler Technik nicht nur nähergebracht werden, sondern zugleich zur Nutzung offenstehen. „Das wird ein Ort der Information, der Kommunikation, der Bildung und letztlich der gesellschaftlichen Selbstermächtigung“, so Brosda. „Wir wollen, dass alle an der digitalen Welt teilhaben.“

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Seit einer Weile gibt es laut Brosda bereits eine Arbeitsgruppe, die ein konkretes Konzept für das „Haus der digitalen Welt“ entwickelt. Beteiligt seien das Amt Medien der Behörde für Kultur und Medien, die Senatskanzlei, die Bildungsbehörde, die Bücherhallen mit der Zen­tralbibliothek, die Volkshochschule und Vordenker des Digitalen aus den Hochschulen. Die Informatik-Plattform ahoi.digital soll ebenfalls mit ins Boot geholt werden.

In diesem Jahr sollen erste Konzeptpapiere mit den Eckpunkten des Projektes vorgestellt werden. Allerdings gibt es dabei noch viele ungeklärte Fragen. Noch ist kein Ort für das Vorhaben gefunden, dafür sei es zu früh, so Brosda. Auch der Name des neuen Begegnungsortes für Jung und Alt steht noch nicht fest. Der etwas sperrige Begriff „Haus der digitalen Welt“ sei lediglich der Arbeitstitel, so Brosda. So werde das Ganze am Ende sicherlich nicht heißen.

Die genauen Kosten stehen noch nicht fest

Unklar ist auch, was das neue Vorzeigeprojekt denn kosten könnte. Nur eine Summe ist bereits bekannt: Der Bund wird das Vorhaben mit 60 Millionen Euro fördern. Nach den Regeln der gemeinsamen Finanzierung müsste Hamburg dieselbe Summe noch einmal drauflegen. Aber mit 120 Millionen werde man ziemlich sicher nicht auskommen – ganz gleich, ob es ein Neubau wird oder ein bestehendes Gebäude umgenutzt wird, so Brosda. Schließlich sollen in das neue Gebäude ja auch Angebote der Bücherhallen und der Volkshochschule einziehen.

Dabei gebe es bereits gewissen Handlungsdruck, denn die Zentralbibliothek brauche ständig mehr Platz. „Ich würde mir wünschen, dass wir im neuen Haus der digitalen Welt auch die Zen­tralbibliothek unterbringen und ihre bereits eingeleitete Modernisierung kraftvoll weiterführen“, so Brosda.

In diesen Wochen gehe es darum, mögliche Partner und Nutzungsmöglichkeiten zu identifizieren, um die genauen Bedarfe festzulegen. Auf dieser Grundlage solle dann zügig über den Ort und die konkrete Gestaltung entschieden werden. „Das Haus der digitalen Welt ist ein wirklich großes und komplexes Vorhaben“, sagt Brosda. „Es soll wahrnehmbar an einem zentralen Ort entstehen. Wir wollen eine Art Elbphilharmonie der Digitalisierung für alle bauen. Mit derselben großen Geste, aber einer seriösen Finanzplanung. Das Haus der digitalen Welt soll ein Treffpunkt für alle Hamburgerinnen und Hamburger werden.“