Schule

G8: Steht das Turbo-Abitur in Hamburg auf der Kippe?

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Peter Ulrich Meyer
Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe sieht „keinen Grund, die grundlegende Struktur des Hamburger Schulsystems infrage zu stellen“

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe sieht „keinen Grund, die grundlegende Struktur des Hamburger Schulsystems infrage zu stellen“

Foto: Christian Charisius / dpa

Die CDU prüft eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren auf dem Gymnasium (G9). SPD, Grüne, FDP stehen zu G8. Schulfrieden endet 2020.

Hamburg.  Nach Niedersachsen nun wohl Schleswig-Holstein: Kippt die um ein auf acht Jahre verkürzte Schulzeit (G8) an Gymnasien auch in Hamburg? Für die oppositionelle CDU könnte die Rückkehr zu G9 nach dem Vorbild der Kieler Parteifreunde ein verlockendes Thema für den Bürgerschaftswahlkampf 2020 werden.

Einen ersten Schritt hat die Union getan. „Wir haben unserem Landesfachausschuss Schule einen Prüfauftrag erteilt, sich das Umfeld G8/G9 anzuschauen und bis zum Ende des Jahres eine Empfehlung auszusprechen“, sagt CDU-Landeschef Roland Heintze. Bis 2020 dauert der zwischen CDU, SPD und Grünen geschlossene zehnjährige Schulfrieden, der eine Veränderung der Schulstruktur ausschließt.

Bis dahin gilt: Das Gymnasium bietet das Abitur nach acht Jahren, die Stadtteilschule nach neun Jahren an. Die damalige Koalition von CDU, FDP und Schill-Partei hatte die Schulzeitverkürzung am Gymnasium 2002 eingeführt, die ersten G8-Schüler legten 2010 ihre Reifeprüfung ab. Vor zweieinhalb Jahren noch war ein Volksbegehren zur Abschaffung von G8 am Gymnasium mangels Unterstützung klar gescheitert. Doch seitdem hat sich die bundesweite Debatte über die Schuldauer verändert. Auch Bayern kehrt zu G9 zurück.

Trepoll: Diskussionsbedarf auch bei Inklusion

„Wir werden nicht Hals über Kopf entscheiden. Wir haben ausreichend Zeit“, sagt CDU-Chef Heintze. Vor allem sei es wichtig, die Qualität des Unterrichts voranzubringen. Die Schulexperten der Union sollen auch Vorschläge zur Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen Gymnasium und Stadtteilschule sowie zur Weiterentwicklung des Unterrichts im Rahmen der Inklusion machen.

„Die letzten Landtagswahlen haben gezeigt, dass es besonders zu den Fragen der Inklusion und der Lerndauer erheblichen Diskussionsbedarf gibt“, sagt auch der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll. In Hamburg müssten zum Beispiel politische und digitale Bildung stärker in die Lehrpläne aufgenommen werden. „Ob dies innerhalb der bestehenden Strukturen möglich ist, werden wir bis zur Bürgerschaftswahl intensiv diskutieren.“

Ähnlich äußert sich auch die CDU-Schulpolitikerin Karin Prien, die als mutmaßliche neue Bildungsministerin von Schleswig-Holstein die Rückkehr zu G9 voraussichtlich umsetzen muss. „Die Argumente für eine längere Lernzeit gelten bundesweit. Andererseits hat Hamburg mit dem flächendeckenden Angebot beider Abschlüsse eine Sondersituation“, sagt Prien. Die CDU-Politikerin gehörte zu den entschiedensten Verfechtern des Hamburger Zwei-Säulen-Modells. „G8 oder G9 ist für mich keine Glaubensfrage, sondern eine Abwägungsfrage“, sagt Prien nun.

Rabe spricht von „teuren, aber sinnlosen Reformen“

„Das Hin und Her um G8 ist ein gutes Beispiel dafür, was in der deutschen Schulpolitik falsch läuft“, sagt Schulsenator Ties Rabe (SPD). „Schulpolitik wird dominiert von emotionalen Debatten und ständigen Stimmungsschwankungen und beschäftigt sich meistens mit teuren, aber ziemlich sinnlosen Reformen, die das Schulsystem strapazieren und die eigentlich wichtigen Aufgaben vernachlässigen.“

Sollten Hamburgs Gymnasien zum Abitur nach neun Jahren (G9) zurückkehren?

Es wurden bisher 2438 Stimmen abgegeben.

Rabe war kein Freund der Schulzeitverkürzung bei ihrer Einführung, sagt aber heute: „Es gibt keinen Grund, die grundlegende Struktur des Hamburger Schulsystems infrage zu stellen.“ Hamburg biete G8 und G9 flächendeckend an, jeder Schüler könne also zwischen beiden Wegen wählen. Und: Weil sich die Leistungen der Schüler in den vergangenen Jahren auch in Hamburg insgesamt verbessert hätten, habe G8 zumindest nicht geschadet.

Ausgerechnet SPD-Chef Martin Schulz ist für G9

Für die Hamburger Sozialdemokraten muss es ein Störmanöver erster Ordnung gewesen sein, dass ausgerechnet SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vor einigen Tagen seine Sympathie für G9 bekundete. „Ich persönlich war immer für das 13-jährige Abitur. Und bin auch nach wie vor dafür“, sagte Schulz bei der Vorstellung seiner bildungspolitischen Ziele. Schulz bezeichnete die jahrelange Politik als „fatal, Schüler so rasch wie möglich für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen“.

Der Bürgermeister und SPD-Parteivize Olaf Scholz drang sofort auf eine Klärung. Wollte der SPD-Vorsitzende etwa das Aus von G8 in Hamburg? Martin Schulz, so heißt es nun etwas bemüht, habe nicht grundsätzlich zu G8 oder G9 Stellung genommen. Nun ja.

„Die Rückkehr zu G9 per Verordnung wäre meiner Meinung nach ein falscher Schritt“, sagt die Grünen-Schulpolitikerin Stefanie von Berg, die in Hamburg derzeit keine solche Tendenz sieht. Das liege auch daran, dass Hamburg ein Stadtstaat mit kurzen Wegen und guter Erreichbarkeit der unterschiedlichen Schulformen sei. Von Berg, die im niedersächsischen Schuldienst tätig ist, warnt vor den organisatorischen Problemen, die eine Rückkehr zu G9 bedeutet. „Das gesamte pädagogische Konzept muss überarbeitet werden. Es sind umfangreiche Arbeiten an den Lehrplänen, den Schulbüchern und den Stundentafeln nötig“, beschreibt die Grüne die Lage in Niedersachsen.

Der Linkspartei ist eine längere Schulzeit sympathisch

Die FDP-Schulpolitikerin Anna von Treuenfels-Frowein spricht sich im Prinzip für die Fortführung des Modells G8 an Gymnasien und G9 an Stadtteilschulen aus. „Das kann aber nur funktionieren, wenn es gut umgesetzt wird“, sagt die Liberale. Rot-Grün stärke das Zwei-Säulen-Modell gerade nicht, sondern lasse zum Beispiel die Stadtteilschulen mit der Aufgabe der Inklusion im Stich und schwäche die Gymnasien durch ein niedriges Leistungsniveau.

„Wir haben selbstverständlich alle Sympathien für eine wieder längere Schulzeit am Gymnasium“, sagt Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus. „Das Alleinstellungsmerkmal G9 wäre allerdings für die Stadtteilschulen verloren und würde sicher weitere Verluste bei den Schüleranmeldungen nach sich ziehen.“ Deswegen müssten sich auch die Gymnasien verändern und zum Beispiel Inklusionsschüler aufnehmen, was bislang, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht der Fall ist. Dann wären die beiden Schulformen allerdings kaum mehr zu unterscheiden.